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Schottlands graue Stadt

Aberdeen Schottlands graue Stadt

Aberdeen ist die wohl abgelegenste Großstadt des Vereinigten Königreichs – und als wichtige Dependance internationaler Ölfirmen eine der geschäftigsten.

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Eine Landschaft aus Granit: Die grauen Steine, wie hier in Aberdeens Union Street, strahlen im neuen Glanz.

Quelle: iStockphoto.com/nmstock

Über dem Tresen baumelt ein Skelett. Nicht weit davon steht eine Apparatur in einer Vitrine, die aus einem alten Frankenstein-Film zu stammen scheint. Und im Eingangsbereich fällt der Blick sofort auf eine Büste von Vlad Tepes, jenem rumänischen Fürsten, der das Vorbild für Bram Stokers „Dracula“-Roman war. Slains Castle Pub in Aberdeen ist unzweifelhaft ein Themenpub. Aber das ist nicht die einzige Besonderheit: Er befindet sich in einer ehemaligen Kirche.

Die South Church in der Belmont Street ist eines jener früheren Gotteshäuser, das mittlerweile für ausgesprochen weltliche Dinge genutzt wird. Gegenüber, in der ehemaligen Congregational Church, ist der Klub The Priory eingezogen. Das Restaurant Musa in Hafennähe befindet sich in einer alten Kapelle. Neues Leben in alten Mauern.

„Das passiert in Großbritannien ab und zu mal, dass in eine nicht mehr genutzte Kirche neues Leben einzieht“, sagt Paul Pillath, Leiter der städtischen Abteilung für Planung und Entwicklung, und lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. Nur dass es in Aberdeen mittlerweile ein Dutzend entweihter Sakralbauten gibt – mal sind dort Wohnungen entstanden, mal Büroräume. Besonders beliebt sind die altehrwürdigen Gebäude aber für Pubs und Bars.

Auch Pillath muss mit seinem Büro in diesem Jahr noch umziehen, aus einem eher hässlichen Hochhaus in das frisch renovierte Marischal-College gegenüber, das dann als Rathaus genutzt wird. Nach der Sanierung strahlt und blitzt das Marischal-College wieder. Der neogotische Bau, zwischen 1836 und 1906 entstanden, ist das zweitgrößte Granitgebäude der Welt und mit seiner filigranen Fassade eines der schönsten Gebäude der Stadt.

In Aberdeen gibt es etliche Gebäude aus Granit. Seit dem 17. Jahrhundert dominiert das graue Material im Stadtbild und hat der Stadt den Beinamen „Granite City“ eingebracht. Bei Sonnenschein funkelt es hier und dort an den Wänden. Allerdings gehört Aberdeen im Nordosten Schottlands eher selten zu den Zielen von Schottland-Reisenden, die meist von Edinburgh oder Glasgow gleich hinauf in die Highlands fahren. Dabei ist die 214 000-Einwohner-Stadt gerade einmal eineinhalb Stunden vom Besuchermagneten Schloss Balmoral entfernt, dem Sommersitz der Queen in der Deeside. Da Aberdeen als Europas Ölhauptstadt gilt – von dort aus werden Plattformen in der Nordsee versorgt –, spielt Tourismus keine große Rolle in der Stadt.

Wer also normales Großstadtleben mit vielen Geschäften, Restaurants und Pubs haben und gern auf die vielen Touristenfallen verzichten will, die sich etwa auf der Royal Mile in Edinburgh aneinanderreihen, der ist in der Hafenstadt genau richtig. Wobei man den Hafen und das Wasser von der Hauptstraße, der Union Street, aus nur an einer Stelle sehen kann. Einzig die allgegenwärtigen Möwen mit ihrem gelegentlichen Kreischen erinnern daran, dass man an der Nordsee ist.

Das Wasser hat auch Shelagh Swanson nicht im Blick, wenn sie an ihrer Staffelei steht. Die junge Künstlerin wohnt und arbeitet in einem kleinen, gedrungenen Reihenhaus in Footdee, dem alten Fischerviertel direkt am Strand. Wobei niemand „Footdee“ sagt, das Wort ist im einheimischen Dialekt Doric zu „Fittie“ geworden. Das Haus von Swanson steht keine zwei Meter vom Strand entfernt, hat aber kein Fenster zum Meer. „Im Herbst und Winter ist die See sehr rau, da spritzen Wasser und Gischt über das Haus hinweg. Damit die Fischerhäuser innen trocken blieben, hat man auf der Meerseite absichtlich auf Fenster verzichtet“, erzählt sie, während sie auf einer kleinen Bank vor dem Haus in der Sonne sitzt.

Die nur eineinhalbgeschossigen Häuser stehen unter Denkmalschutz und sind beliebt, viele nutzen sie auch als Feriendomizil, schließlich erstreckt sich dahinter ein kilometerlanger Sandstrand, den die Einwohner der Stadt bei schönem Wetter oft besuchen. Vielleicht lockt sie aber auch der gar nicht so kleine Freizeit- und Amüsierpark, keinen Kilometer vom Hafen entfernt. Jedenfalls werden sie dort nicht die Delfine sehen, die von November bis Juni in der Hafeneinfahrt schwimmen und dort Lachse und Forellen fangen, die den Fluss Dee hinaufziehen wollen.

Wie wichtig dieser Hafen für die Geschichte dieser Stadt ist und wie sich die Schifffahrt im Laufe der Zeit gewandelt hat, können Besucher kostenlos im Maritimen Museum sehen. Es befindet sich in drei Gebäuden: im Provost-Ross-Haus, einem modernen Verbindungsbau, in dem der Eingang ist, sowie einer ehemaligen Kirche.

Im Museum ist eine großartige Ausstellung von den Anfängen der Seefahrt zu sehen, der großen Zeit der Hering- und Dorschfischerei bis hin zur heute dominierenden Ölindustrie – sinnbildlich mit einem Modell einer Bohrinsel im Eingangsbereich dargestellt, das bis in die dritte Etage reicht. Dort sind auch Originalkojen von den Arbeitern der Plattformen zu sehen. Führungen gibt es nur auf Englisch, aber ein gutes Faltblatt klärt über alles Wesentliche auf Deutsch auf. Der Ehemann von Museumschefin Meredith Greiling ist gebürtiger Deutscher und hat es übersetzt.

Vom geschäftigen Treiben des Hafens und der Innenstadt ist in Old Aberdeen indes nichts mehr zu spüren. Drei Kilometer vom heutigen Stadtzentrum liegt die Altstadt mit ihren engen Kopfsteinpflastergassen. Heute dominiert die Universität die Altstadt. Interessierte können sich das King’s College und die St. Machar’s Kathedrale ansehen. Überhaupt lohnt sich ein Spaziergang durch die wohl schönste Gegend von Aberdeen. Schließlich sind die Kirchen dort noch echte Kirchen.

Stefan Bürgel



Hin und weg

Anreise:
Die Bahnfahrt von Edinburgh nach Aberdeen dauert zweieinhalb Stunden. Wer direkt nach Aberdeen fliegen will, kann dies mit KLM (via Amsterdam) oder SAS (via Kopenhagen) tun. Kosten: 400 Euro aufwärts.


Unterkunft:
Vom einfachen Bed & Breakfast bis zum Luxushotel gibt es eine breite Auswahl.
Jurys Inn, ab 59 Pfund (66 Euro)
www.jurysinn.com
Hilton Garden Inn, 
ab 62 Pfund (70 Euro)
www.hiltongardeninn.hilton.de
Malmaison, ab 120 Pfund (136 Euro) www.malmaison.com


Weitere Informationen:
www.visitscotland.com
www.aberdeen-grampian.com

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