Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Reichtum im Armenhaus

Äthiopien Reichtum im Armenhaus

Die Welt schaut derzeit auf Südafrika. Kaum einer kennt Äthiopien – das Reiseziel im Nordosten Afrikas, die Wiege einer alten Kultur.

Voriger Artikel
Typisch Auvergne!
Nächster Artikel
Florida will sich nicht ergeben

Probier mal das Huhn, das ist das Beste“, sagt Zee, reißt ein Stück ab vom säuerlichen Hirsefladen – Injera genannt – und wickelt darin eine mundgerechte Portion Hähnchenragout von der Gemeinschaftsplatte ein. Den Leckerbissen reicht der junge Mann per Hand herüber. Man dankt und greift zu. Natürlich ebenso mit der Hand. Messer und Gabel sind hier unüblich. Wozu auch? Das Mittagessen in Addis Abeba hat mit ausgiebigem Händewaschen begonnen und endet mit frisch geröstetem Kaffee, in dem ein duftender Myrtenzweig schwimmt.

So wird in Äthiopien gespeist. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber lecker, scharf gewürzt und sehr gesellig. Zu empfehlen: der leicht rauchige Honigwein namens Tedj, serviert in bauchigen Flaschen. Vielleicht doch zu heftig für europäische Mägen: das rohe Fleisch, das sich die Äthiopier gern direkt vor dem Mund mit scharfem Messer abschneiden. Essen und Trinken in Äthiopien, im Armenhaus Afrikas, von dem man so viel Schreckliches über Hungersnöte und (Bürger-)Kriege gehört hat? Muss das sein? Darf man es sich dort überhaupt schmecken lassen?

Wiege der Menschheit

Äthiopien, das ist viel mehr als Not und Leid. Das ist bis ins vierte Jahrhundert zurückreichende christliche Geschichte. Das ist das einzige Land Afrikas, das sich gegen die europäischen Kolonialisten behauptete. In der glorreichen Schlacht von Adwa vertrieben sie 1896 die Italiener aus dem Land.

Äthiopien gilt auch als die Wiege der Menschheit: Im Nationalmuseum von Addis Abeba hat „Lucy“ einen ganzen Raum für sich reserviert. So heißt der Vorläufer des Homo sapiens, der bereits vor dreieinhalb Millionen Jahren auf zwei Beinen ging. Und erst 2009 präsentierten Wissenschaftler den noch eine Million Jahre älteren Ardi, auch er ein in Äthiopien gefundener Vorfahr des Menschen.Wer sich im Hochland des Nordens auf eine Rundreise begibt, trifft auf eine schier unglaubliche Vielfalt von Kultur und Natur. Eine Bootstour auf dem Tanasee, dem größten See Äthiopiens, führt vorbei an prustenden Nilpferden und schwer mit Feuerholz beladenen Papyrusbooten zu idyllischen Inselklöstern.

In Glasschränken liegen kostbare Herscherkronen und uralte Handschriften, im Innern der Rundkirchen sind die Wände mit bunten und auch für Schreibunkundige lehrreichen „Bibelcomics“ dekoriert, wunderschön erhalten etwa auf der Halbinsel Zeghie. Neben der Kirche mit den metallenen Straußeneiern auf dem Dach steht ein Mönch, versunken in Meditation. Von den paar Touristen lässt er sich nicht stören.

Die alte Kaiserstadt Axum unweit der Grenze zu Eritrea wirkt auf den ersten Blick vor allem staubig – aber dann sieht man die archäologische Sensation mitten im Zentrum stehen: 20, 30 Meter hohe Granitstelen, aus einem einzigen Stück gefertigt und Hunderte von Tonnen schwer.

Wie haben die Bewohner des Königreichs Axum diese gigantischen „Grabsteine“ einst kilometerweit hierher geschafft? Das weiß bis heute niemand. Überhaupt ist das Königreich weitgehend unerforscht. Unten in den Grabgängen hallt es deutlich vernehmbar unter den Fußsohlen. Hier sind womöglich Schätze versteckt, deren Bedeutung Archäologen mit denen in Ägypten gleichsetzen.

Ein noch größeres Mysterium ruht angeblich ein paar Meter weiter in einem Nebengebäude der Marienkirche. In dem unscheinbaren Haus werden, so heißt es, die Zehn Gebote aufbewahrt, die Moses von Gott empfing. Menilek, der Sohn der Königin von Saba, soll sie aus Jerusalem von seinem Vater, dem König Salomon, nach Äthiopien gebracht haben. Was davon stimmt? Das weiß nur der Mönch, der hier lebenslang Wachdienst verrichtet. Niemand anders bekommt die Zehn Gebote zu Gesicht.

Eine Tagesfahrt von den Axum-Stelen entfernt der nächste spektakuläre Anblick: elf Felsenkirchen, herausgehauen aus dem rötlichen Vulkangestein. Geschaffen haben soll diese Wunderwerke König Lalibela um 1200 – in göttlichem Auftrag „und mit der Hilfe von Engeln“, wie unser Reisebegleiter ganz ernsthaft erklärt. Man kann sogar noch Lalibelas hölzerne Handwerkskiste in der St. Georgskirche bewundern.

Aufs Dach Afrikas

Die Kirchen in dem auf gut 2600 Höhenmetern liegenden Dorf Lalibela sind eines der größten äthiopischen Heiligtümer. Wer das Glück hat, zum christlich-orthodoxen Weihnachtsfest Anfang Januar hier vorbeizukommen, trifft auf einen Ansturm von 20 000 Pilgern aus dem ganzen Land. Mit Trommeln, Gesängen und Kerzen feiern sie bis in den Morgen hinein. Zuschauen ist erlaubt. Natürlich ohne Schuhe, denn die werden vor den Gotteshäusern ausgezogen.

Keine Lust mehr auf Kirchen? Dann lässt man sich über staubige Buckelpisten hinaufkutschieren aufs Dach Afrikas. Das Semyiengebirge kann es locker aufnehmen mit dem Grand Canyon. Der Norden ist ein unentdecktes El Dorado für Wanderer. Schier bodenlose Schluchten öffnen sich zwischen bizarren Felsformationen. Am Himmel kreisen Lämmergeier, irgendwo im Grün lauern Leoparden. Ganze Affenherden tun sich schmatzend am Gras gütlich. Nur hier oben gibt es die Dscheladas, die mit Pavianen verwandten Primaten mit Löwenmähne und knallroter Brust. Die riesigen Eckzähne täuschen: Die Affen sind Vegetarier. Die auf mehr als 3200 Metern gelegene Simien Mountain Lodge wirbt für sich, die höchste Lodge Afrikas zu sein. Wer nachts bei Minusgraden vom wärmenden Feuer bibbernd zu seiner Rundhütte aufbricht, glaubt das sofort.

Den stärksten Eindruck auf den Besucher des Landes hinterlassen die Menschen selbst, die am Straßenrand unterwegs sind. Bunt uniformierte Schüler hasten zehn, 15 Kilometer weit zum Unterricht. Männer, Frauen und Kinder treiben mit langen Stöcken Esel und Kamele zum nächsten Markt. Bepackt sind Menschen wie Tiere mit Feuerholz, Säcken, Kanistern. Und überall hüten kleine Knirpse Ziegen, Schafe oder Kühe.

Wo immer der Besucher stoppt, Sekunden später tauchen Kinder scheinbar aus dem Nichts auf. Auf leere Wasserflaschen und Kugelschreiber haben sie es abgesehen. Wenn es nichts gibt, ist’s auch egal: Sie lachen und winken trotzdem. Halb Äthiopien scheint jeden Tag auf Wanderschaft zu sein. Jedenfalls noch: Im großen Stil werden mit Hilfe von chinesischen Fachleuten Asphaltpisten verlegt. Die neuen Fahrgeschwindigkeiten lassen erahnen, dass es mit dem Nebeneinander von Autos und Hirten bald vorbei ist. Die Unfälle häufen sich.

Zugegeben, ein unbeschwertes Reiseland ist Äthiopien nicht. Panzerwracks und Flüchtlingslager erzählen vom Krieg mit Eritrea, der hier vor weniger als zehn Jahren tobte. Vielerorts buddeln internationale Hilfsorganisationen Brunnen und gründen Schulen, die Armut ist allgegenwärtig. Viel Staub schluckt der Reisende, der sich im Geländewagen auf Huckelpisten durchschütteln lässt. „African Massage“ nennt das unser Fahrer Dagne und grinst. Abends im Hotel muss manchmal mit kaltem Wasser geduscht werden. Wer der Sauberkeit der Unterkunft nicht trauen mag, bringt besser seinen eigenen Schlafsack mit.

Doch solche Widrigkeiten überdecken keinesfalls die reichen Eindrücke – und erst recht nicht die Gastfreundschaft der Äthiopier. Zee, unser Gastgeber beim Mittagessen in Addis Abeba, hatte recht: Das Hähnchen im Hirsefladen ist tatsächlich lecker.

Stefan Stosch

Anreise
Ethiopian Airlines und Lufthansa fliegen von Frankfurt nach Addis Abeba. British Airways (über London), Turkish Airlines (über Istanbul) und Egypt Air (über Kairo) bieten ebenfalls Flüge von Deutschland nach Äthiopien an.
Veranstalter
Marco Polo bietet Rundreisen mit eigenem Fahrer, Geländewagen und lokalen Guides. Kosten für die 13-tägige Reise „Äthiopien – Wiege der Menschheit“ ab 2899 Euro. Gruppenreisen ab 2299 Euro.
Auch Studiosus, Diamir oder Ikarus Tours haben Äthiopien im Programm.

Beste Reisezeit
September bis Mai.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Reisen
Leseraktion: Zimmer mit Aussicht

Teilen Sie den schönsten Ausblick aus ihrem Urlaubsdomizil mit anderen Lesern: Die besten Einsendungen veröffentlichen wir in dieser Bildergalerie.