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Linden „Die Entwicklung muss aufhorchen lassen“
Hannover Aus den Stadtteilen Linden „Die Entwicklung muss aufhorchen lassen“
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02:15 09.04.2016
Raimund Lazar (links) und Volker Rohde sorgen sich um die Mietpreisentwicklung. Quelle: Christian Link
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Hannover

Die Debatte um Gentrifizierung in Linden bekommt nun auch eine wissenschaftliche Dimension. Das Sozialforschungszentrum Agis aus der Nordstadt untersucht für ein bundesweites Forschungsprojekt unter anderem den Strukturwandel im Westen Hannovers. „Wir schauen gezielt in Quartiere, die unter Nachfragedruck stehen“, sagt Sozialwissenschaftler Raimund Lazar. Dabei wollen die Forscher herausfinden, ob es an den besagten Orten wirklich zu einer Verdrängung von ärmeren Stadtteilbewohnern durch wohlhabendere Neubürger kommt. „Es passiert in Linden etwas und das muss aufhorchen lassen“, sagt Lazar, „so wie ich die Zahlen lese, gibt es aber keine dramatische Entwicklung.“

Bei der Gemeindeversammlung der St.-Martin-Kirche stellte Lazar die bisherigen Forschungsergebnisse vor. Die Kirchengemeinde aus Linden-Mitte interessiert sich unter anderem auch als Immobilieneigentümer für die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt, denn ihr gehören in Linden etwa 35 Wohnungen mit insgesamt gut 2500 Quadratmetern Wohnfläche. Laut Kirchenvorstandsmitglied Volker Rohde vermietet die Kirche ihre Wohnungen zu einem Quadratmeterpreis von 5,50 bis 6,50 Euro. Bei anderen Eigentümern geht der Trend allerdings zu deutlich höheren Mietpreisen.

Nach einer Statistik der Stadt Hannover wird Wohnen in Linden immer teurer. Von 2009 bis 2014 sind die Angebotsmieten etwa um einen Euro pro Quadratmeter gestiegen. Damit liegen sie fast auf dem durchschnittlichen Stadt-Niveau von 7 Euro pro Quadratmeter. Die Preise für Eigentumswohnungen lagen 2014 in Linden-Mitte und Linden-Nord sogar schon über dem stadtweiten Durchschnitt. „Bei Menschen mit niedrigem Einkommen kann es einen erheblichen Unterschied ausmachen, wenn die Wohnung pro Quadratmeter einen Euro mehr kostet“, sagt Lazar.

Solche Statistiken hätten jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft. „Das ist nicht das Gesamtbild, sondern nur ein Hinweis darauf, was passiert“, sagt der Gentrifizierungsexperte. „Um repräsentative Ergebnisse zu bekommen, müsste man eigentlich jeden Mieter fragen: Warum ziehst du aus?“, sagt Lazar. Denn viele Mieterhöhungen - die eigentliche Ursache für die Verdrängung von alteingesessenen Bewohnern - können statistisch gar nicht erfasst werden, weil es nicht zu Neuvermietungen über Immobilienanzeigen kommt.

Bemerkenswert findet Lazar, dass sich die Zahl der Transferleistungsempfänger in Linden zwischen 2008 und 2014 kaum verändert hat. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist nur in Linden-Mitte und Linden-Nord um rund ein Prozent gesunken, in Linden-Süd ist er gleich geblieben. In allen drei Stadtteilen liegt er aber immer noch über dem stadtweiten Durchschnitt. Dies sei „ein Indiz gegen eine Verdrängung von statusniedrigeren Haushalten“.

„Häufig erkennt man das Ausmaß der Verdrängung aber erst, wenn es zu spät ist“, warnte Lazar. Mehrere Gemeindemitglieder bestätigten, dass es deutliche Hinweise für einen Strukturwandel in Linden gibt. Als schwerwiegendes Problem wurde die Entwicklung von den rund 25 Anwesenden aber nicht empfunden. „Ich erinnere mich noch an Zeiten, als die gediegene Limmerstraße zum Billigshop-Gebiet geworden war“, sagte eine Lindenerin. „Vielleicht geht es jetzt wieder in die andere Richtung.“

„Ist die Lage wirklich so dramatisch?“, fragte ein Mann, der mit Unterbrechungen seit 18 Jahren in Linden wohnt. Wie die anderen Anwesenden habe er keine größere Verdrängung feststellen können. Dementsprechend groß sei sein Unverständnis gegenüber den Gentrifizierungsgegnern: „Es empört mich, dass Schuhläden oder Biomärkte beschmiert werden.“

„Es wäre zu platt zu sagen: Die Neuen sind schuld“, meint auch Lazar. Es mache keinen Sinn, einen Sündenbock zu suchen. Stattdessen müsste der Kampf gegen Gentrifizierung auf politischer Ebene geführt werden. „Die richtige Mischung muss erkämpft werden“, sagte Lazar, „die Politik muss sagen, welche soziale Mischung man eigentlich in Linden will.“

Mit Blick auf die Zukunft geben sich die Gemeindemitglieder entspannt. „Linden ist noch weit davon entfernt, in Aktionismus zu verfallen“, sagte Kirchenvorstandsmitglied Rohde. Und eine Stadtteilbewohnerin bestätigte: „In Linden handeln viele aus einem sozialen Verantwortungsbewusstsein, sodass ich mir nicht vorstellen kann, dass Linden kippt.“

Von Christian Link

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