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So war Linden im Ersten Weltkrieg

"Spiegel Splitter" So war Linden im Ersten Weltkrieg

Gefechte, Hunger, Kriegsgewinnler: Das war Linden im Ersten Weltkrieg. Die vierteilige Vortragsreihe "Spiegel Splitter" verschafft überraschende Einblicke in eine vernachlässigtes Kapitel der Stadtteilgeschichte. Der ungewöhnliche Zeitpunkt für die Themenreihe - drei Jahre nach dem 100. Jahrestag - ist bewusst gewählt.

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Alte Fotos illustrieren das Leben in Linden vor 100 Jahren. Den Bewohnern ging es besser als denen im angrenzenden Hannover, weil die Verwaltung besser auf die Kriegsfolgen vorbereitet war.

Quelle: privat

Hannover. Eine Stunde dauerte die Schießerei, die Schutzmann Voßmeyer in der Nacht auf den 12. November 1918 das Leben kostete. „Vielleicht ist er niedergemacht und dann in die Leine geworfen worden“, versucht der „Lindener Lokal-Anzeiger“ am folgenden Morgen den Tod des Schutzmanns zu rekonstruieren. Gegen halb vier war der Polizist in ein Feuergefecht geraten. Eine Patrouille der Miliz „Fliegende Division Bremen“ hatte drei Räuber gestellt, die gerade in das Lager der Baumwollspinnerei (heute steht dort das Heizkraftwerk) einbrechen wollten. Ein wildes Feuergefecht entbrannte. Erst am Pfarrlandplatz konnten die Täter gestellt werden, Voßmeyers Leiche blieb verschollen. Um 7 Uhr ordnete Vizefeldwebel Oskar Lünsmann aus dem Vorstand der „Fliegenden Division“ die Erschießung an. Vier Tage später wurde Lünsmann, der Anführer des selbst ermächtigten Arbeiter- und Soldatenrats, seinerseits standrechtlich erschossen. Die Anklage: Mord in drei Fällen.

Diese kurze Episode aus den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs ist bloß einer von vielen interessanten „Spiegel Splittern“. Die vierteilige Vortrags- und Ausstellungsreihe der Initiative Lebensraum Linden und des Netzwerks Archive Linden-Limmer ermöglicht vom 24. März bis zum 26. April spannende Einblicke in das Linden der letzten Kriegsjahre. Der ungewöhnliche Zeitpunkt für die Themenreihe, drei Jahre nach der großen Aufmerksamkeit 100 Jahre nach Kriegsbeginn, ist ganz bewusst gewählt. „Damals drehte sich alles um die Kriegseuphorie. Wir wollen die Zeit der Ermattung beleuchten“, erklärt Mitorganisator Michael Jürging.

Weitgehend unbekannt ist heute etwa, dass die Industriestadt Linden unter der Nahrungsmittelknappheit der letzten Kriegsjahre deutlich weniger litt als das angrenzende Hannover. „Zusätzlich zu dem staatlichen System von Brotmarken und Ähnlichem hatte man in Linden eine eigene Vorratshaltung aufgebaut“, erklärt Jürging. Wichtige Erkenntnisse lieferten den Lokalhistorikern die Erinnerungen des damaligen Lindener Oberbürgermeisters Hermann Lodemann. „Gegen Ausgang des Krieges waren die kriegswirtschaftlichen Aufgaben der städtischen Verwaltung so ausgedehnt, dass die Stadt für die Kriegerangehörigen auf vielen Gebieten den Hausvater der Familie ersetzte“, schreibt Lodemann in seinem 1920 erschienenen Buch: „Im Dienst der Stadt Linden 1898 bis 1920.“

Zu den Gewinnern des Weltenbrands zählte dagegen die Lindener Metallindustrie. Über die Verflechtungen zwischen Krieg, Industrie und die Folgen für die Lindener Bevölkerung gibt die Geschichte des 1914 gegründeten Vereins für Kriegsfürsorge Auskunft. In ehrenamtlicher Arbeit richteten Lindener Bürger eine Volksküche ein, die bedürftigen Kriegerangehörigen kostenlos Mittagessen und Abendspeisung bot. Die Finanzierung der Kriegsfürsorge übernahm zu einem Teil die Stadt. Ein großer Teil stammte jedoch aus großzügigen Spenden der Lindener Großindustrie. Ernst Körting von der gleichnamigen Turbinenfabrik in Badenstedt spendete 20 000 Mark, die Lindener Eisen- und Stahlwerke spendeten 65 000 Mark, die Hannoversche Waggonfabrik gab 17 000 Mark und die Hanomag zahlte der Stadt Linden von August 1914 bis Kriegsende monatlich 5000 Mark. Die Metallindustrie zählte naturgemäß zu den wirtschaftlichen Gewinnern des Weltkriegs. In Linden stellte Oberbürgermeister Lodemann bereits kurz nach Kriegsbeginn eine „stürmische industrielle Neubautätigkeit“ fest. Gebrüder Körting baute nun vorwiegend U-Boote, die Waggonfabrik stellte Flugzeuge her. Die Hanomag und die Lindener Eisen- und Stahlwerke vergrößerten sich in den Kriegsjahren. Der heute am Lindener Berg gelegene botanische Garten ist ein Resultat dieser Verschiebungen. Er befand sich ursprünglich auf dem Hanomag-Gelände, das nun für die Rüstungsproduktion benötigt wurde.

„Auf den Mitarbeiterfotos dieser Zeit ist eine auffällig große Zahl Frauen zu sehen“, hat Michael Jürging festgestellt. Der Grund ist ebenfalls kriegsbedingt. Infolge der englischen Seeblockade stand die ebenfalls stark vertretene Textilproduktion zeitweise still. Die dort beschäftigten Frauen wechselten nun in die Metallfabriken, denen die Arbeiter im Stahlgewitter der Schützengräben abhandengekommen waren.

Von Mario Moers

Ausstellungen und Aktionen von März bis April

Besiegte Menschheit – Ausstellung und Auftakt
Freitag, 24. März – 27. April 19 Uhr, Foyer des Lindener Rathauses, Lindener Marktplatz 1 Die Ausstellung der Friedensbibliothek Berlin zeigt über den gesamten Zeitraum der Themenreihe Eindrücke aus dem gesamten Weltkrieg. Zum Auftakt am Freitag, 24. März eröffnet Bezirksbürgermeister Rainer-Jörg Grube, die „Spiegel Splitter“ mit einem Grußwort. Der DGB-Chor Hannover tritt auf.

Versorgungsnot, Industrieproduktion und der Einsatz von Kriegsgefangenen
Donnerstag, 30. März 19 Uhr, Freizeitheim Linden, Windheimstraße 4 Der Vortrag in Zusammenarbeit mit dem Freizeitheim Linden beleuchtet die Folgen der Rüstungsproduktion.

Lazarette, Kriegsgräber und Gedenkarbeit
Dienstag, 4. April 19 Uhr, Schwanenburg, Zur Schwanenburg 11 Im Anschluss an den Hauptteil gibt es einen Gastbeitrag über die ?internationale Tätigkeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge.

Die Toten den Novemberrevolution – Eine Personenrecherche
Mittwoch, 26. April 19 Uhr, Stadtteilbibliothek Linden, Lindener Marktplatz 1 Wer waren die Opfer der Novemberrevolution in Linden? Was weiß man heute über ihr Schicksal? Alle Veranstaltungen der Reihe „Spiegel Splitter“ sind ohne Eintritt.

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Linden in Zahlen
  • Stadtbezirk : Linden-Limmer, 10. Stadtbezirk in Hannover
  • Stadtteile: Linden-Mitte, Linden-Nord, Linden-Süd und Limmer
  • Einwohner: Im Stadtbezirk ca. 43.164 Einwohner
  • Einwohner je Stadtteil: Linden-Mitte (11.843 Einwohner), Linden-Nord (16.080 Einwohner), Linden-Süd (9.326 Einwohner)
  • Bevölkerungsdichte : 5.277 Einwohner je km²
  • Postleitzahl : 30449, 30451, 30453
  • Geschichte: Das Dorf Linden entstand im 11. Jahrhundert und wuchs im 19. Jahrhundert zur Industriestadt, die 1920 nach Hannover eingemeindet wurde.
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