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Döhren Ein Jahr vor dem Jubiläum gibt Conny Scharf auf
Hannover Aus den Stadtteilen Döhren Ein Jahr vor dem Jubiläum gibt Conny Scharf auf
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00:16 05.09.2017
Von Gabi Stief
„Der Marktanteil des Internets beträgt bereits 48 Prozent“: Artikel wie Rattenfallen (kl. Bild) besorgen sich die Kunden heutzutage im Baumarkt. Cony Scharf freut sich jetzt auf das Rentnerdasein. Quelle: Wiechers
Hannover

Das Auf und Ab der Wirtschaft ist eine komplizierte Sache. Cony Scharf ist Kaufmann, seit 40 Jahren. Ende September wird er sein Haushaltswarengeschäft an der Fiedelerstraße schließen, ein Jahr vor dem 125-ten Firmenjubiläum. Warum? „Was macht ein glänzender Pianist, dem die Tasten A und C weggenommen werden?“, fragt der 66-Jährige mit Wehmut in der Stimme. „Er hört auf zu spielen!“ Scharf muss aufhören zu verkaufen, weil ihm nicht die wichtigsten Tasten, aber die Schnelldreher abhandengekommen sind. Schnelldreher nennt er seine gängigsten Artikel, ob Staubsaugerbeutel, Glühbirne oder Batterie, auf denen er mittlerweile sitzen bleibt, weil der nächste Supermarkt und die nächste Drogerie diese Dinge ebenfalls anbieten, neben Käsesoße und Waschpulver. Seitdem ihm nun auch noch der Internethandel die Kunden wegschnappt, hat er beschlossen, in Rente zu gehen. „Kurzentschlossen“, sagt er. „Ansonsten müsste ich demnächst Geld zahlen, sobald ich den Laden aufschließe.“ Seinen Humor hat Scharf noch nicht verloren.

Haushaltsartikel waren gefragt

Seit der Beschluss steht, entstaubt er die alten Fotos; vergilbte Aufnahmen des Eisenwarengeschäfts an der Calenbergerstraße, in dem sein Großvater von 1893 an Herde, Öfen, Gartengeräte und Hausrat verkaufte, oder Bilder der mit Weihnachtsbäumen geschmückten Ladenfassade an der Fiedelerstraße, dem neuen Standort nach Kriegsende, wo sein Vater anfangs noch aus Stahlhelmen gefertigte Kochtöpfe und Essgeschirr anbot. In den Achtzigerjahren blühte das Geschäft mit Elektroartikeln - von der Waschmaschine bis zu Lampen - mit Haushaltsartikeln, Schlüsseldienst, Reparaturservice, Ersatzteillager und Gasflaschenlager auf 400 Quadratmetern Ladenfläche. In den Neunzigerjahren beschäftigte Scharf, der längst den Vater abgelöst hatte, 20 Mitarbeiter. Sein größter Ehrgeiz war es, den Döhrenern jeden, auch den ausgefallensten Wunsch zu erfüllen. Zum Sortiment gehörten nicht nur die sechs meistverkauften Staubsaugerbeutel, sondern etwa 100 Sorten, nicht nur der gängigsten Batterien, sondern auch 22 Sorten Knopfzellen. Noch heute findet man bei Scharf die bayerische Wühlmausfalle neben der elektrischen Fliegenklatsche. Wenn ein Kunde ein Gärröhrchen suchte, musste der Chef in keinem Katalog nachschlagen, sondern fragte stolz: „Und welche Sorte soll ich aus dem Lager holen?“

In den vergangenen Jahren haben einige inhabergeführte Fachgeschäfte, die in Hannover eine lange Tradition haben, aufgegeben. Eine Übersicht.

Seit ein paar Jahren ging es bergab. Auf einem Blatt hat er die Umsätze der vergangenen Jahre aufgelistet; die grün markierten sind die guten Jahre, gelb steht für „reicht noch zum Leben“ und rot für „ganz mies“. Die jüngsten Einträge sind nur rot, signalrot. Seit 2010 sind die Umsätze um 20 Prozent geschrumpft. Hauptsächlich, weil die Schnelldreher, die Umsatzbringer, bei ihm zu Ladenhütern geworden sind. Es fehlt nicht nur das Geld in der Kasse; auch die Rabatte beim Einkauf werden ihm gestrichen.

Modernisierung stünde an

„Ich und das Geschäft haben eins gemeinsam: Wir sind in die Jahre gekommen“, sagt er. „Meine Spezies stirbt aus.“ Eine Zeit lang hat er noch versucht, durch Abspecken des Sortiments zu überleben. Die Gartenmöbel flogen raus, ebenso das Porzellanservice, dessen Einzelteile „bis in alle Ewigkeit“ nachbestellt werden konnten. Mittlerweile müsste viel Geld in die Modernisierung des Ladens investiert werden, von der Videokamera zum Schutz vor den vielen Dieben bis zum neuen Fußboden. Als er seine Tochter, eine gelernte Köchin, fragte, ob sie den Laden übernehmen wolle, hat sie ihn nur belustigt angeschaut. Er kann es verstehen. „Der Marktanteil des Internets beträgt bereits 48 Prozent; und er wächst rapide.“

Wenn Scharf Ende September das letzte Mal den Laden aufschließt, wird er vielleicht mit alten Stammkunden ein Gläschen Sekt trinken. Eine Feier wird es nicht geben. Aber seine Trauer hält sich in Grenzen; irgendwie freut er sich auch aufs Rentnerdasein. Er wird sich endlich mehr um den Garten und das Haus kümmern können. Irgendwie sei das auch ein amüsanter Gedanke, sagt er.

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