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Limmer Dieses Schülertheater machte stadtweit Schlagzeilen
Hannover Aus den Stadtteilen Limmer Dieses Schülertheater machte stadtweit Schlagzeilen
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13:00 27.10.2017
Lehrerin Sonia Kelich (Laetitia Mozzeti) bedroht Musa (Lara Diana Dederke) mit einer Waffe. Quelle: Sonja Steiner
Hannover

Kann man Schülern Schillers „Die Räuber“ mit vorgehaltener Pistole erklären? Man kann, jedenfalls auf der Bühne. Das Stück „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje zeigt Unterricht der anderen Art: Weil sich Lehrerin Sonia Kelich (exzellent gespielt von der hannoverschen Schauspielerin Laetitia Mozzeti) von ihren aggressiven Schülern bedroht fühlt, nutzt sie die Gelegenheit zur Gegenwehr. Als Musa (Lara Diana Dederke) eine Pistole aus der Tasche fällt, greift sie danach und dreht damit den Spieß um. Künftig herrscht im schalldichten Klassenzimmer das Gesetz der Stärkeren.

Schülerinnen der Goetheschule wagten sich unter der Regie von Holger Warnecke an den brisanten Stoff, in dem es um Vorurteile gegen Islam, Deutsche, Frauen, Lehrer und Schüler geht. Türkische Jungen fühlten sich provoziert, alle stiegen aus dem Projekt aus und sorgten damit stadtweit für Schlagzeilen. Dabei herausgekommen ist ein ebenso amüsantes wie verstörendes Spiel um Klischees und Rollen, das das hoch konzentrierte Publikum im voll besetzten Saal des Gymnasiums Limmer in ein Wechselbad der Gefühle tauchte.

Weitere Aufführungen

Aufführungen in der Wunstorfer Straße 14 (Limmer-Gymnasium): Freitag, 27. 10., Sonnabend, 28. 10., Mittwoch, 1. 11., Freitag, 3. 11., Beginn: 20 Uhr, Einführung: 19.30 Uhr.

Aufführungen im Klecks-Theater, Kestnerstraße 18: Donnerstag, 2. 11., und Sonnabend, 4. 11., Beginn: 20 Uhr, Einführung: 19.30 Uhr. Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro.

Podiumsdiskussion: „Welche Freiheit darf sich das Theater nehmen?“, Wunstorfer Straße 14, Freitag, 27. 10., 19 bis 19.45 Uhr.

Vorverkauf: vb@goetheschule.de, buero@klecks-theater.de, Telefon (05 11) 81 69 81

Aus Opfer wird Tyrann

Sonia Kelich will nur das Beste für ihre sieben Schüler, die - bis auf Bastian (Mathilda Foit) - allesamt einen postmigrantischen sozialen Hintergrund haben. Die „Ästhetische Erziehung des Menschen“ steht auf dem Stundenplan. Verzweifelt versucht die engagierte Lehrerin, den Jugendlichen die hohen Ziele der Aufklärung nahezubringen. Doch die haben nur Hohn und Spott für sie übrig. Bis dann bei einer Rangelei die Pistole auftaucht.

Aus Frau Kelich, der motivierten Deutschlehrerin, wird Frau Kelich, die Tyrannin. Mit der Pistole in der Hand verlässt sie nicht nur die Rolle des Opfers einer hormongesteuerten und frustrierten Schülergruppe. Auch Sprache und Ton der zierlichen Pädagogin wechseln vom feinen Hochdeutsch zum unverblümten Kasernenhofton.

Musa, Latifa (Amina Sigal), Bastian, Hakim (Safaa Saidani), Ferit (Zomorrod Yasin), Mariam (Julia Bernhardt) und Hasan (Aleyna Tolip) geben sich angesichts der geladenen Pistole ein bisschen mehr Mühe, ihre Rollen in Schillers Stück „Die Räuber“ in präziserem Hochdeutsch zu lesen. Und es passiert noch etwas anderes: Sie beginnen zu verstehen, was es mit der Freiheit auf sich hat, wenn man mit einer Pistole vor den Augen Dinge tun muss, die entwürdigend sind. Hakim etwa muss die Hosen runterlassen, nachdem er seine Lehrerin mehrfach als Schlampe und Hure beschimpft hat.

"Alle Täter waren auch mal Opfer"

Und wieder dreht sich der Wind in diesem Spiel um Macht und Ohnmacht, Borniertheit und Befreiung, Tradition und Emanzipation. Nach einem Täuschungsmanöver überwältigt Musa die Lehrerin und beginnt, sie - außer sich vor Rachegefühlen - zu würgen. Nun greift Latifa, das Mädchen mit dem straff gebundenen Kopftuch, die Pistole.

Wer ist Opfer, wer Täter? „Alle Täter waren auch mal Opfer“, sagt Latifa an einer Stelle. Sieben Mädchen haben sich an den brisanten und komplexen Stoff gewagt, nachdem kein Junge mitspielen wollte.

Doch die verbliebenen Mädchen bringen alles mit, was das Stück braucht, um seine intensive Wirkung voll zu entfalten: Neben der Beherrschung des Textes und einer unglaublichen Bühnenpräsenz sind das vor allem Spielfreude und die Lust am Rollenwechsel. Und Mut. Immerhin spielen die 14- bis 19-jährigen Schülerinnen auch Jungen ihrer Altersklasse mit all der bei Rappern und Hip-Hoppern abgeschauten Gestik und Mimik.

Insgesamt eine überzeugende Inszenierung.

Von Sonja Steiner

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