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„Ein Wappen ist die Krönung der Familienforschung“

Calenberger Neustadt „Ein Wappen ist die Krönung der Familienforschung“

Wer anstrebt, sein eigenes Wappen zu führen oder Auskünfte in heraldischen Fragen sucht, ist in Hannover seit 1888 bei den Heraldikern des Vereins „Kleeblatt“ an der richtigen Stelle. Die Nachfrage ist erstaunlich groß.

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Die gemeinsame Spezialbibliothek des heraldischen Vereins und des niedersächsischen Landesvereins für Familienkunde ist immer mittwochs zwischen 15 und 18 Uhr sowie jeden ersten Sonnabend im Monat von 10 bis 15 Uhr für Besucher geöffnet.

Quelle: Moers

Hannover. Sechs Rosenblüten und zwei Friedenstauben zeigt die Buntstiftzeichnung, die Antje Eggers bei ihrem Schwiegervater in einer alten Kiste gefunden hat. „Wappen der Eggers - hannoversche Linie“ steht unter dem vergilbten Blatt, dass die Langenhagenerin zur Wappenberatung mitgebracht hat. „Wir sind doch keine Adeligen, was hat es also mit diesem Wappen auf sich?“, trägt sie ihr Anliegen den beiden Herren auf der anderen Seite des Tisches ihr Anliegen vor.

Hans-Peter Dege, seineszeichens Vorsitzender des heraldischen Vereins, beäugt das Fundstück eingängig. Dann greift er ein dickes Buch und zückt seine Lupe. „Gibt es in ihrer Familie eine Chronik?“, fragt er beiläufig, während er konzentriert den in Fraktura verfassten Schinken vor sich nach dem Namen „Eggers“ durchsucht. Volltreffer. In der „Deutschen Wappenrolle“ des Berliner heraldischen Vereins „Herold“ findet Degen gleich mehrere Familien namens Eggers, deren Vorfahren ihrem Geschlecht irgendwann im Laufe der Geschichte ein Wappen gestiftet haben. Gleichzeitig entdeckt Deges Stellvertreter Volkmar Tönnies ein beinahe identisch aussehendes Wappen in einem Wappenlexikon. Das Rätsel um Antje Eggers Kistenfund scheint sich zu lüften. Doch die Heraldiker bleiben skeptisch.

„Jetzt gilt es, dem Wappen die richtige Genealogie zuzuordnen“, erklärt Dege. Ob Antje Eggers und ihre Nachfahren tatsächlich berechtigt sind, das vermeintliche Familienwappen zu führen, oder ob ihre Vorfahren womöglich einem Wappenschwindler aufgesessen sind, das muss sie nun selber herausfinden. Durch Stammbucheinträge kann sie nun versuchen zu beweisen, dass sie tatsächlich ein Abkömmling des ursprünglichen Wappenstifters ist.

Antje Eggers hat allerdings gar nicht vor, ihr Familienwappen anschließend auf Briefpapier zu drucken oder auf eine entsprechende Flagge im Vorgarten zu hissen. Als ihre Schwiegereltern noch lebten, fand sie im Stubenschrank neben dem Wappenbild auch einen Orden des Urgroßvaters, ein Abzeichen des königlich hannoverschen Königs-Ulanen-Regiments. Dazu noch eine ebenfalls unbekannte Flagge und Briefe aus Amerika. Aus all diesen Artefakten versucht Antje Eggers seitdem die Ahnengeschichte ihrer Familie zu rekonstruieren. In dem Familienwappen könnten wichtige Hinweise verborgen sein. Schließlich sind Wappen nichts anderes als die grafische Darstellung einer stark komprimierten Familiengeschichte. Die heraldischen Codes zu deuten, war im Mittelalter die Aufgabe der Herolde. Heute helfen heraldische Vereine wie das Kleeblatt die Zeichen zu entschlüsseln, bestehende in den sogenannten Wappenrollen zu dokumentieren und neue Wappen zu stiften.

„Ein eigenes Wappen ist die Krönung der Familienforschung“, findet Hans-Peter Dege. Der gelernte KFZ-Mechaniker, ehemalige Soldat und Justizfachwirt entdeckte seine Leidenschaft für die Wappenkunde selbst bei der Erforschung seiner Familiengeschichte. „Damals kam der Wunsch auf, mir ein Familienwappen zuzulegen“, erinnert sich Dege. Nachdem er herausgefunden hatte, dass keiner seiner Ahnen jemals ein Wappen in eine Wappenrolle hat eintragen lassen, begann er selber eines zu entwerfen. „Grundsätzlich darf in Deutschland jeder ein Wappen tragen, solange es nicht das eines anderen ist“, weiß Dege. Das Recht an einem Familienwappen beruht auf dem Gewohnheitsrecht. Allerdings haben sich seit dem Mittelalter gewisse „Spielregeln“ entwickelt. Wie ein neues Wappen aufgebaut wird, und wer ein existierendes „führen“ darf, damit beschäftigen sich die Heraldiker. Wegweiser durch das Geflecht der heraldischen Ikonografie, Farbcodes und Regeln ist den hannoverschen Heraldikern ihre Spezialbibliothek in der Calenberger Neustadt. Praktischerweise lagern dort außerdem die Bestände des niedersächsischen Landesvereins für Familienkunde. Jeden ersten Sonnabend im Monat nutzen Familienforscher aus dem gesamten Bundesgebiet die zum Teil antiquarischen Schätze.

„Alles, was mich und meine Vorfahren ausmacht, so zu verdichten und in Einklang zu bringen, dass ein aussagekräftiges Wappen entsteht, das ist ein schwieriger Prozess“, beschreibt Dege die Herausforderung und Faszination der Heraldik. Die Beschäftigung mit dem Familienwappen sei ein „identitätsstiftender Prozess“, glaubt er. Sein nächster „Fall“ bestätigt den Fachmann in seiner Annahme. Die Schwestern Marianne Flügge-Kranz und Margret Ahlbrecht haben ebenfalls ein Familienwappen mitgebracht, das ein befreundeter Wappenkundler der Familie vor einigen Jahrzehnten geschenkt hat. Vier Getreideähren und eine Egge sind darauf abgebildet. Das bunte Bild soll nun ganz offiziell in die niedersächsische Wappenrolle eingetragen werden. Die Seniorinnen aus Wörrie wollen damit ihrem Bruder einen Gefallen tun. Der ist in den sechziger Jahren nach Namibia ausgewandert. Das vermeintliche Familienwappen hat er dort auf Siegelringe gravieren lassen. Sie sollen ihn und seine Söhne an die niedersächsische Heimat erinnern. „Wenn wir es jetzt nicht in Angriff nehmen, tut es niemand mehr“, befürchten die geborenen Schünemann-Schwestern. Ihre von Degen auferlegte Aufgabe ist es nun, den Antrag auf die Aufnahme in die Wappenrolle auszufüllen, einige fehlende Verwandtschaftsnachweise nachzureichen und eine druckbare Version des Wappens zeichnen zu lassen. 130 Euro kostet die Eintragungsgebühr für Nicht-Vereinsmitglieder. „Es muss alles Hand und Fuß haben, wir werden deshalb in dem Wappenausschuss noch einmal darüber sprechen“, mahnt Dege mit freundlichem Ernst. „Das ist eine schwere Geburt“, resümiert Margret Ahlbrecht. Die alten Damen sind dennoch froh, dass die Geschichte ihrer Familie bald ganz offiziell in einer Wappenrolle verewigt ist.

Die gemeinsame Spezialbibliothek des heraldischen Vereins und des niedersächsischen Landesvereins für Familienkunde ist immer mittwochs zwischen 15 und 18 Uhr sowie jeden ersten Sonnabend im Monat von 10 bis 15 Uhr für Besucher geöffnet. Die Bibliothek und Vereinsräume befinden sich in der Rückerstraße 1. An Sonnabenden stehen die Mitglieder des heraldischen Vereins als Ansprechpartner zur Verfügung.

von Mario Moers

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So schön ist die Calenberger Neustadt
Calenberger Neustadt in Zahlen
  • Stadtbezirk : Mitte, 1. Stadtbezirk in Hannover
  • Einwohner: im Stadtbezirk ca. 34.040
  • Einwohner je Stadtteil: Calenberger Neustadt (6.556 Ew.), MItte (9.418 Ew.), Oststadt (13.695 Ew.) und Zoo (4.371 Ew.)
  • Bevölkerungsdichte : 3.167 Einwohner/km²
  • Postleitzahlen : 30159, 30161, 30167, 30169, 30175
  • Markantes aus der Geschichte : Die Calenberger Neustadt entstand als westliche Stadterweiterung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sie liegt zwischen Altstadt und Linden. Namensgeber war das Calenberger Land.
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