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Badenstedt Erinnerungen an Weihnachten
Hannover Aus den Stadtteilen Badenstedt Erinnerungen an Weihnachten
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00:15 26.12.2015
In der Adventszeit erinnern sich die Bewohner gerne an vergangene Feste und den anstehenden Besuch der Familie. Gleichzeitig ist das Fest für die Senioren eine Herausforderung. Denn nicht jeder hat noch Angehörige, die mitfeiern. Von links: Jutta Ehrhardt, Lisa Bullenkamp, Irmgard Quandt-Meier, Pflegerin Sandra Melchior und Hedwig Hurkuk. Quelle: Moers
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Über ein Geschenk freut sich Irmgard Quandt-Meier ganz besonders. Ihre ehemaligen Nachbarn aus Ahlem haben der 86-Jährigen ein Paket in das Pflegeheim nach Badenstedt gebracht. Umgeben von bunter Weihnachtsdekoration und leuchtenden roten Kerzen steht es jetzt auf dem Schreibtisch in ihrem Zimmer.

Frau Quandt-Meier erinnert sich noch genau, wie das früher war, am Heiligen Abend. Da herrschte Hochbetrieb im Familienbetrieb - einem Bettwäsche-Geschäft in Leipzig. „Wenn die Schaufenster dekoriert wurden, musste ich manchmal meine Puppen über die Weihnachtszeit abtreten“, erzählt sie. Sie lächelt zufrieden, wenn sie an die ersten Weihnachtserinnerungen zurückdenkt. Etwa an den Nachbarn, der zur Bescherung den Weihnachtsmann gab. Bis die Kinder ihn eines Tages an den Schuhen erkannt haben. „Guck mal, das sind doch Onkel Hugos Schuhe“, zitiert sie ihre ältere Schwester. Dieses Jahr wird die rüstige Dame ganz allein Weihnachten feiern. Für sie ist es das erste Jahr, das sie Heiligabend im Pflegeheim verbringt. Um so mehr freut sie sich, dass ihre Nachbarn an sie gedacht haben.

Wenn Weihnachten nicht mehr zu Hause, im Kreis der Familie, sondern im Alters- oder Pflegeheim gefeiert wird, bedeutet das für die meisten Senioren eine große Umstellung. Im Dietrich-Kuhlmann-Haus in Badenstedt steht deshalb gleich der ganze Advent im Zeichen des Fests. Ein eigener Weihnachtsmarkt, Adventsfeiern und gemeinsame Nachmittage mit Plätzchen und Kaffee sorgen dafür, dass die besondere Stimmung der Feiertage auch im Pflegeheim zu spüren ist. Schließlich begleiten die Rituale der Weihnachtszeit viele Bewohner bereits ein Leben lang.

„Ich stamme aus der Nähe des Erzgebirges. Da ist es doch selbstverständlich, dass ich mein Zimmer dekoriere“, berichtet Frau Quandt-Meier der kleinen Runde von Bewohnerinnen, die sich am dritten Adventswochenende in der „Guten Stube“ des Pflegeheims zum Kaffee verabredet hat. Eine andere Bewohnerin, die an der Nordseeküste aufgewachsen ist, erzählt in gemütlicher Runde von einer Tradition, die ihre frühesten Erinnerungen an Weihnachten geprägt haben.

„Bei uns war es üblich, dass die Kinder an Heiligabend von Tür zu Tür gingen und Süßigkeiten sammelten“, schildert Lisa Bullenkamp. Über die Feiertage kam dann die ganze Verwandtschaft zu Besuch angereist. „Die Familie der Mutter aus Ostpreußen und andere aus Berlin“, erzählt die 97-Jährige weiter. Nach der Kirche wurde gegessen und beschert. Die Geschenke lagerten schon Tage vorher hinter der großen Schiebetür zum verschlossenen Wohnzimmer.

Das schönste Geschenk, an, dass sich Jutta Ehrhardt erinnert, ist ein Puppenschrank. Den hat ihr Vater selber gezimmert. Passende Kleiderbügel hat er von Bekannten bei der Hanomag anfertigen lassen. „Und die Mutter nähte viele Abende an den Kleidern“, berichtet sie.

Für Hedwig Hurkuk bedeutete der Heiligabend als Kind vor allem viel Arbeit, bevor es Geschenke gab. Bis dahin musste sie dem Großvater, einem Schuster, helfen, die reparierten Ausgehschuhe rechtzeitig an die wartenden Kunden auszuliefern.

So stark die schönen Erinnerungen an das Fest in dem Gedächtnis verankert sind, so sehr nagen die Kriegstraumata bis heute an vielen Senioren. Umso wichtiger sind solche Erzählcafés, bei denen sich die Bewohner gegenseitig aus ihrem Leben berichten. „An Weihnachten in der Kindheit habe ich so schöne Erinnerungen - bis mein Vater in den Krieg musste“, erzählt Jutta Ehrhardt. „Im Krieg standen die Tannenbäume am Himmel“, wirft Lisa Bullenkamp ein. Die anderen Damen nicken ihr über den Teller mit Weihnachtsplätzchen hinweg wissend zu. Als Tannen- oder Christbäume wurden im Zweiten Weltkrieg an Fallschirmen befestigte Leuchtfeuer bezeichnet, mit denen feindliche Flieger den nachfolgenden Bombergeschwadern das Zielgebiet kenntlich machten. „Weihnachten 1944 haben wir eine Kerze aufgestellt mit Spiegel darum, damit wir Licht hatten. Durch die Bombardements fiel ständig der Strom aus“, erinnert sich Irmgard Quandt-Meier.

Heute plagen die Seniorinnen andere Sorgen. Der Besuch der Weihnachtsmärkte etwa ist für die betagten Damen kaum zu bewerkstelligen. Viel zu voll ist es dort, zu unübersichtlich und keineswegs barrierefrei. Auch die geschmückte Innenstadt ist um die Feiertage für Senioren ein Albtraum. „Die Ausbreitung des Kommerzes verleiht dem Weihnachtsfest heute leider einen faden Beigeschmack“, findet Ehrhardt. Sie hat ihre Familie daher einfach zu sich ins Heim eingeladen.

In der Küche können die Bewohner Festmahlzeiten in Auftrag geben. Es gibt Gänsebrust und Rinderrouladen. Und am Heiligabend hoffentlich viele Angehörige, Nachbarn und Bekannte, die an sie und die anderen Bewohner und Bewohnerinnen denken.

Von Mario Moers

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