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Calenberger Neustadt Wie Freifunk das Internet verschenkt
Hannover Aus den Stadtteilen Calenberger Neustadt Wie Freifunk das Internet verschenkt
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00:15 26.12.2015
Router in der Tupperdose: Freifunker Bernd Schittenhelm aus der Nordstadt schenkt seinen Nachbarn in der Asternstraße kostenloses WLAN zu Weihnachten. Quelle: Christian Link
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Hannover

Auf dem Balkon von Bernd Schittenhelm steht ein WLAN-Router, über den sich jeder mit dem Internet verbinden kann. In einer Tupperdose. Ein Verfallsdatum wie bei Lebensmitteln hat der Router zwar nicht, doch dem Informatiker macht dessen Wetterbeständigkeit Sorgen. Schließlich hat der Nordstädter für seine Nachbarn einen öffentlichen WLAN-Hotspot geschaffen, der auch bei Regen kostenlosen Internetzugang bieten soll. Die Idee dazu hat Schittenhelm durch die Initiative Freifunk Hannover bekommen, bei der Bürger ihren Internetanschluss mit der Öffentlichkeit teilen. „Ich will einfach etwas zurückgeben“, erklärt der Freifunker.

Für ihn hatte alles damit angefangen, dass ein neuer Nachbar in das Mehrfamilienhaus an der Asternstraße gezogen war. Weil dieser noch keinen Telefonanschluss hatte, fragte er Schittenhelm, ob er dessen Internetverbindung eine Weile mitnutzen kann. „Als guter Nachbar gibt man auch mal WLAN“, sagt der Informatiker. Wegen der möglichen Folgen machte er sich allerdings auch Gedanken, schließlich ist er laut Gesetz für jede Straftat mitverantwortlich, die über seinen Zugang begangen wird. „Wenn die Nachbarskinder über meinen Anschluss unerlaubt Musik aus dem Internet runterladen, bin ich derjenige, der dafür haftet“, beschreibt Schittenhelm die umstrittene sogenannte Störerhaftung, die deutsche Internetaktivisten schon seit Längerem anprangern.

Damit er sein Internet mit gutem Gewissen mit den Nachbarn teilen kann, besorgte sich Schittenhelm einen Freifunk- Router. „Nach 15 Minuten hatte ich den installiert und dachte mir: Das ist ja einfach.“ Weil ihn das Freifunk-Prinzip überzeugte, installierte er zwei weitere Router - und schaffte damit einen WLAN-Hotspot für alle Nachbarn im Haus und in Sichtweite zu seiner Wohnung. Über einen Flugzettel informierte er die Anwohner über den neuen Hotspot und fragte, ob sie mitmachen wollen. „Die Resonanz war allerdings gleich null“, sagt Schittenhelm und wünscht sich mehr Freigiebigkeit unter den hannoverschen Internet-nutzern. Immerhin konnte er einen 70-jährigen Nachbarn davon überzeugen, ebenfalls einen Router in seiner Wohnung aufzustellen. Das noch geringe Interesse an Freifunk wundert den Informatiker aufgrund der Komplexität des Themas nicht. „Viele Leute wollen gar nicht wissen, was ein Router ist“, sagt er. Durch verstärkte Öffentlichkeitsarbeit will er mithelfen, dass Freifunk in Hannover noch bekannter wird.

Das Herz der Freifunk-Initiative schlägt in der Computerwerkstatt des Vereins Bauhaus Glocksee. Hier trifft sich jede Woche der harte Kern, um über die nächsten Projekte, Technik, Netzpolitik und alles Mögliche zu sprechen. Und hier ist auch der Startpunkt für das Freifunk-Netz in Hannover mit der größten Reichweite: Über eine spezielle Antenne ist ein Studentenwohnheim auf der anderen Ihme-Seite mit dem Freifunk-Router in der Glocksee verbunden, gut 250 Meter Entfernung werden überbrückt. „Der Wohnheimbetreiber hat den Internet-Vertrag auslaufen lassen“, erklärt Freifunker Matthias Kreutzer. „Jetzt können die Studenten über den Standort hier und von mir zu Hause das Internet nutzen.“

In Hannover gibt es aktuell mehr als 400 Freifunk-Hotspots. Die WLAN-Router stehen zum größten Teil in Privatwohnungen, aber auch in Geschäften, Gaststätten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen. Zu den prominentesten Freifunk-Unterstützern zählen die Computerexperten vom Heise-Verlag in Groß-Buchholz und die Johanniter, die in ihrer Zentrale am Kabelkamp in Vahrenheide mehrere Router aufgestellt haben. Ein Freifunk-Router befindet sich auch im Veranstaltungszentrum Pavillon und versorgt die Flüchtlinge am Weißekreuzplatz mit Internet. Auf dem Pavillon-Dach haben die Aktivisten zudem einige Antennen aufgebaut, um den gesamten Platz mit Gratis-WLAN zu versorgen. „Meine Hoffnung ist, dass man hier im nächsten Jahr auf der Wiese liegen und im Freifunk-Netz online gehen kann“, sagt Kreutzer. Die Freifunker hoffen darauf, dass Schritt für Schritt immer mehr Gratis-Hotspots in Hannover entstehen. Viele Kneipen, Bistros und Restaurants entdecken Freifunk für sich - selbst die Burger-King-Filiale im Hauptbahnhof setzt jetzt darauf. Gerade kleine Lokale können durch Freifunk ihre Gäste kostengünstig mit WLAN versorgen.

Äußerst beliebt ist das Bürgerprojekt auch bei gemeinnützigen Einrichtungen. Rund um die alte Bettfedernfabrik am Ihme-Ufer haben gleich mehrere Vereine einen Freifunk-Router aufgestellt. Neben dem Kulturzentrum Faust und Radio Flora ist auch die interkulturelle Beratungsstelle Kargah dabei. „Wir wollen unseren Besuchern Internet anbieten, weil das die Informationsquelle Nummer eins ist“, sagt Christian Prunczak von Kargah. Der Verein sei auf Freifunk umgestiegen, weil die Router einfach einzurichten und zu bedienen sind. „Die Befreiung von der Störerhaftung war für uns wichtig, obwohl unsere Erfahrung zeigt, dass das eigentlich nicht nötig ist“, sagt Prunczak.

Wer mehr über Freifunk wissen möchte, kann sich im Internet unter hannover.freifunk.net informieren. Die Treffen der Initiative sind donnerstags ab 19 Uhr im LeineLab, Glock- seestraße 35a (Eingang hinter der Halfpipe).

Von Christian Link

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