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Linden Auf den fossilen Spuren Lindens
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Auf den fossilen Spuren Lindens
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13:01 30.10.2015
Geologin Annette Richter erklärt, dass die Skulptur Schwarzer Bär aus Vulkanstein besteht. Quelle: Franke
Linden-Mitte

Die Region Hannover steht, wie ein Großteil Deutschlands, unter Wasser. Zumindest im Jahr 154 000 000 vor Christus. Ein Salzwassermeer, durchzogen mit Korallenriffen, bedeckt das Land während des Erdzeitalters Jura. Es ist warm, durchschnittlich 20 bis 25 Grad. 100 Kilometer südlich von Hannover stapft der pflanzenfressende Europasaurus über eine mit Farnen und Kiefern bedeckte Insel. Über dem sechs Meter großen und knapp einer Tonne schweren Langhals-Dinosaurier kreisen Flugsaurier wie der Urvogel Archaeopteryx. Im Lindener Meer schwimmen Fische und Meeresschildkröten. Und bis zu neun Meter lange Krokodile. Ihre Zähne sind dick wie ein Daumen.

Lange nachdem ein Meteoriteneinschlag für das Ende der Dinosaurierzeit sorgte, hält Carl Struckmann im 19. Jahrhundert einen daumendicken Krokodilzahn in den Händen. Hauptberuflich ist er Beamter, Landwirtschaftsassessor. Pünktlich nach Dienstschluss zieht er los, um sich seiner Leidenschaft zu widmen: der Paläontologie. Mit seinem Hämmerchen läuft er durch die Steinbrüche am Lindener Berg auf der Suche nach versteinerten Muscheln, Schnecken und Zähnen. Auch in den Rehburger Bergen ist er unterwegs und findet eigenartige Spuren. Als Erster bringt er sie mit den riesigen Echsenwesen in Verbindung, die der englische Paläontologe Richard Owen Mitte des 19. Jahrhunderts als Dinosaurier bezeichnet. Bis zu seinem Tod im Jahr 1898 sammelte Struckmann über 10 000 Fossilien in Linden.

Struckmanns Fossiliensammlung füllt heute mehr als vier Schränke im Niedersächsischen Landesmuseum. Der Großteil sind Meeresfossilien, aber etwa zehn Zähne von Raubdinosauriern zählen auch zur Sammlung. Jedes Fossil hat Struckmann händisch beschriftet - ganz dem Klischee des peniblen Beamten entsprechend.

Über seine Arbeit in Linden ist Annette Richter, Leiterin der geowissenschaftlichen Sammlung des Landesmuseums, sehr glücklich: „Heute ist alles bebaut, da ist es nicht mehr so einfach, an die Fossilien ranzukommen.“ Die 49-Jährige teilt ihre Begeisterung für Steine, Fossilien und Linden regelmäßig in Führungen durch den Stadtteil mit den Teilnehmern. Als Kind sammelte sie Plastik-Dinosaurier. Bis heute faszinieren die Geologin die Riesenechsen, aber auch Gesteine und andere Fossilien.

Dass es in den Rehburger Bergen bei Münchehagen jede Menge Saurierspuren gibt, ist, nicht zuletzt durch den Dinosaurierpark, bekannt. Aber auch der Lindener Berg ist eine herausragende Fundstelle von Fossilien und Gesteinen, die über 100 Millionen Jahre alt sind. Nicht nur Überreste von Schwämmen und Schnecken, sondern auch Flossenstacheln von Urhaien und Mahlzähne von Fischen wurden hier entdeckt. In manchen Schildkrötenpanzern finden sich außerdem Löcher, verursacht durch die dicken Zähne hungriger Meereskrokodile.

All diese Fossilien wurden durch Kalkstein, der am Lindener Berg vorkommt, konserviert. Kalkstein dient als Baumaterial. Die Außenfassade der Lindener Volksbank in der Eleonorenstraße besteht aus Kalksteinplatten. Hier stoppt Geologin Richter während ihrer Fossilien-Führung. „Die Lindener Volksbank wird sehr oft mit Graffiti beschmiert“, ärgert sie sich - und bezeichnet die Verursacher solcher Schmierereien als „geistige Pantoffeltierchen“. Aus geologischer Sicht gibt es aber auch einen Vorteil: Die Kalksteinplatten werden gesäubert und dabei leicht abgeschliffen. So kommen immer wieder neue Fossilien zum Vorschein. Richter zeigt auf die Überreste von muschelförmigen Brachiopoden und Seelilien. Beide Lebewesen waren sesshaft, lebten im Meer und filterten ihre Nahrung aus vorbeiströmendem Wasser.

Im Fußboden der Postbank beim Lindener Marktplatz finden sich Überreste von versteinerten Schwämmen. „Im Gegensatz zu Badeschwämmen war das Kieselsäureskelett dieser Schwämme härter als menschliche Knochen“, erklärt Richter. Die schönsten Fossilien Hannovers dieses Typs finde man in der Ernst-August-Galerie.

Grabungen sind für Geologen am Lindener Berg heute nicht mehr möglich. Unter dem Sportstadion vermutet Richter aber noch einige fossile Schätze. „Man sollte das Stadion sprengen und ein Besucherbergwerk gründen“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Die Tour endet an der Von-Alten-Gartenmauer. „Ehemals war die Mauer extrem fossilienreich, vieles wurde aber mittlerweile abgeknibbelt“, sagt Richter. Und das, obwohl Fossilien für den Laien gar nicht so leicht zu erkennen seien.

Ein Tier gibt es aber in Linden, das noch viel älter und leichter zu finden ist als Fossilien: der Schwarze Bär. Die Skulptur am bekannten Verkehrsknotenpunkt besteht aus knapp 400 Millionen Jahren altem Vulkanstein.

Wer Geologin Annette Richter live erleben möchte, kann am 19. November um 16 Uhr an ihrer Führung durch die NaturWelten im Landesmuseum, Willy-Brandt-Allee 5, teilnehmen. Bei der Ausstellung geht es um Fossilien, Dinosaurier, die Tektonik der Erdplatten und die Entwicklung der norddeutschen Landschaftsräume. Der Eintritt kostet 4 Euro, ermäßigt 3 Euro, und für Familien 9 Euro. Hinzu kommt eine Gebühr von 2,50 Euro für die Führung.

von Sarah Franke

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