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Linden Mit Tietjen unter Tränen lachen
Hannover Aus den Stadtteilen Linden Mit Tietjen unter Tränen lachen
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04:42 28.11.2015
Von Sonja Fröhlich
Bettina Tietjen vor ihrem begeisterten Publikum.
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Hannover

Einen kurzweiligen Nachmittag zu einem ernsten Thema bot der kommunale Seniorenservice Hannover mit dem „Ihmesalon“ an, in dem Bettina Tietjen, Moderatorin beim NDR-Fernsehen, aus ihrem Buch „Unter Tränen gelacht“ las. Es handelt von ihrer Zeit mit ihrem an Demenz erkrankten Vater.

„Ich verarbeite Dinge, indem ich über sie spreche“, erzählt Tietjen und fügte hinzu: „Mir ist ganz wichtig, zu zeigen, dass Demenz nicht etwas ist, an dem man scheitert, denn man kann mit dementen Menschen viele fröhliche Stunden erleben.“ Die etwa 160 Gäste im prall gefüllten Veranstaltungssaal im Ihmezentrum erleben in den kommenden anderthalb Stunden eine Reise durch die Welt der Demenz, wobei es durch die offene und natürliche Art der Hamburgerin leichtfällt, auch die traurigen Erlebnisse gut annehmen zu können. Als der Vater etwa sein geliebtes Wuppertal für immer verlassen muss, weil er künftig in einem Pflegeheim in Hamburg wohnen wird, stellt sich heraus: „Meine Schwester und ich waren total traurig, als wir mit unserem Vater noch einmal durch die Gegend fuhren, wir wussten ja, es ist zum letzten Mal, dass er das alles hier sieht. Er aber sagte nur freundlich: ,Das kommt mir alles bekannt vor, bin ich hier schon mal gewesen?“ Er habe das alles schon hinter sich gelassen, während die Kinder noch emotional hinterherhinkten.

„Durch die Demenz habe ich meinen Vater noch einmal neu kennengelernt. Er war früher der Intellektuelle in der Familie gewesen, für Gefühle war meine Mutter zuständig. Die war nun schon zwanzig Jahre tot. Jetzt fluchte er hemmungslos und war oft fröhlich“, berichtete Bettina Tietjen. Und noch etwas hatte sich bei dem 86-Jährigen verändert. Bevor er nach Hamburg kam, wurde er rund um die Uhr von zwei lettischen Frauen betreut. „Von ihnen hatte er sich dieses gebrochene Deutsch angewöhnt. Er sagte jetzt nur noch: ,Ich Hunger’, wenn er etwas zu Essen haben wollte. Das war für mich anfangs ganz befremdlich!“ Wenn Bettina Tietjen sich „richtig“ mit ihrem Vater unterhalten wollte, ging das ganz wunderbar auf Französisch oder Englisch. „Da klappte es auf einmal, genauso, wie er noch ganz viele Gedichte perfekt auswendig konnte.“

Besonders eindrücklich sind die Schilderungen aus dem Pflegeheim, die Tietjen mit selbstironischen Bemerkungen ergänzte. Etwa die Sachen mit dem „Untenherum“. „Alles, was unterhalb der Gürtellinie passiert, ist sehr wichtig für die Bewohner, nicht nur für die Dementen“, berichtete Tietjen. Sie schildert Erlebnisse, die derart unappetitlicher Natur waren, dass man sie - wie in ihrem Buch geschehen - nur mit Humor schildern kann. „Ich habe einen Riesenrespekt vor den Menschen, die in Pflegeheimen arbeiten, die mit diesen Ereignissen wie einem Kot-Haufen im Kleiderschrank professionell umgehen können“, bekennt Bettina Tietjen, um gleich hinzufügen: „Anders ist es in den Krankenhäusern, die Situation dort ist für einen dementen Menschen ganz schlimm!“ Sie schildert lange Wartezeiten in der Notaufnahme und die völlige Abwesenheit von Personal. „Hier muss sich dringend etwas ändern“, fordert sie.

Im Laufe der Lesung betont die Moderatorin immer wieder, wie reich sie sich durch die zweieinhalb Jahre mit ihrem Vater beschenkt fühle. Aber auch von den anderen Bewohnern der Demenz-Station: „Wenn man sich auf Augenhöhe mit einem Dementen begibt, lernt man, die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen.“

Eigentlich wollte sie gar kein Buch über dieses Thema schreiben, sondern wurde von Freunden dazu aufgefordert. Jetzt sei sie froh über das Buch. „Ich hatte mich anfangs bei meinem Vater immer gefragt: Machst du nicht alles falsch? Und ich habe dann so viel positive Resonanz bekommen und so viele Briefe, in denen Leute ihre Geschichte erzählen - ich denke, Probleme können besser gelöst werden, wenn viele daran mitarbeiten.“ Das Pflegeheim, in dem ihr Vater vor zwei Jahren friedlich einschlief, besucht Bettina Tietjen, die sich auch für Hospizarbeit engagiert, noch ab und zu. „Irgendwann will ich da mal ein Praktikum machen“, sagt sie.

Von Sonja Steiner

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