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Herrenhausen Die Schwarzen Husaren und andere Fußballer
Hannover Aus den Stadtteilen Herrenhausen Die Schwarzen Husaren und andere Fußballer
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00:15 30.01.2016
Jörg Janze mit seinem Privat-Archiv. Quelle: Moers
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Herrenhausen

Jörg Janze war elf Jahre alt, als er 1944 auf einem Dachboden in Holzminden eine vergilbte Zeitung entdeckte. Mit den Pimpfen des Jungvolks war er auf den Boden der Volksschule gestiegen, um dort Blätter zum Trocknen auszulegen. Da fiel der Blick des Jungen auf eine Schlagzeile, die ihn bis heute nicht losgelassen hat. „Endspiel um die deutsche Meisterschaft: 1896 - Schalke“, titelte der Sportteil der „Niedersächsischen Tageszeitung“ am 30. Mai 1938. Die Zeitungsfetzen, die Jörg Janze bis heute in einer Folie im Wohnzimmerschrank verwahrt, lagen dort bereits sechs Jahre, ehe er sie aufhob und in seine Taschen stopfte. Im Hannover der Dreißigerjahre aufgewachsen, hatte er natürlich von dem legendären Endspiel gehört. Die Erzählungen wie Erich Meng die 96er in der 115. Minute am 3. Juli 1938 in Berlin zu ihrer ersten deutschen Meisterschaft schoss. Auf dem Bahnhofsvorplatz hatten 100 000 Zuschauer frenetisch den Heimkehrern zugejubelt, die in zweispännigen Pferdekutschen zur Siegesfeier in die Stadthalle fuhren. „In den Dreißigerjahren hat die deutsche Meisterschaft mir als Kind sehr imponiert“, erzählt der 82-Jährige. Der Begeisterung für den Fußballsport ist der Wettberger bis heute treu geblieben. Seit dem elften Lebensjahr verfolgt der ehemalige Kaufmann und Versicherungsvertreter die Geschichte der hannoverschen Fußballvereine wie vermutlich kein Zweiter. Jedes verfügbare Ergebnis und viele Tabellen hat er aufgehoben; sauber handschriftlich notiert und kommentiert in antik-anmutenden Kladden. In einer Erzählreihe des Geschichtsvereins „Netzwerk Archive Linden-Limmer“ berichtete Janze im Vereinsheim der SG 74 in Herrenhausen aus seinem Privat-Archiv. Seitdem interessieren sich Historiker und Vereinschronisten für die Aufzeichnungen des außergewöhnlichen Fußballfans.

„Hiermit könnte ich jedem Verein in Hannover einen Lebenslauf schreiben“, sagt Jörg Janze, als er auf dem massiven Wohnzimmertisch eine seiner Kladden aufklappt. „BV Werder - Hannover 96 1:8“, ist auf einer Seite mit feiner Bleistiftmine vermerkt. Eine desaströse Niederlage des nordhannoverschen Vereins in der Oberliga Niedersachsen-Süd, 1947. „Die Mannschaft des BV Werder war damals wegen ihrer Trikotfarben als „Schwarze Husaren“ in Hannover bekannt“, weiß Janze. Die Zeit zwischen 1920 und 1944 interessiert ihn am meisten. Eine Ära lange vor der Bundesliga, in der es in Hannover gleich mehrere starke Fußballvereine gab. Mehrere Jahre hat Janze damit verbracht, in Archiven die Sportbeilagen des Hannoverschen Anzeigers, dem Vorläufer der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, durchzublättern. „Damals durfte ich nicht kopieren. Deshalb habe ich alles handschriftlich festgehalten“, erzählt er. Von manchem Spiel kennt nur Janze das korrekte Ergebnis. Bei seinen Recherchen stieß er immer wieder auf unrichtige Wertungen in den Tageszeitungen. Für den Laien eine Zahlenwüste, kennt Janze die Geschichten und Anekdoten, die sich hinter den Nummern verbergen. Heute haben seine Aufzeichnungen für die Vereinschronisten einen unschätzbaren Wert. Janze hat bereits mitgeholfen, Chroniken für den BV Werder und die SG 74 zu erstellen.

An eine Spielszene aus seiner Jugend kann sich Jörg Janze noch ganz genau erinnern. Es passierte im Freundschaftsspiel von Hannover 96 gegen Schalke 04 im Hindenburgstadion. „Da kam plötzlich ein Schuss auf das Schalker Tor“, erzählt Janze, aufgeregt als wäre es erst letztes Wochenende gewesen. Vor dem Schalker Kasten stand „Ötte“ Tibulski; Nationalspieler, Mitglied des „Schalker Kreisels“ und nach dem Karriereende Betreiber der Vereinsgaststätte auf Schalke. Obwohl der Ball dem Tor gefährlich nahekam, nahm Tibulski die Pille lässig mit dem Kopf. Die abgezockte Art, mit der er den Torschuss seinem Torwart zunickte, statt ihn sicher mit dem Fuß zu entschärfen, hat Jörg Janze nachhaltig beeindruckt. Vermutlich, weil sich kein Bundesliga-Profi so eine leichtsinnig-selbstbewusste Aktion mehr trauen würde. Damals wurde ein anderer Fußball gespielt, findet Janze. „Der Vater stand auf dem Platz, die Mutter saß im Vereinsheim beim Kaffeekränzchen, und die Söhne lagen am Feld und schauten zu“, erinnert sich Janze an seine Kindheit auf den Sportplätzen der Stadt. Die beiden bestimmenden Mannschaften hießen damals Hannover 96 und Arminia Hannover. „Bis in die Vierzigerjahre waren beide gleichauf“, weiß Janze. Die genauen Zahlen hat er aufwendig recherchiert. Zwischen 1920 und 1944 traten beide Teams 44-mal gegeneinander an. 20 Siege gingen an die 96er, 19-mal gewann Arminia. Fünf Spiele endeten unentschieden. „In den Zwanzigerjahren war Arminia leicht im Vorteil, in den Dreißigern 96“, sagt Janze. Als Jugendlicher hat er viele Spiele auf der alten Hauptspielstätte der 96er am Pferdeturm besucht. „Heute weiß kaum mehr jemand, dass nur die großen Spiele im späteren Eilenriedestadion ausgetragen wurden“, erzählt er.

An der großen Kreuzung an der Hans-Böckler-Allee, wo jüngst das AOK-Hochhaus abgerissen wurde, stand bis 1963 auch das 96-Vereinsheim. Ein gewöhnliches Backsteinhaus. Das Spielfeld lag im Rund einer Steh-Rennbahn. Die Rennbahn teilten sich die Fußballer mit dem „Hannoverschen Radrenn-Verein“. Im hinteren südlichen Bereich des heute brachliegenden Grundstücks gab es eine Stehtribüne. Die meisten Zuschauer begnügten sich allerdings mit den einfachen B-Plätzen auf Asche. So war es den Zuschauern leicht, nach einem Schlusspfiff im Februar 1937 den Platz zu stürmen. Nach einem 3:1-Sieg gegen den damaligen Konkurrenten Werder Bremen war es zu einem Handgemenge zwischen dem Hannoveraner Spieler Ludwig Männer und dem Bremer Boy Mahlstedt gekommen. Die Auseinandersetzung endete in einem großen Tumult. Fotos aus der Zeit sind selten. Jörg Janze kann sich dagegen noch an den genauen Aufbau des Geländes erinnern. Als Spieler der 2. Amateurmannschaft ist ihm auch das alte Vereinsheim vertraut. Nach seinem Vortrag bei der SG 74 begegnet der Fußballfan großem Interesse an seiner Sammlung. „Ich habe nie für möglich gehalten, dass so ein Interesse daran entsteht“, berichtet er angenehm überrascht. Auf die Frage, was ihn bis heute motiviert, sich regelmäßig Spiele der unterschiedlichsten Lokalteams anzusehen, weiß er eine einfache Antwort. „Ich wollte einfach die hannoverschen Vereine kennenlernen.“ Von Mario Moers

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