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Linden So war Linden im Ersten Weltkrieg
Hannover Aus den Stadtteilen Linden So war Linden im Ersten Weltkrieg
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00:15 28.03.2017
Alte Fotos illustrieren das Leben in Linden vor 100 Jahren. Den Bewohnern ging es besser als denen im angrenzenden Hannover, weil die Verwaltung besser auf die Kriegsfolgen vorbereitet war. Quelle: privat
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Hannover

Eine Stunde dauerte die Schießerei, die Schutzmann Voßmeyer in der Nacht auf den 12. November 1918 das Leben kostete. „Vielleicht ist er niedergemacht und dann in die Leine geworfen worden“, versucht der „Lindener Lokal-Anzeiger“ am folgenden Morgen den Tod des Schutzmanns zu rekonstruieren. Gegen halb vier war der Polizist in ein Feuergefecht geraten. Eine Patrouille der Miliz „Fliegende Division Bremen“ hatte drei Räuber gestellt, die gerade in das Lager der Baumwollspinnerei (heute steht dort das Heizkraftwerk) einbrechen wollten. Ein wildes Feuergefecht entbrannte. Erst am Pfarrlandplatz konnten die Täter gestellt werden, Voßmeyers Leiche blieb verschollen. Um 7 Uhr ordnete Vizefeldwebel Oskar Lünsmann aus dem Vorstand der „Fliegenden Division“ die Erschießung an. Vier Tage später wurde Lünsmann, der Anführer des selbst ermächtigten Arbeiter- und Soldatenrats, seinerseits standrechtlich erschossen. Die Anklage: Mord in drei Fällen.

Diese kurze Episode aus den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs ist bloß einer von vielen interessanten „Spiegel Splittern“. Die vierteilige Vortrags- und Ausstellungsreihe der Initiative Lebensraum Linden und des Netzwerks Archive Linden-Limmer ermöglicht vom 24. März bis zum 26. April spannende Einblicke in das Linden der letzten Kriegsjahre. Der ungewöhnliche Zeitpunkt für die Themenreihe, drei Jahre nach der großen Aufmerksamkeit 100 Jahre nach Kriegsbeginn, ist ganz bewusst gewählt. „Damals drehte sich alles um die Kriegseuphorie. Wir wollen die Zeit der Ermattung beleuchten“, erklärt Mitorganisator Michael Jürging.

Weitgehend unbekannt ist heute etwa, dass die Industriestadt Linden unter der Nahrungsmittelknappheit der letzten Kriegsjahre deutlich weniger litt als das angrenzende Hannover. „Zusätzlich zu dem staatlichen System von Brotmarken und Ähnlichem hatte man in Linden eine eigene Vorratshaltung aufgebaut“, erklärt Jürging. Wichtige Erkenntnisse lieferten den Lokalhistorikern die Erinnerungen des damaligen Lindener Oberbürgermeisters Hermann Lodemann. „Gegen Ausgang des Krieges waren die kriegswirtschaftlichen Aufgaben der städtischen Verwaltung so ausgedehnt, dass die Stadt für die Kriegerangehörigen auf vielen Gebieten den Hausvater der Familie ersetzte“, schreibt Lodemann in seinem 1920 erschienenen Buch: „Im Dienst der Stadt Linden 1898 bis 1920.“

Zu den Gewinnern des Weltenbrands zählte dagegen die Lindener Metallindustrie. Über die Verflechtungen zwischen Krieg, Industrie und die Folgen für die Lindener Bevölkerung gibt die Geschichte des 1914 gegründeten Vereins für Kriegsfürsorge Auskunft. In ehrenamtlicher Arbeit richteten Lindener Bürger eine Volksküche ein, die bedürftigen Kriegerangehörigen kostenlos Mittagessen und Abendspeisung bot. Die Finanzierung der Kriegsfürsorge übernahm zu einem Teil die Stadt. Ein großer Teil stammte jedoch aus großzügigen Spenden der Lindener Großindustrie. Ernst Körting von der gleichnamigen Turbinenfabrik in Badenstedt spendete 20 000 Mark, die Lindener Eisen- und Stahlwerke spendeten 65 000 Mark, die Hannoversche Waggonfabrik gab 17 000 Mark und die Hanomag zahlte der Stadt Linden von August 1914 bis Kriegsende monatlich 5000 Mark. Die Metallindustrie zählte naturgemäß zu den wirtschaftlichen Gewinnern des Weltkriegs. In Linden stellte Oberbürgermeister Lodemann bereits kurz nach Kriegsbeginn eine „stürmische industrielle Neubautätigkeit“ fest. Gebrüder Körting baute nun vorwiegend U-Boote, die Waggonfabrik stellte Flugzeuge her. Die Hanomag und die Lindener Eisen- und Stahlwerke vergrößerten sich in den Kriegsjahren. Der heute am Lindener Berg gelegene botanische Garten ist ein Resultat dieser Verschiebungen. Er befand sich ursprünglich auf dem Hanomag-Gelände, das nun für die Rüstungsproduktion benötigt wurde.

„Auf den Mitarbeiterfotos dieser Zeit ist eine auffällig große Zahl Frauen zu sehen“, hat Michael Jürging festgestellt. Der Grund ist ebenfalls kriegsbedingt. Infolge der englischen Seeblockade stand die ebenfalls stark vertretene Textilproduktion zeitweise still. Die dort beschäftigten Frauen wechselten nun in die Metallfabriken, denen die Arbeiter im Stahlgewitter der Schützengräben abhandengekommen waren.

Von Mario Moers

Ausstellungen und Aktionen von März bis April

Besiegte Menschheit – Ausstellung und Auftakt
Freitag, 24. März – 27. April 19 Uhr, Foyer des Lindener Rathauses, Lindener Marktplatz 1 Die Ausstellung der Friedensbibliothek Berlin zeigt über den gesamten Zeitraum der Themenreihe Eindrücke aus dem gesamten Weltkrieg. Zum Auftakt am Freitag, 24. März eröffnet Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube, die „Spiegel Splitter“ mit einem Grußwort. Der DGB-Chor Hannover tritt auf.

Versorgungsnot, Industrieproduktion und der Einsatz von Kriegsgefangenen
Donnerstag, 30. März 19 Uhr, Freizeitheim Linden, Windheimstraße 4 Der Vortrag in Zusammenarbeit mit dem Freizeitheim Linden beleuchtet die Folgen der Rüstungsproduktion.

Lazarette, Kriegsgräber und Gedenkarbeit
Dienstag, 4. April 19 Uhr, Schwanenburg, Zur Schwanenburg 11 Im Anschluss an den Hauptteil gibt es einen Gastbeitrag über die ?internationale Tätigkeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Die Toten den Novemberrevolution – Eine Personenrecherche
Mittwoch, 26. April 19 Uhr, Stadtteilbibliothek Linden, Lindener Marktplatz 1 Wer waren die Opfer der Novemberrevolution in Linden? Was weiß man heute über ihr Schicksal? Alle Veranstaltungen der Reihe „Spiegel Splitter“ sind ohne Eintritt.

Ein VW Golf hat eine 70-jährige Fußgängerin erfasst und schwer verletzt. Die Rentnerin ging gegen 16.45 Uhr über den Zebrastreifen an der Limmerstraße in Linden-Nord, dort kam es zu dem Unfall.

24.03.2017

Die Polizei hat einen 24-Jährigen ausfindig gemacht, der im Oktober 2016 einen 31-Jährigen an der Ricklinger Straße geschlagen und ausgeraubt haben soll.

25.03.2017

In direkter Nachbarschaft zur Hochschule Hannover will das Bauunternehmen Gundlach ein neues Wohnheim für 151 Studenten errichten. Geplant ist ein Neubau über sieben Geschosse zwischen Fischerhof und Ricklinger Stadtweg. Das Bauvorhaben wird in einer Bezirksratssitzung vorgestellt.

Juliane Kaune 24.03.2017
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