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Linden kann sich sehen lassen

Linden Linden kann sich sehen lassen

Die Medienwerkstatt gibt eine DVD-Edition mit sechs Filmen heraus, die den Stadtteil auf unterschiedliche Weise porträtieren - unter anderem ein Film über das Lindener Urgestein Egon Kuhn.

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Die Medienwerkstatt Linden präsentiert sechs Linden-Filme: Wolfgang Becker (v. l.), Hans-Jürgen Hermel, Wilfried Wöltje und Faust-Geschäftsführer Hans-Michael Krüger.

Quelle: (Foto: Katrin Kutter)

Hannover. Er sitzt einfach nur da. Der Mann mit der Nickelbrille hat den Kopf aufgestützt, starrt auf den Dielenboden und scheint nichts zu sehen. Keine Zukunft, keine Perspektive. Der Mann in der Arbeiterküche ist arbeitslos. Wie so viele in Linden und in ganz Deutschland im Jahr der Wirtschaftskrise 1932. Karl Döhler ist sein Name, er war Schlosser bei der Hanomag. Fotografiert hat ihn sein Freund Walter Ballhause mit seiner Leica. Der ist 19 Jahre alt, als er seine Stelle als Laborant bei der Hanomag verliert. Nun fängt er das Schicksal der verarmten Menschen kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten mit der Kamera ein.

Wolfgang Becker von der Medienwerkstatt Linden ist sichtlich stolz, als er auf die Fernbedienung drückt und einen Ausschnitt aus dem Film zeigt, der Ballhause porträtiert. „Einer von Millionen“ heißt das Werk, es wurde 1982 in der ehemaligen DDR, wo Ballhause nach Kriegsende lebte, von der Defa produziert. „Wir haben die Rechte erworben“, erklärt Becker. Zu sehen sind Bilder von Ballhause. SA-Männer, die durch die Limmerstraße marschieren, lange Schlangen vor den Ämtern, Bettler am Boden. Auch der Fotograf selbst tritt vor die Kamera: Im Alter von 76 Jahren ist er noch einmal an seinen früheren Wohnort nahe der Limmerstraße zurückkehrt - und zückt wieder die Leica. 1991 stirbt Ballhause in seinem Wohnort Plauen.

Nun ist der Film auf einer DVD zu sehen. Es ist eine von sechs Produktionen, die die Medienwerkstatt in einer neuen Kollektion herausgegeben hat - und sie alle beschäftigen sich auf die eine oder andere Weise mit dem Stadtteil Linden. Der Ballhause-Film ist der älteste, die anderen Werke wurden zwischen 2003 und 2014 gedreht. Zum Themenspektrum gehören filmische Porträts der Anwohner der Kochstraße, des Teutonia-Chors und von Lindens Urgestein Egon Kuhn. Aber auch eine Dokumentation über die Debatte um Gentrifizierung und ein Mitschnitt des Theaterprojekts der IGS Linden über das Schicksal jüdischer Familien am Schwarzen Bär ist dabei.

Die neue DVD-Reihe ist ein Folgeprojekt der Kollektion mit zehn historischen und zeitgeschichtlichen Linden-Filmen, die die Medienwerkstatt 2009 zusammengestellt hatte. Für die lange Pause hat Becker eine Erklärung: „Wir sammeln und sichten regelmäßig Material aus unseren Archiven, aber wir müssen auch Kapazitäten haben, es zu verarbeiten.“ Die Werkstatt ist als Verein organisiert, bekommt keine öffentliche Förderung und finanziert sich vorwiegend über Seminarangebote. Die Linden-Filme der aktuellen Staffel, zwischen 16 und 58 Minuten lang, werden zum Selbstkostenpreis verkauft. Die Linden-Limmer-Stiftung gewährte einen Zuschuss von 600 Euro.

Für die Produktion „Kolorit Kochstraße“ hat das Kulturzentrum Faust vor zwei Jahren professionelle Filmemacher aus Berlin engagiert. Daniel Kunle und Holger Lauinger haben ein einfühlsames Stimmungsbild aus der Nachbarschaft der geschichtsträchtigen Straße in Linden-Nord eingefangen. Wo früher Arbeiterfamilien lebten, wohnen heute Menschen mit verschiedensten Biografien. Da gibt es die Erzieherin, die in Frührente gehen musste und vor dem Rewe gut gelaunt das Straßenmagazin „Asphalt“ verkauft. Oder die inzwischen achtköpfige türkische Familie, die seit 1980 in der Kochstraße lebt und dort eine Wahlheimat im besten Sinne gefunden hat. Und da ist auch noch das Ehepaar, das mit den Gründern der im 19. Jahrhundert angelegten Straße, den Brüdern Koch, verwandt ist.

„Kampf um den Kiez“ ist der plakative Titel des Films, der die Hausbesetzungen der „Kampagne Ahoi“ im Jahr 2011 thematisiert. Der damalige Journalistik-Student Henning Thielke ließ bei der Besetzung der früheren Polizeiwache in der Gartenallee die Kamera laufen. Ein Mieter, der seine Wohnung wegen einer Luxussanierung verlassen muss, kommt ebenso zu Wort wie der stolze Besitzer einer Eigentumswohnung, die zuvor als Mietobjekt auf dem Markt war. Unterm Strich bemüht sich der Filmemacher um Objektivität. Das relativiert sich allerdings, wenn plakativ Ausschnitte vom Monopoly-Spielfeld eingeblendet werden.

Jemand, der mit dem Wandel Lindens offenbar wenig Probleme hat, ist Egon Kuhn. In dem von Wolfgang Becker und seinem Kollegen Bernd Wolter aufgezeichneten Interview bekennt der als „linkes Gewissen“ Lindens bekannte Kuhn, dass er seine Baskenmütze in einem Laden am Lindener Markt gekauft hat - dem Bereich in Linden-Mitte, der häufig als Synonym für die vermeintliche Gentrifizierung angesehen wird.

Dass es problematisch werden kann, wenn das Material zu lange in den Archiven lagert, bevor es veröffentlicht wird, zeigt das Projekt von Hobbyfilmer Wilfried Wöltje. Der heute 82-Jährige hat die 125-jährige Geschichte des Teutonia-Chors dokumentiert - im kommenden Jahr feiern die Sänger bereits das 140-jährige Bestehen ihres Chores.

Jeder Film aus der neuen Edition kostet 8 Euro - erhältlich in der Medienwerkstatt, Charlottenstraße 5, Telefon 44 05 00, Mail: info@medienwerkstatt-linden.de.

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Linden in Zahlen
  • Stadtbezirk : Linden-Limmer, 10. Stadtbezirk in Hannover
  • Stadtteile: Linden-Mitte, Linden-Nord, Linden-Süd und Limmer
  • Einwohner: Im Stadtbezirk ca. 43.164 Einwohner
  • Einwohner je Stadtteil: Linden-Mitte (11.843 Einwohner), Linden-Nord (16.080 Einwohner), Linden-Süd (9.326 Einwohner)
  • Bevölkerungsdichte : 5.277 Einwohner je km²
  • Postleitzahl : 30449, 30451, 30453
  • Geschichte: Das Dorf Linden entstand im 11. Jahrhundert und wuchs im 19. Jahrhundert zur Industriestadt, die 1920 nach Hannover eingemeindet wurde.
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