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Linden Das Gerster wird 125 Jahre alt
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Das Gerster wird 125 Jahre alt
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00:15 17.10.2016
Wie anno 1891: Joachim Völksen (v. l.), Tochter Carolin und Bäcker Andreas Eggers posieren vor einem Pferdegespann - die Tiere sind neben dem Backen die zweite große Leidenschaft der Familie. Quelle: Moers
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Hannover

In den Zwanzigerjahren wurde es sogar bis ins Rheinland exportiert. Bäckermeister Joachim Völksen backt heute in vierter Generation - vor allem für Großabnehmer, Krankenhäuser, Restaurants und Unternehmensküchen. Den Charme der alten Backstube hat sich das Traditionsunternehmen dennoch bis heute erhalten. Ein Besuch bei Völksen erinnert an vergangene Zeiten, als jeder Kiez seinen Bäcker hatte.

„Früher wurde nur bei Völksens gekauft. Das Gerster natürlich, aber auch der Butterkuchen oder die Rosinensemmeln.“ Bei einem Stück Rhabarberkuchen vor dem feierlich dekorierten Laden erinnert sich Stammkundin Margret Stecker an ihre Kindheit in Wettbergen. 1891 hatte Bäckermeister Heinrich Völksen dort seinen Bäckereibetrieb gegründet. Weil Wettbergen damals noch ein kleines Dorf war, wurde das Brot schon damals in die ganze Stadt gefahren. Ein Schwarz-Weiß-Foto an der Wand zeigt den Firmengründer mit Pferd und Kutsche vor seinem Laden. Zum Jubiläum hat Urenkel Joachim Völksen auch so ein Gespann antraben lassen. In seinem weißen Bäckerkittel, mit der runden Brille und seinen nach hinten gekämmten Haaren wirkt der Bäckermeister selbst ein wenig wie aus einer anderen Zeit.

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Es ist die letzte Innungsbäckerei in Hannovers Westen. Etwas versteckt in der Plinkestraße, feiert die Familienbäckerei Völksen dieses Jahr ihr 125-jähriges Bestehen.

Man kennt sich in der Plinkestraße

Zum Jubiläum sind viele Nachbarn gekommen, um Joachim Völksen zu gratulieren. Man kennt sich in der Plinkestraße - und natürlich auch den Bäcker. Wenn nach Schulschluss die Kinder von der Egestorffschule hineinschneien, bietet Völksen ihnen manchmal ein Geschäft an. Wer einen Liegestütz schafft, bekommt ein Bonbon. Der Kontakt mit den Kunden und den Kindern hält den Meister jung. Beim Fußballspielen vor dem Laden hat er sich jüngst beide Knie aufgeschürft. „Da merkt man, dass man alt ist“, scherzt Völksen, der seit 1952 außerdem eine Ponyzucht in Ricklingen aufgebaut hat. Zucker-Plunderteilchen und Brote in Ponyform brachten die Presse einst dazu, ihm den Spitznamen „Ponybäcker“ zu verpassen.

„Nur wer sich spezialisiert, kann sich halten“

Nachgefragt bei Carsten Wulf, dem Geschäftsführer der Bäcker-Innung Hannover.

Was unterscheidet die Innungsbäcker von der Konkurrenz?
Nur Meister werden in die Innung aufgenommen. Das unterscheidet Innungsbäcker von den Mitbewerbern am Markt, die oft nur wie Bäckereien auftreten, aber eigentlich gar keine sind. Von daher ist es für den Kunden ein Qualitätssiegel.

Haben die kleinen Bäcker noch eine Zukunft?
Hier findet sich das wahre Handwerk. Das ist nicht zu vergleichen mit Backshops, auch wenn die von außen manchmal genauso aussehen mögen wie Innungsbäcker.

Wie können die wenigen übrig gebliebenen Traditionsbäcker überleben?
Wer versucht über den Preis zu gehen, verliert. Nur wer sich spezialisiert, kann sich langfristig am Markt halten. Dabei geht es auch darum, eine Kundschaft zu erreichen, die nicht auf das Geld guckt, sondern auf Qualität wert legt.

Welche Trends beeinflussen die Branche?
Der Trend geht eindeutig weiter in Richtung Gastro. Bäckereien verschmelzen immer stärker mit anderen gastronomischen Angeboten. In Hannover haben es Trendsetter allerdings häufig schwer, weil für viele immer noch die Holländische Kakao-Stube oder das Café Mönikes der Maßstab sind.

„Wir freuen uns, so einen Betrieb in Hannover zu haben“, betont Bürgermeisterin Regine Kramarek, ehe beim Traditionsbäcker die zehnstöckigen Karottentorte angeschnitten wird. „Sich gegen die Läden zu behaupten, die mit der Luftpumpe ein Brötchen für 5 Cent aufblasen, das ist eine Leistung“, sagte Bezirksbürgermeister Rainer Grube in seinem Grußwort. Im Auftrag des Bezirksrats überreichte er dem Jubilar ein Linden-Gemälde. Dass ein Familienbäcker in Linden drei Regierungssysteme und unzählige Krisen überstanden habe, sei nicht zuletzt dem klugen Wirtschaften seiner Vorfahren zu verdanken, reichte Joachim Völksen das Lob weiter an seine Ahnen.

Völksen gibt sieben Filialen auf

Tatsächlich trug er selbst maßgeblich dazu bei, aus der Bäckerei ein konkurrenzfähiges Unternehmen zu formen. 2005 wurden im Zuge einer Umstrukturierung sieben Filialen in Linden, Ricklingen, Wettbergen und dem Mühlenberg aufgegeben. Die Filialbäckerei wurde bis auf den Stammsitz in der Plinkestraße in einen Lieferbetrieb umgewandelt. Frisch gebacken wird dort aber immer noch von Meisterhand. Das berühmte Gerster hat deshalb nichts von seinem ursprünglichen Geschmack eingebüßt, finden Stammkunden wie Rudolf und Margret Stecker. Die Wettberger, die bereits als Kinder bei Völksen einkauften, fahren noch heute regelmäßig in die Plinkestraße, um Brot zu kaufen.

Zum Jubiläum half auch die fünfte Generation mit, den turmhohen Geburtstagskuchen zu verteilen. Tochter Carolin ist wie ihr Halbbruder in der Backstube groß geworden. Den Familienbetrieb zu übernehmen haben beide allerdings nicht geplant.

Von Mario Moers

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