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Döhren Notkirche soll Weltkulturerbe werden
Hannover Aus den Stadtteilen Döhren Notkirche soll Weltkulturerbe werden
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00:15 29.01.2016
Foto: Die St.-Petri-Kirche in Döhren. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Von Weitem sieht sie unscheinbar aus. Die Außenmauern der evangelischen St.-Petri-Kirche in Döhren sind grau verputzt, auch die kleinen Kirchenfenster darüber vermitteln einen schmucklosen Eindruck. Dafür legte der Architekt sein Augenmerk umso mehr auf das Innere: Die Gemeinde rückt durch die Anordnung der Holzbänke nahe an den Altar, durch die sichtbare Holzbinderkonstruktion entsteht eine warme Atmosphäre. Neben dem roten unverputzten Backstein dominiert Holz den Kirchenraum - 16 mächtige Holzstützen führen zum Dach hin, das wie ein großes Zelt aus Holz wirkt. Mitglieder von St. Petri haben diese 1949 als erste in Hannover errichtete Nachkriegskirche innerhalb von wenigen Monaten zum großen Teil in Eigenregie gebaut - sie halfen beim Ausschachten, legten das Fundament, mauerten die Wände aus Trümmersteinen der hier 1943 zerstörten Vorgängerkirche.

Die besondere Geschichte, das besondere Konzept, die bis heute wirkende besondere Atmosphäre - alles Gründe, warum eine Initiative von Architekten, Theologen und anderen Unterstützern die rund 100 sogenannten Notkirchen des Architekten Otto Bartning, die nach dem Krieg in Döhren und anderen Orten gebaut wurden, als „einzigartiges sakrales Flächendenkmal mit herausragender architektur-, kultur- sowie kirchengeschichtlicher Bedeutung“ mit dem Titel Unesco-Weltkulturerbe würdigen will.

Ein Kirchentyp, der aus der materiellen Not geboren wurde. Bartning beschreibt dies Ende der Vierzigerjahre so: „Heute gilt es, mit der barren Not zu ringen … All dies, unabhängig von deutschen Materialengpässen, für 10.000 Dollar pro Notkirche mit 450 Sitzplätzen lieferbar und aufstellbar in etwa drei Wochen, während am Bauort das Mauerwerk aus Trümmern entstehen konnte mit einfachen Bindemitteln und ungelernten Kräften.“

Notkirche bedeutet nicht Provisorium, sondern bezieht sich auf die Orientierungslosigkeit und geistige Not vieler Menschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Trotz der von Bartning aus Kostengründen entwickelten Serienfertigung der Dachbinder, Dachtafeln, Fenster und Türen hat jede Kirche ihr besonderes Aussehen. Die meisten werden bis heute genutzt und sind im guten Zustand.

Die St.-Petri-Gemeinde unterstützt die Initiative der Otto-Bartning-Arbeitsgemeinschaft Kirchenbau (OBAK), die bis Mitte dieses Jahres ein Konzept für den geplanten Weltkulturerbe-Antrag vorlegen will. 2017 soll dieser Antrag der Kultusministerkonferenz vorgelegt werden, die 2020 über die Aufnahme in die Liste der deutschen Bewerber für das Unesco-Weltkulturerbe entscheiden könnte. Danach würden wiederum mehrere Jahre vergehen, bis eine Kommission über die Vergabe des Titels entscheidet.

Vielen Kirchengemeinden scheint dieser Weg zu weit zu sein - die evangelische Gemeinde in Algermissen bei Hildesheim, wo ebenfalls eine Notkirche Bartnings steht, hat sich wie rund 50 weitere Notkirchen-Gemeinden noch nicht zum Projekt geäußert. „Es gibt bislang kein Flächendenkmal mit so vielen Einzelobjekten aus verschiedenen Regionen als Antragsteller, deswegen werden wir uns auf eine kleine Auswahl von 20 bis 50 gut erhaltener Kirchen konzentrieren, die sich um diesen Titel bewerben. Wer den Antrag nicht unterstützt, dessen Kirche wird in die Liste nicht aufgenommen“, sagt OBAK-Vorstandsmitglied Immo Wittig.

Auch eine weitere Notkirche Bartnings in Hannover hat keine Aussichten auf den begehrten Titel. Sie wurde ursprünglich in die Ruine der Lister Matthäuskirche gebaut, später abgebrochen und in Herrenhausen als Zachäuskirche wieder errichtet. Durch zahlreiche Umbauten ist die ursprüngliche Form heute kaum noch erkennbar. Wittig: „Der Geschmack wandelt sich, im Westen gab es in den Siebzigerjahren mehr Umbauten und ‚Aufhübschungen‘. In der DDR fehlte für so etwas das Geld, die dortigen Notkirchen sind meist besser im Original erhalten“, wie es der Autor des zum 60. Jubiläum erschienenen Kirchenführers formuliert. St. Petri habe dagegen bis heute ihren ursprünglichen Charakter bewahrt - nur das Fensterglas wurde nachträglich ausgetauscht, weil das eindringende Licht „den Augen nicht guttat“.

Am umfangreichsten zeigt sich heute Bartnings Werk auf Helgoland, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1959 maßgeblich am Wiederaufbau beteiligt war und einen modernen skandinavischen Stil durchsetzte, mit einer einheitlichen Farbgestaltung und ohne viel Schnörkel. Mit einer stärkeren Würdigung der Notkirchen könnte auch ihr Schöpfer wieder mehr ins Blickfeld geraten. Das hätte er auch aus anderen Gründen verdient - 1918 lud Bartning in seine Berliner Wohnung Kollegen wie Walter Gropius zum ersten Treffen der Bauhaus-Bewegung ein und formulierte wesentliche Ziele mit. Wegen einer Krankheit blieb er danach aber außen vor, zog sich enttäuscht zurück und konzentrierte sich wieder auf sein Hauptmetier: den Kirchenbau.

Es ging Bartning nie um den schönen Schein - protzig wirkende Kirchen lehnte er ab -, sondern um die substanzielle Lösung konkreter Probleme. So scheinen viele seiner Aussagen bis heute sehr aktuell wie auch die folgende: „Die Kirche soll alle Tage geöffnet sein … Dem Diebstahl ausgesetzte Schmuckwerte sollen lieber vermieden werden, als dass um des Schmuckes willen die Kirche an sechs Tagen der Woche verschlossen bleibt.“

St. Petri kann man heute nur zu Gottesdienstzeiten betreten. Während der Öffnungszeiten des gegenüberliegenden Gemeindebüros können sich Interessierte die Kirche aufschließen lassen.

Von Joachim Göres

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