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Bemerode Lesung macht Tragödie von Lampedusa lebendig
Hannover Aus den Stadtteilen Bemerode Lesung macht Tragödie von Lampedusa lebendig
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02:15 18.09.2016
In der szenischen Lesung von Schülerinnen der Integrierten Gesamtschule Kronsberg werden auch Augenzeugenberichte der Flüchtlingstragödie von Lampedusa vorgetragen. Quelle: Steiner
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Hannover

Es ist noch dunkel als das Fischerboot „Gamar“ am 3. Oktober 2013 auf das Meer vor Lampedusa hinausfährt. „Zuerst dachten wir, es seien Möwen, die da schreien“, berichtet Vito, Eisdielenbesitzer und Fischer. „Dann stellten wir fest, es waren Menschen.“ Die Tragödie von Lampedusa, bei der 366 Menschen vor den Augen der zu Hilfe eilenden Fischer ertranken, war Thema einer szenischen Lesung von Schülerinnen der Integrierten Gesamtschule (IGS) Kronsberg, zu der rund 60 Gäste in den Saal des Stadtteilzentrums Krokus gekommen waren.

„Ein Morgen vor Lampedusa“ heißt der lapidare Titel der Lesung, mit der Antonio Umberto Riccò seit drei Jahren durch das Land zieht, um Spenden für Flüchtlingsprojekte zu sammeln. Rund 56 000 Euro sind inzwischen zusammengekommen. „Die Idee zu dem Projekt kam mir, als ich von der Tragödie erfuhr. Ich sammelte alles, was ich dazu in den Medien fand, und besuchte schließlich die Fischer von Lampedusa“, berichtete der in Kronsberg lebende gebürtige Italiener. Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft von Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt und wird von zahlreichen Institutionen und Vereinen unterstützt. „Ziel ist es, vor allem junge Menschen zu erreichen, deshalb ist es ein Schulprojekt“, erläuterte Riccò.

Die Bilder von einem mit Menschen überfüllten, kenternden Boot und von den Rettungsaktionen, die im Krokus gezeigt wurden, sprachen für sich. Begleitet wurden sie von Augenzeugenberichten, die in ihrer Emotionalität eine so dichte Atmosphäre schufen, als wäre der Zuhörer direkt vor Ort und erlebte das Grauen mit. „Die Küstenwache kam erst eine Dreiviertelstunde nach unserem Hilferuf. Und als wir sie baten, von unserem Boot Flüchtlinge aufzunehmen, damit wir weitermachen konnten, weigerten sie sich“, erzählt Vito. Sie hätten geantwortet, sie müssten erst ihre Anweisungen abwarten. „Also mussten wir zur Küste zurückfahren, während immer mehr Menschen ertranken“, erzählt er.

Seinen Worten ist auch drei Jahre später noch die Fassungslosigkeit über diese zynische Antwort anzumerken. Die bedingungslose Hilfsbereitschaft der Fischer, Menschen aus dem Wasser zu retten, die seit Stunden um ihr Leben kämpften, brachte sie dabei selbst in Gefahr: Nach italienischem Gesetz machten sie sich strafbar, weil sie illegalen Einwanderern bei der Einreise halfen.

Großen Applaus gab es für die Lese-Leistung der fünf Schülerinnen Yasmin Elhoul, Hannah Meyer, Anna-Lena Raschke, Merve Sahin und Zelda Vaybil, bevor ihre Lehrerin Jessica Tropp die Diskussionsrunde eröffnete und mit dem Mikrofon herumging. „Mich hat sehr betroffen gemacht, wie groß die Kluft zwischen Gesetz und Recht auf der einen und Humanität auf der anderen Seite ist“, sagte ein Gast mit bewegter Stimme. Und eine Besucherin merkte an: „Wenn man die Berichte im Fernsehen sieht, versucht man, das nicht zu sehr an sich heranzulassen. Ich wünschte mir mehr solcher Veranstaltungen, damit sich mehr Menschen mit der Problematik auseinandersetzen.“

Das tut unter anderem der Janusz-Korczak-Verein für humanitäre Flüchtlingshilfe, indem er sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kümmert und für sie Paten und Vormundschaften organisiert. Seine Arbeit stellte Georg Mesch im Anschluss an die Diskussion vor. „Wir haben inzwischen 38 jugendliche Flüchtlinge hier, die meisten von ihnen wohnen im Annastift.“

Diese werden auch vom Flüchtlings-Unterstützerkreis Kronsberg-Nachbarn betreut. „In diesem Sommer haben wir mehrere Veranstaltungen mit ihnen unternommen, es ist ganz toll, was da von ihnen zurückkommt“, erzählte Jörg Krüger vom Unterstützerkreis. An die Initiative spendeten die Zuhörer knapp 260 Euro. Das Geld ist für eine geplante Kleiderkammer für Flüchtlinge vorgesehen. „Eigentlich sollten es nur zehn Lesungen werden, heute ist es die 157.“, berichtete Riccò abschließend. „Und es soll weitergehen!“

Sonja Steiner

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