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Viel Zeit für „Yukon time“

Kanada Viel Zeit für „Yukon time“

In Kanadas äußerstem Nordwesten gibt es neben Elchen und Bären vor allem eines: Gelassenheit. Ein Besuch in den Yukon Territories.

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Anblicke, die den Atem stocken lassen: Die Gebirgs- und Gletscherlandschaft im Kluane-Nationalpark – hier der Kaskawulsh-Gletscher – gehört zu den gewaltigsten der Welt.

Quelle: Yukon

"Yukon Bay“ nennt sich eine Polarlandschaft, in der Besucher des Zoos in Hannover seit dem vergangenen Jahr zwischen Eisbären und Seelöwen spazieren können. Doch das wirkliche Yukon liegt nicht in Niedersachsen. Es liegt im Nordwesten Kanadas und ist ein Traumziel für alle, die keine weiten Wege scheuen.

On Yukon Time

Wir fragen Rick Bennent, was es bedeutet, „on Yukon time“ zu sein. Diese Formel haben wir schon häufiger gehört, womöglich gehen hier die Uhren anders. „Zeit ist die Zeit, die man für etwas braucht“, sagt der 64-Jährige. Wir müssen nachdenken, es hört sich an wie eine Binsenweisheit. Bennent erklärt: Ein Yukoner würde nie sagen, er verfüge noch über ein Zeitfenster für dieses oder jenes, könne noch ein wenig Zeit erübrigen oder habe welche verloren.

Die Yukon Territories sind so groß wie Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammen. Insgesamt leben dort aber nur 35 200 Menschen. Der Yukoner hat mithin reichlich Gegend um sich herum. Die nutzt er zu allerlei Aktivitäten und möchte, dass auch mehr Touristen das tun. 13 000 reiselustige Deutsche zieht es im Jahr in Kanadas Nordwesten – „etwa so viel, wie an einem schönen Tag in Hannovers Zoo“, stellt Tourismusministerin Elaine Taylor fest. Die Yukoner nutzen den Tierpark zur Werbung; Taylor spricht von „unserer Botschaft in Deutschland“.

Auf dem großen Fluss

Wir beginnen unsere Reise in Whitehorse. Der 3200 Kilometer lange Yukon Fluss, der dem Land den Namen gegeben hat, ist hier noch jung. Wir machen uns auf eine Kanupartie. Die Strömung treibt uns vorwärts, sodass wir wenig paddeln müssen. Die Sommersonne strahlt kräftig, und das Wasser ist warm genug für ein Bad. Irgendwann hören wir auf, die Adler zu zählen, die in den Bäumen auf den Steilklippen über dem Fluss sitzen und das Revier beobachten.

Der Ausritt

Buster kann nichts erschüttern. Mit stoischer Ruhe trottet er durch den Espenwald, der uns zum Takhini-Fluss führt, einem der Quellflüsse des Yukon. „Unsere Pferde sind Nachkommen der Packpferde aus Goldrauschzeiten. Sie haben gelernt, hart und genügsam zu sein“, sagt Rolf Schmidt. Der gebürtige Westerwälder ist Anfang der neunziger Jahre nach Kanada ausgewandert und verdient sein Geld mit einem Reiterhof, auf dem er auch geführte, mehrtägige Touren durch die Wildnis arrangiert. Der treue Buster und die anderen Tiere lassen sich von unseren beschränkten Reitkünsten nicht aus der Ruhe bringen. Und auch für den atemberaubenden Ausblick in die milde Abendsonne, der sich uns auf dem kleinen Hochplateau über dem Fluss bietet, haben sie nicht viel übrig. Während wir staunen, mümmeln die Pferde ein paar Gräser. Später spülen wir uns den Staub mit einem Bier aus der Kehle und essen ein gegrilltes Steak.

Über allen Gipfeln

„Mein Fluglehrer sagt, ich sei schwer talentiert“, sagt Thor Flender mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Das beruhigt uns, denn der smarte Bursche aus dem Kaff Haines Junction soll gleich auf einer Schotterpiste ein fünfsitziges Propellerflugzeug der Marke Cessna zum Flug über eine der gewaltigsten Gebirgs- und Gletscherlandschaften der Erde starten. Anders als aus der Luft sind der Kluane-Nationalpark und die Elias Mountains nur durch Wanderungen an den Rändern zu erkunden.

„Festhalten und Tüten nehmen, falls es nötig wird“, warnt Flender dann über Bordfunk. Als sich die Cessna den ersten Bergen nähert, erleben wir ein Luftrodeo. „Hier treffen zwei Winde aus zwei Tälern aufeinander“, erklärt der Mann, der unser Schicksal mit einem Steuerknüppel lenkt. Dann sind wir im Gebirge, es wird ruhiger. Trotzdem halten wir noch den Atem an, angesichts dessen, was wir nun sehen. Unter uns fließen die weißen oder eisblauen Massen der Gletscher aus den Bergen. Vor uns schieben sich die weißen Riesen mit dem fast 6000 Meter hohen Mount Logan ins Bild. Immer wieder wechseln die Panoramen, es sieht aus, als hätte ein riesiger Eisbildhauer sich hier ausgetobt.

Die große Fahrt

Die meisten Reisenden entscheiden sich für eine Tour auf einem der Highways, die das Territorium erschließen. Wir wählen von Haines Junction den bekanntesten, den Alaska-Highway gen Norden. Er windet sich durch Wälder und vorbei an kahlen Hängen zum Grenzort Beaver Creek. Fortwährend halten wir nach Elchen und Bären Ausschau, von denen in Yukon jeweils mehrere Zehntausend leben. Die Tagesbilanz lautet: Elche zwei, Bären null.

Dann müssen wir auf die Tube drücken. Der Highway „Top of the World“, eine Schotterpiste, die uns zur Goldgräberstadt Dawson City führen soll, wird wegen Straßenschäden geschlossen. Wir müssen den letzten Konvoi erreichen, der ab Chicken fährt, einem 20-Einwohner-Kaff, das im Wesentlichen aus drei Souvenirläden besteht. Auf den letzten Drücker schaffen wir es und zuckeln zwischen Lastwagen und Wohnmobilen über die 60 Meilen lange Piste. Sie trägt ihren Namen, weil sie auf dem Kamm des etwa 1000 Meter hohen Gebirgsstocks langführt. Die Wolken sind zum Greifen nah, bis zu allen Horizonten durchziehen Gebirgsketten das Land.

Let’s Dance

Wir gehen weit nach Mitternacht auf einer der Schotterstraßen Dawson Citys zum Hotel. Jetzt, in der Dunkelheit, denken wir, dass uns tatsächlich der Goldsucher George Washington Carmack entgegenkommen könnte. Er hat vor gut einem Jahrhundert mit Kumpels die Bonanza gefunden – das Gold im Kiesbett des Klondike River, das den wohl größten Goldrausch aller Zeiten auslöste, dem wiederum Dawson City seine Existenz verdankt.

Die 1700-Einwohner-Stadt wirkt wie konserviert: Die Häuser sind aus Holz und bunt gestrichen, die Fassaden kennt man aus Westernfilmen. Sogar Jack Londons alte Holzfällerhütte steht noch. Und „Diamond Tooth Gertie’s“, gleichzeitig Spielhölle und Saloon, wo wir den Abend begonnen haben. Hier spielen heute Touristen Roulette und Blackjack und dürfen zwischendurch bei den Bühnenshows Cancan-Tänzerinnen auf die Rüschenröcke gucken oder einem Countrysänger zuhören.

Sie beißen nicht

Über den Klondike Highway sind wir zurück nach Whitehorse gefahren, der Kreis hat sich geschlossen. Eines fehlt aber noch – Fischen. Das kann man im Yukon mit einer Tageslizenz, die wir für fünf Dollar an einer Tankstelle lösen. Morgens um 5 Uhr sind wir mit dem Boot auf dem See. Noch einmal berauscht uns die Natur. Nur das Surren der Angelschnüre über die Rollen unterbricht die Stille. Wir sehen zwar Forellen springen, aber es beißt keine an. Was soll’s. Wir sind ja „on Yukon time“.

Bernd Haase



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