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Groß-Buchholz Führung erzählt die Geschichte Hanebuths
Hannover Aus den Stadtteilen Groß-Buchholz Führung erzählt die Geschichte Hanebuths
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02:15 02.04.2016
Hier fing alles an: Der Geburtshof vonJasper Hanebuth im Groß-Buchholzer Kirchweg 72 (oben). Auf einer Plaketteam Gebäude ist zu lesen, dass der Räuber seine Beute an die Groß-BuchholzerBauern verteilt haben soll (kleines Bild).Die Straße Hanebuthswinkel trägt seinen Namen – und ist eine von acht Stationen auf der Radtour (links). Fotos: Moers 3
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Groß-Buchholz

Nicht weniger als 19 Morde gestand der Groß-Buchholzer Bauernsohn Jasper Hanebuth im Jahr 1662. Kurz darauf wurde Hannovers bekanntester Raubmörder auf ein Rad gespannt und am Steintor hingerichtet. 30 Aktenbündel protokollieren bis heute den Prozess, dessen Ausgang dem Gericht bis zuletzt Fragen aufwarf. Eine neue Stadtteilführung des Freizeitheims List rollt den Fall Hanebuth nun im wahrsten Sinne des Wortes neu auf.

15 lokalinteressierte Hobby-Kriminalisten warten zum Beginn der Spurensuche mit ihren Fahrrädern vor dem Restaurant Gallo Nero am Groß-Buchholzer Kirchweg. Hier, in dem ehemaligen Vollmeierhof mit der Hausnummer 72, wurde Jasper Hanebuth 1607 geboren. Die Historikerin Corinna Heins hat in einer aufwendigen Recherche das Leben des nach Fritz Haarmann zweitbekanntesten Serienmörders der Stadt neu aufgearbeitet. Insgesamt acht Stationen umfasst ihre zweieinhalbstündige Rundfahrt zu den Schauplätzen des vermeintlichen Grauens. Diese Einschränkung sei besonders erwähnt. Denn Expertin Heins ist, wie schon damals die Rechtsgelehrten, nicht restlos überzeugt von der Schuld des Raubmörders Hanebuth.

„In der Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur sind mir einige Unklarheiten aufgefallen“, berichtet Heins, die für das Freizeitheim bereits Führungen zu Hermann Löns und zur Lister Wirtschaftsgeschichte erarbeitet hat. Die Spur, der sie dabei auf die Schliche kam, bringt das seit Jahrhunderten vorherrschende Bild des meuchelnd-marodierenden Raubmörders Hanebuth und seiner Bande ins Wanken. Der hatte unter Folter ausgesagt, als erstes Opfer im Jahr 1632 einen Marketenderjungen getötet zu haben. „Damit er wieder zu etwas kommen möge“, nachdem sein Hof abgebrannt sei - so die in den Verhörprotokollen aufgezeichnete Zeugenaussage des Delinquenten. Auf diese 30 im Stadtarchiv verwahrten Aktenbündel beziehen sich beinahe alle Autoren, die sich bislang mit dem Fall befasst haben.

Auf das Standardwerk eines August Jugler von 1880 geht daher die These zurück, der besagte Hofbrand sei der Ausgangspunkt des mörderischen Treibens. „1632 hatte Jasper Hanebuth wahrscheinlich gar keinen eigenen Hof“, vermutet dagegen Corinna Heins. Dem „Untertanen-Verzeichnis der Vogtei Langenhagen“ hat sie entnommen, dass der Bauernsohn Jasper Hanebuth erst 1635 durch Heirat an einen eigenen Kleinkötnerhof gekommen ist. Weshalb seine jüngere Schwester nachweislich den elterlichen Hof erbte, bleibt unklar. Dennoch lässt dieser Widerspruch Zweifel an Hanebuths Zeugenaussage und der daraus resultierenden Geschichtsschreibung aufkommen. Die gab es schon damals zuhauf. Denn von den meisten der gebeichteten Mordopfer konnten keine Leichen oder andere Beweise für die geschilderten Straftaten gefunden werden.

Von dem Hof über den Hanebuthwinkel geht die Radtour vorbei an der St.-Antonius-Kapelle im alten Dorfkern. „Die Kapelle und einige der Höfe standen schon damals“, berichtet Heins. Ausgehend von dem Kriminalfall vermittelt die Radtour einen Eindruck von den Zuständen im Dreißigjährigen Krieg. Von dem bäuerlichen Leben und dem Leben der Stadtgesellschaft mit den durchziehenden Armeen. Der Fall Hanebuth gilt als sozialgeschichtliches Beispiel für die Verrohung der Sitten zu dieser Zeit. Möglicherweise ist auch dies eine Interpretation, die im Zuge neuerer Forschungserkenntnisse einer Prüfung bedarf. So fällt bei genauerer Betrachtung der Biografie auf, dass Jasper Hanebuth trotz der später nachgesagten Taten bis zu seiner Verhaftung in das gesellschaftliche Leben der Stadt integriert war. „Zeitgenossen haben ihn als aufbrausend beschrieben, aber hatten scheinbar keine Angst vor ihm“, sagt Heins.

Am Eingang des Zoos macht die Gruppe an einer Stelle halt, an der Hanebuths Block, eine Steinbank, an den Eingang zu einer Räuberhöhle erinnert. Genau wie der angebliche Hanebuths Gang am Hohen Ufer gehört diese Erzählung in das Reich der Legenden. „Es gab auch keine Mörderbande“, räumt Heins zur Ernüchterung einiger Teilnehmer mit den Gerüchten auf. Zurück am Lister Turm, bleibt bei den Teilnehmern nur eine Frage offen: Ist der Hells-Angels-Boss Frank Hanebuth möglicherweise ein Nachfahre des berühmten Räubers? „Der Name Hanebuth ist in Hannover nicht selten“, weiß Heins. „Allein in Groß-Buchholz können fünf Familien ihre Herkunft auf Jasper Hanebuth zurückführen.“

Die nächste Radtour auf Hanebuths Spuren findet am Sonntag, 22. Mai, statt. Wegen einer begrenzten Teilnehmerzahl wird um vorherige Anmeldung unter der Telefonnummer 1 68-4 24 02 gebeten. Die Radtour beginnt um 11 Uhr am Groß-Buchholzer Kirchweg 72 und kostet 5 Euro.

Von Mario Moers

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