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Calenberger Neustadt Als die Schallplatte noch Kuhhaare trug
Hannover Aus den Stadtteilen Calenberger Neustadt Als die Schallplatte noch Kuhhaare trug
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00:15 10.07.2016
Tonarchäologe Stephan Puille gilt als ausgewiesener Experte. Quelle: Huber
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Calenberger Neustadt

„… 1903 erfolgte dann der Umzug in die Podbielskistraße 76. Also nach Groß-Buchholz in die Pampa.“ Ungläubiges Gelächter geht durch das Untergeschoss des Museum für Energiegeschichte(n): Groß-Buchholz in der Pampa? Stephan Puille hält in seinem Vortrag inne: „War das nicht korrekt?“ Einige Zuhörer schütteln mit dem Kopf. Es folgt eine kurze Überlegung darüber, wo in Groß-Buchholz um 1900 die Straßenbahn endete und die Wiese begann. Am Ende wird großzügig abgewinkt - der an der HTW Berlin tätige Laboringenieur wurde schließlich nicht wegen historischer Ortskunde in Hannover eingeladen. Vielmehr ist Puille hier, um über die Entstehung der Schallplattenproduktion in Hannover zu referieren.

Denn darüber weiß der Tonrestaurator Bescheid wie kein Zweiter. In seiner Präsentation „Schallplatten aus Hannover für die halbe Welt“ skizziert der in seinem Fach durchaus prominente Gast entlang der Lebensgeschichte des Erfinders der Schallplatte und gebürtigen Hannoveraners Emil Berliner(1851-1929) detailreich die Anfänge der Schallplattenfabrik des Labels Deutsche Grammophon an der Kniestraße - und später eben an der Podbi. Anhand von Archivfunden wie Arbeitsbüchern, Werbematerial und Fotografien rekonstruiert Puille die ereignisreiche Produktionsge- schichte der ersten Jahre, die ihren Beginn 1897 in Nordamerika hat, dann nach England und Europa führt und durch Berliner schließlich ihren Weg nach Hannover findet.

Dabei wartet der Tonarchäologe nicht nur mit seltenen und ungewohnt kratzigen Tonaufnahmen der Opernsänger Enrico Caruso und Emma Baumann auf. Auch skurrile historische Anekdoten, wie die Verarbeitung von roten Kuhhaaren in den ersten Schallplatten, die angeblich zu Bruchsicherheit und Wohlklang beitragen sollten, gehören dazu. „Auf dem Fabrikgelände an der Kniestraße gab es einen Kuhstall“, erzählt Puille. „Noch Jahrzehnte später berichteten Arbeiter davon, dass sie rote Kuhhaare von den Platten abschneiden mussten.“ Die akribische Untersuchung der unternehmerischen Beweggründe der Familie Berliner baut Puille lebhaft zu einem veritablen Krimi aus, in dem Hannover im internationalen Zusammenhang eine nicht uninteressante Rolle spielt. Allerdings: „Der Standort Hannover wurde fast ausschließlich zur Plattenherstellung genutzt. Tonaufnahmen gibt es so gut wie keine aus Hannover.“

Der inhaltlich und auch technisch versierte Vortrag, den viele Schallplattenliebhaber im Publikum mit großem Zuspruch verfolgen, wird eingerahmt durch ein Konzert der Sängerin Monika Rey und der Musikerin Eva Schüttler am E-Piano. Mit Chansons aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren wie „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ oder Friedrich Holländers „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ wird auch der musikalische Kontext zur Sonderausstellung „78, 45, 33 - vom sanften Ton zum starken Sound“ (noch bis 31. Oktober) hergestellt. Rey setzt mit ihrer raubeinigen Stimme ganz auf die Vergänglichkeit der Zeit - dabei ist der Abend alles andere als schnell vergänglich.

Denn Puilles Vortrag dauert 60 Minuten, die beiden Musikerinnen unterhalten in etwa der gleichen Länge. Dazwischen liegt eine 30-minütige Pause. Und wer im Anschluss mit dem Tonarchäologen durch die Sonderausstellung gehen will, dürfte noch einmal genauso viel Zeit einplanen. Den Enthusiasmus hin oder her: Daraus hätte man auch locker zwei abendfüllende Programme machen können, die aufgrund ihrer so unterschiedlichen Ausrichtungen weder Relevanz noch Publikum hätten einbüßen müssen.

Die Werkstatt Galerie Calenberg (WGC) feiert im Juli ihr 35-jähriges Bestehen. Anlässlich des Geburtstages lädt die Galerie zu einer Konzertreihe.

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