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Bult Anwohner fordern leisere Güterzüge
Hannover Aus den Stadtteilen Bult Anwohner fordern leisere Güterzüge
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00:16 29.11.2015
Bis zu 440 Züge befahren am Tag die Gleise zwischen Bismarckbahnhof und Hauptbahnhof. Quelle: Behrens
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Bult

Bult/Döhren. „Kommen Güterzüge, unterbrechen wir Telefonate, weil man nichts mehr versteht. Auch der Fernseher ist kaum noch verständlich“, berichtete Uwe Schmidt, Anwohner der Rimpaustraße, in der jüngsten Sitzung des Bezirksrats Südstadt-Bult. Es nütze auch nichts, die Fenster zu schließen. Der Lärm der Güterzüge durchdringe selbst moderne, schallgeschützte Wohnzimmerfenster. Der Bezirksrat hatte Bürgerinitiativen gegen den Bahnlärm und die Deutsche Bahn Netz AG, die das Schienennetz betreibt, zu einer Anhörung eingeladen. Das Ergebnis ist ernüchternd: Große Hoffnungen auf eine rasche Besserung können die Anwohner sich nicht machen.

Dirk Windelberg kennt die Situation, von der Schmidt berichtete, aus eigenem Erleben. Windelberg lehrte an der Fakultät für Mathematik und Physik der Leibniz-Universität, wohnt an der Heuerstraße im nördlichen Döhren und hat die Güterumgehungsbahn direkt vor dem Haus. Er beschäftigt sich mit Lärmmessungen, speziell bei Zügen, und stellt seine Daten auch der Bundesvereinigung gegen Schienenlärm zur Verfügung. Der Verein hat das Ziel, den Bahnlärm in Wohngebieten zu verringern. Windelberg berichtete von Güterzügen, die in Wohnhausnähe mit laufendem Motor an Signalstationen warten. „Bremsen, Motor laufen lassen, anfahren - das alles ist sehr geräuschvoll“, sagte er. Nach seiner Einschätzung würde es vielen Anwohnern schon allein dann besser gehen, wenn die Güterzüge bei der Durchquerung von Wohngebieten langsamer führen.

Windelbergs Mitstreiter bei der Bürgerinitiative ist Walter Feldt. Er ist Umweltgutachter, arbeitet im Wissenschaftlichen Beirat des BUND mit und kennt als Anwohner der Brehmstraße im Stadtteil Bult die Lärmbelastung durch Güterzüge auch persönlich. Den Begriff „Güterumgehungsbahn“ hält Feldt für völlig überzogen. Diese Linie umgehe ja bloß die Innenstadt, aber nicht die umliegenden Wohngebiete.

Anwohner wie Schmidt, Windelberg und Feldt müssen auch nachts mit Lärmwerten von mehr als 60 oder gar 70 Dezibel leben, wie Messungen ergeben haben. Dabei seien 55 Dezibel die Schwelle, ab der Lärm zur Belastung werde, sagte Feldt. „Hannover ist bundesweit die lauteste Stadt, was Bahnlärm angeht.“

Bürgerinitiativen fordern eine Lärmsanierung, etwa den Bau besserer Schallschutzanlagen, die Ausstattung von Zügen mit leiseren Fahrgestellen und Bremsen sowie die Erneuerung von Gleisen. Für den Anfang würde ihnen auch die Reduzierung der Zuggeschwindigkeiten reichen. Da aber bekommt die Deutsche Bahn ein Problem. „Ein Zug kann nicht mal eben die Geschwindigkeit reduzieren und beliebig beschleunigen“, sagte Gerhard Warnke von der DB Netz AG. Gerade auf der Fahrt durch Südstadt und Bult Richtung Süden kämen die Züge durch dicht besiedelte Gebiete. Die Lokführer müssten also ständig auf die Bremse treten, gab er zu bedenken. Und eine permanente Reduzierung der Geschwindigkeit bedeute am Ende praktisch eine Halbierung der Transportkapazitäten. „Dann lohnt sich der Schienenverkehr wirtschaftlich nicht mehr“, sagte Warnke.

Auf das bis 2030 laufende Lärmsanierungsprogramm des Bundes können die Anwohner vorerst nicht hoffen. In vielen Städten fehle es noch an Lärmschutzmaßnahmen, sagte Warnke. „Da sind erst einmal andere Kommunen an der Reihe.“ In Hannover sei schon einiges passiert. In Höhe Brehmstraße und entlang der Mainzer Straße etwa gebe es Lärmschutzwände. Aus Sicht der Anwohner reichen diese gut zehn Jahren alten Anlagen aber nicht aus.

Immerhin plant die DB Netz AG für 2016 den Bau einer Schutzwand zwischen Hauptbahnhof und Braunschweiger Platz. Gefragt zum Zustand der Gleise zwischen Hauptbahnhof und Bismarckbahnhof - auf diesem Abschnitt verkehren pro Tag bis zu 440 Züge, darunter rund 30 Güterzüge - sagte DB-Ingenieur Ralf Keinert: „Die sind in einem Top-Zustand.“ Fast jedes Jahr würden die Gleise geschliffen.

Die DB hat zumindest ein Programm aufgelegt, wonach bis 2020 alle bei der Transporttochter Schenker fahrenden Güterwagen umgerüstet und damit leiser werden sollen. Sie machen allerdings nicht einmal die Hälfte der rund 180 000 Güterwagen aus, die bundesweit auf der Schiene sind. Viele gehören Drittfirmen, denen die DB eine Umrüstung nicht vorschreiben kann. Keinert hatte noch einen vagen Trost für die Anwohner: „Eine zusätzliche Belastung durch mehr Güterverkehr wird es in absehbarer Zeit wohl nicht geben.“

Einwohner können bei der Lärmsanierung mitreden

Im EU-Auftrag ermitteln derzeit die Mitgliedsstaaten Lärmdaten. Sogenannte Lärmaktionspläne, die neue Maßnahmen benennen und vorbereiten, sollen erstellt werden. Das Eisenbahn-Bundesamt will einen solchen Plan bis 2018 vorstellen. Zurzeit läuft die zweite Phase der Öffentlichkeitsbeteiligung, in der auch Anwohner von Eisenbahnstrecken ihre Erfahrungen und Einschätzungen beisteuern können. Anspruch auf bestimmte Maßnahmen zur Lärmsanierung durch den Bund haben Bürger allerdings nicht; die Lärmsanierung gilt als eine freiwillige Leistung. Dennoch will das Bundesamt den Lärmpegel langfristig senken. Zum Lärmaktionsplan und über die Möglichkeiten einer Bürgerbeteiligung informiert das Amt im Internet unter www.laermaktionsplanung-schiene.de. mas

Von Marcel Schwarzenberger

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