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Linden Die Stadtteilkulturfabrik
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Die Stadtteilkulturfabrik
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00:15 16.04.2016
Wie die Faust, so der Faust-Flohmarkt am Wochendende: Kunterbunt und ein bisschen chaotisch. Quelle: Mario Moers
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Hannover

„Wir werden im ganzen Spektrum zeigen, was Faust ist“, wirbt Hans-Michael „Hansi“ Krüger, der Chef des Kulturzentrums, für das große „All Areas Festival“ am Wochenende. Sonnabend lädt die Faust zu einem Tag der offenen Tür in die ehemalige Bettfedernfabrik. Neben hochkarätigen Bands wie den Abstürzenden Brieftauben, Egotronic oder Chefdenker präsentieren sich auch viele Vereine, Ateliers und Initiativen. Die meisten von ihnen sind bereits seit der Gründung des alternativen Kulturzentrums dabei. Auf die Faust ist Verlass, könnte man sagen. Ein Blick in die Geschichte verrät, warum sich daran auch in Zukunft nichts wesentlich ändern wird.

„Am Anfang war hier gar nichts“, erinnert sich Ralf Schulze, ein Faustianer der ersten Stunde. Mit der Kippe in der staubigen Hand zeigt er in das von Licht durchflutete Bildhaueratelier des Vereins Kopflos. Wo heute Steinskulpturen oder Theaterkulissen entstehen, standen noch die verlassenen Maschinen der Bettfedernfabrik. „Für die Zwischendecke hab’ ich ausrangierte Stellwände von der Messe organisiert“, erzählt Schulz. Die Fenster für einen eingebauten Raum waren Sperrmüll des Vermessungsamts.

Bevor die Bildhauer in die Faust zogen, hatten sie einen Raum in der Nordstadt. Als die Bürgerschule dort die Miete erhöht hat, hat ein Bekannter Schulze von dem neuen Kulturzentrum erzählt. „Ralf, geh da mal hin. Da kannste billig Räume abstauben“, riet ihm sein Kumpel. „Der Bürgerschule erwächst in Linden starke Konkurrenz“, titelte 1992 der Stadt-Anzeiger. Zwei Jahre nachdem die Bürgerinitiative für „Fabrikumnutzung und Stadtteilkultur“ (Faust) begonnen hatte die leer stehende Fabrik zu nutzen, hatte sich das innovative Projekt bereits etabliert. Auffällig viele Nutzer von damals zählen bis heute zu den Mietern. Der türkische Kulturverein Günes etwa, dessen Pizzastand auf dem Hof längst Kult ist. Auch die Frauen- und Lesbenwerkstatt Distel, das vietnamesische Zentrum Nhan-Quen oder das Flüchlingsbüro gehören dazu. „Die Mischung ist aus dem Stadtteilbedarf hervorgegangen“, erklärt Bezirksbürgermeister Rainer Jörg Grube die bis heute geringe Fluktuation.

Als die Bettfedernfabrik 1990 nach 129-jährigem Bestehen pleite ging, war Linden-Nord bereits seit fast zwei Jahrzehnten Sanierungsgebiet. Ähnlich wie heute befürchteten schon damals kritische Beobachter der Sanierung, dass mit der Aufwertung ganzer Straßenzüge auch der Platz für soziale und kulturelle Einrichtungen knapp wird. Mit der Nachnutzung der Fabrik standen ebensolchen Gruppen plötzlich 5000 Quadratmeter zur Verfügung.

„Bei den ersten Partys musste man über den Seiteneingang eine steile Holztreppe hinunter in die Sechzigerjahrehalle“, erinnert sich Frank Gottke. „Das DJ-Pult stand auf einem Tapeziertisch und um die Tanzfläche standen Bierzeltgarnituren“, sagt Gottke, der damals wie heute bei Radio Flora den „Soul und Jazz Express“ (früher „Soultime“) moderiert. Sonntags schlendert er noch immer gern zum Plattenstöbern über den Flohmarkt - ebenfalls eine typische Faust-Institution. Bei gutem Wetter ist der Weg zwischen Park und Sechzigerjahrehalle häufig so voller Menschen, dass schwer durchzukommen ist.

Natürlich gab es immer auch solche, denen der Trubel rund um die Faust ein Dorn im Auge ist. Schon in den Anfangsjahren ließen einige Anwohner ihrem Unmut bei einer Zeitungsumfrage freien Lauf. „Das ist eine Sauerei, was aus dem Gelände geworden ist. Mir ist das zu dreckig“, fand Anliegerin Christa Blascyk damals. Im Eingangstor hängt heute ein Warnschild. „An alle Besucher: Während der Nachtruhe ist der ständige Aufenthalt unter Alkoholeinfluss nicht gestattet!“, steht darauf.

Für 30 Vereine und Nutzer und zahlreiche Künstler in den Ateliers ist die Faust bis heute ein Refugium, das niemand wieder hergeben will. Und mit dem neu eröffneten Der Nachbarin Café hat die Faust pünktlich zum Jubiläum eine neue Brücke in den Stadtteil gebaut.

Das Festival am Sonnabend: Das „All Areas Festival“ am Sonnabend beginnt mit einem Tag der offenen Tür. Ab 14 Uhr erlauben die Ateliergemeinschaften Mira und Kopflos einen Einblick in ihre Kunsträume, die Kunsthalle zeigt die Ausstellung „Digi-Tales I“. Ab 18 Uhr gibt es jede Menge Musik, Literatur und Theater auf allen Faust-Bühnen. Zu den Höhepunkten zählen die Konzerte der Abstürzenden Brieftauben, von Egotronic und Chefdenker in der Sechzigerjahrehalle. In der Warenannahme findet unter anderem ein „Macht Worte“-Poetry-Slam statt. Der Biergarten „Gretchen“ wird bespielt von Musikern des Hamburger Indie-Labels Grand Hotel van Cleef. Der Eintritt zum Tag der offenen Tür ist frei. Das Festival am Abend kostet 10 Euro im Vorverkauf und 13 Euro an der Abendkasse.

Von Mario Moers

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