Uni-Präsident Prof. Erich Barke erschien am Abend mit seinen Präsidiumskollegen Prof. Gabriele Diewald, Prof. Klaus Hulek und Horst Bauer in dem zentralen Hörsaal am Welfenschloss, um mit mehr als 650 Studenten über ihre Forderungen wie die Abschaffung der Studiengebühren und eine Reform des Bachelorsystems zu diskutieren – und sagte Verbesserungen zu.
„Solidarisieren Sie sich mit uns!“, rief ein Student. Mit Emphase fügte er hinzu: „Holen Sie sich einen Schlafsack, dann sind Sie ein ganz toller Hecht und nicht mehr der Lakai des Gesetzes.“ Damit spielte er auf Barkes Bemerkung an, dass diesem bei einem Großteil der studentischen Forderungen die Hände gebunden seien, weil der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen geschaffen habe. Mit einer Solidaritätsadresse für die Besetzer tat sich Barke schwer: „Ich habe einen anderen Standpunkt, aber wir verfolgen gemeinsame Ziele.“ Zumindest sicherte er zu, die Einnahmen aus Studiengebühren von zwölf Millionen Euro pro Jahr spürbarer als bisher in Lehrpersonal zu investieren – so habe es bei der Einstellung von Professoren rechtliche Probleme gegeben, die nun ausgeräumt seien.
Zu dem von den Studenten kritisierten Numerus clausus beim Übergang vom Bachelor zum Master bezog Barke eine klare Position: „Hier kämpfen wir absolut auf einer Seite. Es ist kein Wunsch unserer Hochschule, Schwellen in das Studium einzubauen.“ Und er fügte hinzu: „Der Master sollte der universitäre Regelabschluss bleiben.“ Vize-Präsidentin Diewald erklärte, aus ihrer Sicht seien die obligatorischen Anwesenheitslisten in den Lehrveranstaltungen nicht nötig – das solle den Dozenten nun per Mail mitgeteilt werden. Bei den Leistungsnachweisen für den Bachelor werde sich das Präsidium für flexiblere Lösungen einsetzen, versprach sie.
Barke will sich zudem für eine Verbesserung der Raumsituation einsetzen. Studenten hatten kritisiert, dass die Philosophische Fakultät unter drastischer Enge leide. „Einigen Fakultäten geht es besser als anderen“, sagte er. Es sei aber auch möglich, fakultätsübergreifend Hörsäle und Seminarräume zu nutzen. Wie das funktionieren kann, zeigt sich während der Besetzung. In einem Arbeitskreis „Vorlesungsverlegung“ haben sich die Besetzer in Rücksprache mit den betroffenen Dozenten um Ersatzräume bemüht. Nach ihren Angaben ist es in den allermeisten Fällen bisher gelungen, keine Lehrveranstaltungen ausfallen zu lassen.
Barke, der sich die Planungen gestern Nachmittag erläutern ließ, konnten die Ausweichlösungen zwar nicht vollends überzeugen, doch er signalisierte eine Kooperation. Er sagte zudem zu, am Mittwochabend wieder mit den Studenten zu diskutieren und auch Probleme Einzelner ernst zu nehmen, wenn diese sich bei ihm meldeten – was das Plenum gestern mit Applaus quittierte. Sollte es aber dazu kommen, dass Vorlesungen nicht verlegt, sondern verhindert würden, sei die Drohung mit Räumung wieder aktuell.
„Eine Eskalation des Protestes nützt niemanden“, betont Anke Frühbis-Krüger. Die Privatdozentin hält für 600 Erstsemester eine Grundlagenvorlesung in Mathematik – und hat das Angebot der Aktivisten akzeptiert, auf einen Hörsaal in der Bismarckstraße auszuweichen. „Sie haben vernünftige Vorschläge gemacht und berücksichtigt, dass ihre Kommilitonen die wichtigen Einführungsveranstaltungen nicht verpassen wollen.“ Es müsse sich aber noch herausstellen, ob die Lösungen die Erstsemester zufriedenstellen. Auch ein Dozent der Elektrotechnik will sich auf die „Zwischennutzung“ einlassen. „Eine Dauerlösung können die Verlegungen nicht sein“, erklärt Maschinenbauprofessor Gerhard Poll.
Grundsätzlich hätten die Lehrenden großes Verständnis für die Proteste, betont Mathematiker Prof. Marcel Erné. Allerdings gingen die Aktionen an die falsche Adresse: „Ein Protest am Landtag wäre zielgerichteter.“ Schließlich habe die Politik die Bedingungen im Bildungssystem zu verantworten.
Von Juliane Kaune und Julia Sellner
Kommentare
Berichterstattung der HAZ ehemalige Studierende – 24.11.09
Schade ist, dass bei der HAZ keine objektive Berichterstattung im Vordergrund steht.Fehlerteufel! Frank – 24.11.09
sorry, natürlich Anfragen, die unseren Zielen nicht! zuwider laufenKommentar von Simon "Links?" Frank – 24.11.09
Das Ausliegen der besagten "Free Iran" Zettel, hat etwas mit einer Anfrage von iranischen Studierender zu tun, die das Auditorium zwecks Informierung und Bitte um Solidarisierung nutzten. Wir kümmern uns also selbst um das wesentliche, sperren uns aber nicht gegen Anfragen von "ausserhalb", wenn diese unseren Zielen zuwider laufen.MFG
Schadet euch nicht selbst! Student_F – 24.11.09
Das hier und in anderen Foren mal wieder einige Leute auf diejenigen schimpfen, die sich mit viel Fleiß und Hingabe für den Anliegen aller Studenten engagieren, finde ich wirklich beschämend. Es sind häufig diejenigen, welche sich von selber nie engagiert hätten, die durch ihr unsolidarisches und reaktionäres Verhalten einem gemeinschaftlichen Handeln von innen heraus schaden.Die angebrachte Kritik ist meistens polemisch und klischeebehaftet oder einfach offen beleidigend.
Glauben die Kritiker etwa es hätte dieses konstruktive Gespräch des Präsidiums mit über 650 Studenten gegeben, wenn nicht diese angeblich so „linken Chaoten“ nicht das Audimax besetzt hätten?
Sich selber nicht zu engagieren und dann diejenigen, die dies tun, mit kleinlichem Spott und Häme zu überziehen ist nicht nur unsolidarisch sondern im höchsten Maß asozial!
Es ist wie so oft mit der gewerkschaftlichen Arbeit. Viele Arbeitnehmer schimpfen auf die angeblich „linken“ Gewerkschaftler aber profitieren auch gerne von den durch ihre Arbeit durchgesetzten Verbesserungen (Mehr Lohn, kürzere Arbeitszeit,...).
Konstruktive Kritik am Bildungsstreik ist erwünscht und der Ort dafür ist das von den Studenten im Audimax geschaffene Plenum mit seinen Arbeitskreisen.
Aber stillschweigend im Plenum zu sitzen und gleichzeitig diffamierende und beleidigende Kommentare über Kommilitonen zu verfassen, die sich trauen vor so vielen Leuten frei zu sprechen, ist feige und schäbig.
Tippfehler Simon – 24.11.09
*Kommilitonen, pardon, eh es wieder Ärger gibt!Links? Simon – 24.11.09
Lieber A., wenn du den Artikel gelesen hättest, dann wäre dir sicher nicht entgangen, dass Herr Barke zwar wiederholt darauf hingewiesen hat, unserer Meinung zu sein, aber mit Plattitüden darauf verwies, sich anders dafür einzusetzen. Im Grunde sei er nicht der richtige Ansprechüpartner und Solidarisierung ginge nicht, da er sich an Gesetze halten müsse.Da wundert man sich doch, welche Gesetze er zu brechen befürchtet, wenn er sich in genau dieser Situation hinter die Studenten stellt. Wenn er dann nicht einmal bereit ist, zu jedem einzelnen Punkt eine klare Stellung zu beziehen, ist das Rumgeeiere.
Ich bin wirklich nicht links, aber es ist unerträglich, sich die ganze Zeit Ausflüchte anhören zu müssen.
Und nur mal so an meine Kommolitonen: Was sollen "Free Iran"-Flyer im Audimax? Wir könnten uns ja auch noch um Tibet und Burma kümmern. Echt Leute, konzentriert euch auf's Wesentliche!
Stammtisch N. – 24.11.09
Mit Verlaub, lieber A., Deine eigene Rechtschreibung ist ebenfalls verbesserungswürdig. Desweiteren empfehle ich Dir die Lektüre von Norberto Bobbios "Rechts und Links: Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung". Dein Stammtischgequatsche von dem, was Du für "links" hältst, ist wirklich einfach nur peinlich. Bitte informiere Dich das nächste Mal, bevor Du Dich bemüßigt fühlst, irgendwelche Kommentare abzugeben.demokratischer Protest Exil-Kommilitone – 24.11.09
Meiner eigenen Erfahrung nach verläuft der Protest an der Uni-Hannover sehr demokratisch!Wenn sich jedoch aus einigen Studiengängen eher wenig Leute engagieren, dann kann es schon passieren, dass einige Aspekte ein wenig sozialwissenschaftlichen "Stallgeruch" haben. Das dies nicht immer allen sinnvoll erscheint ist auch klar und trotzdem sind sie dann selbst schuld.
Ich habe großen Respekt vor den politisch aktiven Studenten die letzten Endes für uns alle ihre Freizeit opfern.
Also lasst uns nicht so kleinlich sein und wieder über die wirklich wichtigen Themen sprechen.
"Wir sollten alle sachlich bleiben." bald leider keine Studentin mehr – 24.11.09
Ich gebe zu, 2 - 3 Kommentare von Seiten der Studenten waren nicht ganz sachlich, ein paar waren einfach unglücklich formuliert aber nicht unsachlich. Was ich allerdings, gelinde ausgedrückt, schade finde, ist, dass Herr Barke nach fast JEDER studentischen Wortmeldung auf Sachlichkeit verwies - auch und gerade bei sachlich formulierter Kritik, Fragen und Argumenten.Politisches Engagement A. – 24.11.09
Ein bekannter Ausspruch lautet: "Wer mit 20 noch nicht links war, hat kein Herz. Wer es mit 30 noch ist, hat kein Hirn."Ich finde es schade, dass Nebensächlichkeiten, wie eine geschlechtergerechte Ansprache und linke Floskeln wie "Lakai des Gesetzes", "Degradierung" etc. die eigentliche Botschaft ins Lächerliche ziehen.
Mir ist keine Frau bekannt, die Wert auf die männliche und weibliche Ansprache bei völlig allgemeinen Begriffen wie Studenten oder Besetzern legt. Wie kann man bei solchen Nebensächlichkeiten so pedantisch sein (und gleichzeitig mit seiner Rechtschreibung so nachlässig).
Der Forderungskatalog ist völlig überzogen.
Wenn man sachlich über drei oder vier Themen diskutieren würde, anstatt den linken, alles systemische verhassenden Unreifen bis zum Erbrechen heraushängen zu lassen, könnte man viel mehr erreichen.
Es gibt eine regelrechte Reaktanz gegen das gebentsmühlenartige Wiederkäuen linker Studentenorganisationen unter bestimmten Studiengängen, die traditionell eher politikverdrossen, bzw. zumindest wirtschaftsliberal sind. Diese Kommilitonen hättet ihr auf eurer Seite, wenn ihr weniger polemisch und mehr sachlich fordern würdet.
Ökonomisierung der Lehre verhindern ist zum Beispiel quatsch. Selbst Non-Profit-Organisationen haben ein höchst professionelles und ökonomisches Management. Eine Institutaion wie die Uni oder auch die Länder, denen begrenzte und ständig gekürzte Mittel zur Verfügung stehen MUSS ökonomisch handeln.
Andere, wirklich wichtige und richtige Punkte, wie das völlig Studenten- (für ASTA & Co: UND STUDENTINNEN-) unfreindliche Bachelor/Master-System gehen so unter.
Die Demokratie die ihr fordert, solltet ihr auch mal bei euch selbst walten lassen, indem ihr das repräsentiert, was die Mehrheit der Studenten will, und nicht nur der linke Rand.
zu E-Mail an Barke Student – 24.11.09
Kommentar wurde von HAZ.de gelöscht. Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen unter www.haz.de NutzungsbedingungenE-Mails an Barke Student – 24.11.09
Wir sollten unsere Möglichkeiten wahrnehmen und jeder heute eine E-Mail an Herrn Barke schreiben. Ich denke die Chance vom Präsidium so ernstgenommen zu werden wie während dieser Besetzung haben wir nicht immer. Normalerweise werden Einzelfälle ja zu oft leichtfertig zurückgewiesen. Nachdem das Präsidium gestern sogar jeden Studenten aufgefordert hatte seinen Missmut per E-Mail an ihn hinzutragen, sollten wir dieses auch wahrnehmen.armer Simon, armer Architekt irgendwer – 24.11.09
Na klasse. Ich hätte an Eurer Stelle meinen Kommentar vor dem Absenden nochmals überprüft.Allerdings: der Mangel an gründlicher Ausbildung wird mehr als deutlich. Studenten sollten die von ihnen benutzte "Schriftsprache" beherrschen.
Fazit:Wenn man ernst genommen werden will, sollte man auf solche "Nebensächlichkeiten" achten.
Für Studenten ist das peinlich!
Clishedenken Simon D. – 24.11.09
Ich bin der dort zitierte Student und muss anmerken, dass das ganze natürlich sehr verkürzt dargestellt wurde, im O-Ton hieß es:"Im kriminalisieren [der Studenten] sind Sie groß, aber, das kann ich Ihnen versichern, Sie werden nicht kriminell, wenn Sie uns unterstützen. Solidarisieren Sie sich mit uns! Holen Sie sich einen Schlafsack und legen Sie sich dazu, dann sind sie morgen bundesweit in den Medien ein ganz toller Hecht, anstatt des Lakais des Gesetzes, zu dem Sie sich die ganze Zeit selbst degradieren!"
Herr Barke ist trotz seiner Position mündiger Bürger und unterstützt einen Teil der Forderungen. Dass er dies natürlich "auf eine andere Art" tut ist verständlich, er sollte jedoch erkennen, dass sich für Hochschulen bundesweit in der jetzigen Situation eine einmalige Chance bietet, politisch etwas zu bewegen. Vorrausgesetzt natürlich, dass alle an einem Strang ziehen. Denn eines dürfte sicher sein: Sowohl die Präsidien als auch die Studierenden wollen eine Verbesserung der Lernbedingungen an den Hochschulen.
Es ist sicherlich auch richtig, dass Herr Barke der falsche Ansprechpartner für Veränderungen ist, er ist jedoch der richtige Ansprechpartner für Unterstützung, denn erst mit der Solidarität des Establishments werden die Proteste auch salonfähig. Solang unqualifiziert, dumme Kommentare, wie letzteres abgegeben werden scheint der Protest immernoch als Kritik der "üblichen Verdächtigen" wahrgenommen zu werden.
Ich weise an dieser Stelle daraufhin, dass ich Architektur auf Diplom studiere und nicht Sozialwissenschaften.
Ein guter Anfang Informatikstudent – 24.11.09
Nach der doch recht peinlichen Diskussion heute morgen, ging an diesem Abend zum Glück gesittet weiter. Wenn dieverse Sozialwissenschaftler dann auch noch aufhören ständig nach einer Solidarisierung zu fragen, kann am Mittwoch eine sachliche und interessante Diskussion weiter gehen...Erfolg Student – 23.11.09
Was für ein Erfolg! Das Audimax war zum Bersten voll - Studierende mussten auf dem Boden sitzen (bei 650 Plätzen), um das Gespräch mit Barke zu verfolgen.Die alle Erwartungen übertreffende Teilnahme gibt den Besetzern endlich recht - in Anliegen und Aktionsform!