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Linden Kleingärtner, Partyvolk, Butjer, Unternehmer
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Kleingärtner, Partyvolk, Butjer, Unternehmer
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02:16 25.10.2015
„Lindens alte Liebe“ heißt die Serie, in der Tobias Eineder drei Lindener Ehepaare fotografiert hat. Bild links: Martha und Hans Weidke.  Quelle: Tobias Eineder
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Linden-Nord

20 Minuten braucht Kleingärtner Hans Walsdorf, um auf seinem Aufsitzrasenmäher seinen Rasen auf den Lindener Alpen zu trimmen. Nach getaner Arbeit trifft sich der Lindener Senior dann gerne mit seinen Gartennachbarn auf ein Pils „Bei Toni“, der Laubenwirtschaft, wo das Bier noch einen Euro kostet. Das ganz alltägliche Leben alteingesessener Lindener Kleingärtner ist es, was die Fotojournalistin Stefanie Silber interessiert. Über drei Monate lang hat sie sich mit ihrer Kamera in den Kolonien des Lindener Kleingartenvereins auf Spurensuche begeben. Sie hat die Laubenpieper beim Rasenmähen, Klönen, Imkern und Renovieren fotografiert. Dass sie den Kleingärtnern dabei auch persönlich nahe gekommen ist, sieht man auf ihren Fotos. Am Ende wurde sie sogar zum Grillen eingeladen. Herausgekommen ist eine von insgesamt 18 Fotoserien, die von den Foto-Studenten der Hochschule Hannover für die Jubiläumsausstellung in der Faust-Kunsthalle produziert wurden. Bereits zur Vernissage am Sonntag sahen mehr als 500 Besucher die Exposition, die sicher zu den Höhepunkten des Jubiläumsjahres zu zählen ist.

„Wie sah es früher aus in Linden, wer waren die Menschen, die dieses Viertel bewohnten?“ Solche Fragen stellte sich Agata Szymanska, bevor sie mit ihrer Kamera nach Linden zog. Antworten auf ihre Fragen fand die Studentin in einem Seniorenclub in der Stärkestraße. Dort interviewte sie sieben Senioren, die Linden seit ihrer Geburt treu geblieben sind. Ausschnitte aus den Gesprächen sind über einen Kopfhörer nachzuhören, der unter den jeweiligen Portraits hängt. Dort erinnert sich etwa die 94-jährige Marga Bartling an ihre Kindheit in der berüchtigten Fannystraße. „Wenn die Leute Feierabend hatten, setzten sie sich mit ihren Stühlen vor die Tür und klönten und erzählten“, sagt die Butjerin. Weil das alte Linden, von dem ihre Protagonisten erzählen, heute kaum noch sichtbar ist, hat Szymanska die Menschen aus dieser Zeit in ihrer Serie konserviert. Bevor sie die Porträts aufgenommen hat, habe sie sich lange mit den Leuten unterhalten. „Ich wollte die Werte festhalten, die diese Menschen mit dem damaligen Linden verbinden“, erzählt sie.

Neben solchen historisch motivierten Serien beschäftigen sich ebenso viele Fotos mit dem 900 Jahre alten Linden. Dabei beließen es die Studenten nicht dabei, das allzu häufig besungene junge, trendige Linden abzulichten. Patrick Junker hat mit seiner Kamera hinter die Kulissen der Cafés, Grafikbüros und Szenebars gelinst. In seiner Serie porträtierte er die Jung-Unternehmer hinter den angesagten Läden. Auf kleinen Infotafeln zu den Bildern sind die Herkunft und der Werdegang der Macher und Macherinnen beschrieben.

Wieder ein anderer Typ Foto-Serie beschäftigt sich mit Typen, die Linden auf ganz andere Weise ausmachen. Jeder jugendliche Nachtschwärmer dürfte den Flaschensammler Burkhard Heiß wiedererkennen. Der 71-Jährige ehemalige Künstler verdient seinen Lebensunterhalt mit dem Einsammeln der Flaschen, die das Partyvolk auf dem Glockseehof abstellt. Carlos Bafile hat Heiß zu Hause und bei der Arbeit begleitet. In einer vergleichbaren Arbeit hat seine Kommilitonin Nanna Heitmann die Kneipen-Dichterin Helga Betz „Bei Elena“, einer Pinte im Ihme-Zentrum, aufgenommen. Auch dem „Elisen-Eck“ und dem „Bei Chez Heinz“ sind eigene Serien gewidmet.

Den Studenten ist es gelungen, ein breites Spektrum des Lindener Lebens abzubilden. „Die Mischung stimmt“, konstatierte Hochschulprofessor Lars Bauernschmitt bei seiner Eröffnungsrede. Erfreulicherweise huldigt die Ausstellung nur selten den gängigen Klischees. Auf den Fotos ist nicht der romantisierte Arbeiterstadtteil oder das selbstverliebte Partyviertel zu sehen, sondern ein Linden, das angenehm wenig verklärt und stattdessen sehr realistisch wirkt. Zu dieser Einschätzung kamen auch die Kleingärtner. „Es ist sehr viel. Aber auch sehr gut getroffen, mit vielen Facetten, die zu Linden gehören“, findet Hagen Busch. Einige Minuten hat er gebraucht, seine Laube auf einem Luftbild zu finden. Als krönenden Abschluss ihrer Arbeit in den Gärten hat Stefanie Silber einen Flug mit einem Kleinflugzeug unternommen, um die Dimension der Kleingärten auf dem Lindener Berg zu verdeutlichen. Der Aufwand der Studenten hat sich gelohnt. „Diese Ausstellung ist etwas Besonderes“, lobt Busch das Engagement der Fotojournalisten.

Die Ausstellung „Linden Leben“ ist noch bis zum 8. November in der Faust-Kunsthalle, In der Bettfedernfabrik 3, zu sehen. Geöffnet ist jeden Donnerstag und Freitag von 16 bis 20 Uhr. An Wochenenden sind die Fotos von 14 bis 18 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 3 Euro oder 2 Euro ermäßigt.

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