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Ein Stück slawische Heimat in Hannover

List Ein Stück slawische Heimat in Hannover

Im Gewerbegebiet am Mengendamm steht eine der außergewöhnlichsten Kirchen Hannovers. Der neobyzantinische Kuppelbau ist die Heimat der größten serbisch-orthodoxen Gemeinde Niedersachsens, St. Sava. Sie blickt auf eine 70-jährige Geschichte zurück.

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Einzigartig in Hannover: Die Kirche ist im neobyzantinischen Stil gebaut.

Quelle: Mario Moers

List. Thomas Höflich, Superintendent der christlichen Kirchen Hannover, bezeichnete die Gemeinde beim Festakt als „Stimme der Orthodoxie in Hannover“. Eine Ausstellung im Gemeindezentrum erinnerte an deren bewegte Geschichte: Ihre ersten Messen feierten die späteren Gemeindegründer noch in den Flüchtlingslagern der Nachkriegszeit.

Um den 250 geladenen Besuchern einen Eindruck vom Alltag der orthodoxen Gemeinde zu geben, beginnt der Festakt mit einer Andacht. Schwere Weihrauch-schwaden gehören dazu, wenn die orthodoxe Gemeinde zusammenkommt. Ebenso die großflächigen Bibelszenen an den Wänden und goldverzierten Ikonenbilder, die der Kirche beeindruckende Pracht verleihen. Statt auf Holzbänken zu sitzen, stehen die Besucher. „Das ist in Serbien so üblich“, erklärt Diakon Ilias Schlepegrell. Es gibt keine Stühle, auch eine Orgel sucht man vergeblich. Der Blick der Gottesdienstbesucher ist auf den Altarraum gerichtet, den nur die Geistlichen betreten dürfen.

Nicht nur die Gestaltung, auch die Liturgie der serbisch-orthodoxen Kirche unterscheidet sich von der der beiden großen christlichen Konfessionen. „Die Christenheit besteht nicht nur aus den beiden Großkirchen“, betont der Vertreter des Bischofs von Hildesheim, Martin Tenge, in seiner Funktion als Propst des Rats der Religionen Hannover. Besonders für Zuwanderer aus den slawischen Ländern sei die serbisch-orthodoxe Kirche immer ein Stück Heimat gewesen. „Es hilft den Menschen, eine neue Heimat zu finden, wenn sie dort bereits eine Kirche haben.“ Zu den Gästen der Jubiläumsfeier zählen auch Oberbürgermeister Stefan Schostok und Doris Schröder-Köpf, Landesbeauftragte für Migration. Großen Beifall bekommt Daniela Schily, Generalsekretärin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, für ihre Rede. „Die einstigen Flüchtlinge sind angekommen, ohne dass sie ihre Mentalität, Traditionen oder Religion aufgeben mussten“, sagt sie. Schröder-Köpf bezeichnet die Gemeinde als „Keimzelle der serbisch-orthodoxen Kirche in Deutschland.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebten in den Flüchtlingslagern der Stadt viele ehemalige serbische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder politische Flüchtlinge. Mönchspriester Dositej Obradovic begann in den späten Vierzigerjahren, für diese Lagerbewohner aus Serbien und anderen slawischen Ländern Messen zu organisieren. 1958 gründeten 600 Mitglieder dieser Gemeinschaft dann offiziell die Gemeinde St. Sava. Ein evangelischer Pastor schlug ihnen vor, für ihre Gottesdienste die St.-Annen-Kapelle an der Kreuzkirche zu nutzen. Mit den Gastarbeitern der Sechziger- und Siebzigerjahre wuchs die Gemeinde. Eine Sonntagsschule, ein Chor, eine Folklore- und eine Frauengruppe entstanden. Die Geschicke der Kirche leitete Erzpriester Toma Lilic, später Mönchspriester Metodije Lazic.

1976 wurde Milan Pejic in die Gemeinde eingeführt. In seine Amtszeit fiel der Baubeginn der eigenen Kirche. „Wir bekamen 1990 die Zusage der Stadt - am Tag, als Hannover die Expo zugesprochen wurde“, erinnert sich Pejic. Sein Amtsantritt jährt sich dieses Jahr bereits zum 40. Mal. 1993 begannen die Bauarbeiten. Der Entwurf für das in Hannover einzigartige Gebäude stammt vom Belgrader Architekten Predrag Ristic. Auf dem gleichen Grundstück entstand etwa zeitgleich ein Gotteshaus der griechisch-orthodoxen Gemeinde: Das Orthodoxe Zentrum war geboren. Erst zur Jahrtausendwende wurden die aufwendigen Fresken der Hauptkirche fertiggestellt. Zu dieser Zeit suchten viele Flüchtlinge aus den Bürgerkriegen im früheren Jugoslawien Schutz in Hannover.

Integrationsarbeit gehört somit seit der Gründung zu den Aufgaben der serbisch-orthodoxen Gemeinde. Mitgliederschwund oder Überalterung sind daher Fremdworte für Erzpriester Pejic. „Wir haben es ständig mit Flucht zu tun. Auch aktuell suchen viele Flüchtlinge Hilfe bei der Gemeinde“, sagt der 63-Jährige. Dazu kämen viele Studenten, die nach dem Abschluss in Hannover bleiben. „Kirchenaustritte, das kennen wir nicht“, sagt Pejic lächelnd.

Von Mario Moers

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