Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Sehnsucht nach Masuren

Polen Sehnsucht nach Masuren

Polen ist ein großes Land. Und je weiter man nach Osten kommt, umso größer scheint es zu werden. Mit dem Hausboot unterwegs in einem großen unbekannten Land.

Voriger Artikel
Im Freilandlabor
Nächster Artikel
Zu Gast bei den Crawleys

Idyllisch: Einen Sonnenuntergang auf dem Wasser zu erleben – was gibt es Schöneres? In Masuren, hier in der Marina in Steinort im Norden der Seenplatte, wollen das viele Segler und Motorbootfahrer.

Quelle: Piper

Gizycko. Polen ist ein großes Land. Und je weiter man nach Osten kommt, umso größer scheint es zu werden. In den Randgebieten der Städte treffen wir noch häufig auf die Wohnungsbausünden des real untergegangenen Sozialismus, die wie Schorf in der Gegend liegen. Geschichte lässt sich eben nicht mal so ausmerzen. Eine Erfahrung, die wir auf dieser Reise noch mehrmals machen werden. Unser Ziel sind die großen Masurischen Seen, jene Landschaft, deren Ursprünglichkeit einzigartig in Europa sein soll. Eine Woche lang wollen wir sie mit dem Hausboot erkunden.

Nach elf Stunden Autofahrt ist unsere erste Etappe das kleine Städtchen Ostróda, das wir uns zum Übernachten ausgesucht haben. Ein abendlicher Spaziergang am See, ein erstes Eintauchen in das große, weite Land östlich der Bundesrepublik – ein Land, das von der Geschichte in vielen Jahrhunderten zerwühlt wurde: Deutscher Orden, der von Rom aus dirigiert wurde, zahlreiche Kriege, die ständige Gefahr, zwischen Deutschen und Russen zerrieben zu werden, Drittes Reich und Kommunismus haben das Land schwer gebeutelt. Aber die Polen sind ein stolzes Volk, das sich nicht unterkriegen ließ, das selbst die Jahrzehnte ohne eigenen Staat überstanden hat. In Ostróda kommt es auch zur ersten Begegnung mit der polnischen Küche: Piroggi, Teigtaschen, gefüllt mit einer Farce aus Gänsefleisch in Trüffelsoße. Dazu ein leicht malziges, lokales Bier. Wir sind keine Restauranttester, aber unser Urteil steht: drei Sterne. Mindestens.

Am nächsten Tag machen wir uns auf nach Gizycko im historischen Ostpreußen. Das kleine Städtchen liegt im Herzen der Masurischen Seenplatte, schon die Fahrt dorthin unter endlosen Eichen- und Lindenalleen ist ein Erlebnis. In Masuren, so heißt es, ist die Zeit entrückt. Wer Einsamkeit und die Nähe zu unverbrauchter Natur sucht, wird hier fündig. Außer im Juli und August. Dann herrscht an und auf den Masurischen Seen Hochbetrieb, denn hier treffen sich Polens Wassersportler: Kanuten, Segler, Wasserski- und Hausbootfahrer. Gizycko ist ihr Zentrum. Von hier aus kann man gleichermaßen gut zu Törns in die großen nördlichen und südlichen Seen aufbrechen, hier findet man alles, was man für einen solchen Trip benötigt.

Leider bekommt man mehr: Die Basis liegt in der modernen Yellow Marina im südlichen Teil der Stadt. Gleich nebenan legen die Fahrgastschiffe der „Weißen Flotte“ an, ein paar Schritte weiter beginnt ein Vergnügungspark mit zwei Diskotheken. Wer Erholung sucht, wird diesen Ort verlassen, sobald er sich auf dem Schiff eingerichtet hat. Auch für einen erfahrenen Hausboot-anbieter wie Le Boat, der in diesem Jahr erstmals in Masuren vertreten ist, ist ein Anfang in einem neuen Revier offenbar schwer. Denn die Einweisung in das fremde Boot ist dürftig, das Kartenmaterial, das man uns übergibt, stellt sich als wenig brauchbar heraus. Auch wenn man zum Führen der Boote keinerlei Vorkenntnisse benötigt: Wer klug ist, macht sich vor Reiseantritt mit den wichtigsten Vorfahrtsregeln auf dem Wasser vertraut und eignet sich ein, zwei einfache Seemannsknoten an, die man zum Anlegen brauchen kann. Auch die Betonnung, also die Markierungen auf dem Wasser, sollte man kennen, da die Masurischen Seen vor heimtückischen Untiefen nur so wimmeln. Als wirklich hilfreich hat sich der Gewässerführer „Bootsurlaub in Masuren“ erwiesen, der 2009 in der Edition Maritim (Deluis Klasing) erschienen ist.

Wenn man Gizycko einmal im Kielwasser hinter sich gelassen hat, ist die Welt schnell wieder in Ordnung. Wir haben den Bug zuerst gen Süden gerichtet, über den Löwentinsee in Richtung Ryn und Mikolajki. Und hier beginnt eigentlich das, weshalb man gekommen ist: Masuren aus dem Bilderbuch. Schilfgürtel, die sich kilometerlang an den Ufern hinziehen, Inselchen, versteckte Buchten. Wer spektakuläre Landschaftspanoramen erwartet, wird enttäuscht sein, denn das Land um die Seen ist eher so, wie sich der liebe Gott eine liebliche, hügelige Natur vorgestellt hat. Balsam für die Augen. Hier treibt einen nur die Neugier voran, wie es hinter der nächsten Bucht aussehen könnte. Und wer es verlernt haben sollte: Hier kann er Langsamkeit neu erlernen.

Und der Staat Polen meint es gut mit seinen Wassersportlern: Jachten dürfen überall anlegen, Anker werfen und über Nacht bleiben. Lediglich das Ankern inmitten der Seen ist verboten. Diese Regel schafft Freiräume. Wer baden will, sucht sich ein lauschiges Plätzchen und geht dort vor Anker oder macht an einem Baum am Ufer fest. Die Wasserqualität ist erstklassig, lediglich in Nähe der größeren Städte sollte man nicht unbedingt planschen. Und auch die Morgenstunden an Deck eines Schiffes, wenn die Sonne die Seen in ein silbernes Licht taucht, haben einen ganz eigenen Reiz.

An Land begegnet der Reisende ständig der Geschichte. Vor allem die Kreuzritter des Deutschen Ordens haben sich hier ordentlich unbeliebt gemacht. Dass sich daraus Kapital schlagen lässt, hat ein Hotelier in Ryn bewiesen, der die alte Burg dort kurzerhand zum Vier-Sterne-Luxushotel nach Ritterart ausgebaut hat.

Auch sonst gehen die Polen auffallend lässig selbst mit den ganz dunklen Kapiteln der Geschichte um: Die Wolfsschanze, von der aus Hitler den Überfall auf Russland plante und die nur ein paar Kilometer vom Dobensee (im Norden, für Motorboote gesperrt) entfernt liegt, ist eine Touristenattraktion. Urlauber werden mit alten Mannschaftswagen herumgefahren und können sich mit Handgranatenattrappen oder nachgebauten Stahlhelmen eindecken. In einem der Bunker ist sogar ein Schießstand eingerichtet worden. Dort kann man zwischen Tarnnetzen auf Scheiben schießen.

Einige Kilometer weiter in Steinort am Dargainensee liegt einen Steinwurf von der wunderschön gelegenen Marina entfernt das verfallene Schloss Steinort, der alte Wohnsitz der von Lehndorffs. Heinrich Graf von Lehndorff gehörte zu den Beteiligten der Verschwörung zum Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler und wurde am 4. September 1944 in Berlin hingerichtet.

Für Eilige ist es übrigens überhaupt kein Problem, sowohl die südlichen als auch nördlichen Seen in nur einer Woche kennenzulernen. Die Distanz beträgt rund 120 Kilometer und ist leicht zu überbrücken, da die Seen untereinander durch Kanäle verbunden sind. Wenn man nach einer Woche von den Seen zurückkehrt, hat man das Gefühl, dass es nicht genug war. Man möchte wiederkommen in dieses weite Land und noch einmal eintauchen in die heitere Melancholie der Masurischen Seen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Reisen
Leseraktion: Zimmer mit Aussicht

Teilen Sie den schönsten Ausblick aus ihrem Urlaubsdomizil mit anderen Lesern: Die besten Einsendungen veröffentlichen wir in dieser Bildergalerie.