Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Michael Fürst diskutiert mit Leibnizschülern über seine Familiengeschichte

List Michael Fürst diskutiert mit Leibnizschülern über seine Familiengeschichte

Das Schicksal seiner Familie im Dritten Reich schilderte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde bei einer Veranstaltung in der Leibnizschule, die er früher selbst besucht hat.

Voriger Artikel
Neuer Betreiber für das Plümecke gesucht
Nächster Artikel
Kindern drohen längere Schulwege

Auf den Spuren
der Familie:
Michael Fürst
beantwortet
Abiturientin
Verena Tiedau
Fragen über seine Vorfahrenan.

Quelle: privat

List. Wohl noch nie haben die Schüler der Leibnizschule den Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar so intensiv erlebt: In der Aula erzählten Zwölftklässler die Geschichte der jüdischen Familie Fürst im Dritten Reich. Unterstützt wurden die Abiturienten aus einem Geschichtsprüfungskurs von Michael Fürst, dem Vorsitzenden des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Niedersachsens, der vor 50 Jahren sein Abitur an der Schule abgelegt hatte. Sehr persönlich berichtete er vor 200 Schülern über das Schicksal seines Vaters Helmut und seiner Großeltern Max und Else Fürst in der List.

Der nachfolgende Text stammt von Axel Ehlers, der die Veranstaltung als Lehrer miterlebte:

Die Familie lebte in der List, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Seit Generationen hatten männliche Mitglieder der Familie in deutschen Armeen gedient. Max Fürst hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft und das Eiserne Kreuz erster Klasse erhalten. Hannover und Deutschland waren seine Heimat und die der Familie. Auch sein Sohn Helmut Fürst war in diesem Sinne erzogen worden: „Ich war Deutscher wie jeder andere auch“, berichtete er rückblickend. Dass er Jude war, wurde erst nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zu einem Problem. Sein Vater wurde bereits 1933 willkürlich für einige Tage verhaftet, 1936 wurde Helmut der Schulbesuch verwehrt, 1938 brannte in Hannover wie andernorts die Synagoge. Für jüdische Familien wurde das Leben zunehmend erschwert.

Die Schüler erläuterten den historischen Kontext und lasen Auszüge aus einem Interview, das Matthias Horndasch 2007 mit Helmut Fürst geführt hatte. Dazu zeigten sie Fotos aus dem Familienalbum von Michael Fürst. Hauke Köhn begleitete den Vortrag musikalisch am Flügel. Obwohl Helmut Fürsts Bruder bereits 1936 nach Südafrika ausgewandert war, lehnte Vater Max eine Auswanderung für seine Familie lange ab. „Was brauche ich auszuwandern? Ich war Frontsoldat“, erinnerte sich Helmut Fürst an die Worte seines Vaters. Persönliche Leistungen und Verdienste spielten im völkischen Rassismus der Nationalsozialisten aber keine Rolle, wie die Schüler ausführten.

Im September 1941 musste die Familie ihre Wohnung in der Bödekerstraße räumen und in eines der hannoverschen „Judenhäuser“ ziehen. Am 15. Dezember wurden Helmut Fürst und seine Eltern Max und Else mit 998 weiteren Juden aus Hannover in das Getto Riga deportiert. Die Eltern kamen, wie fast alle Deportierten dieses Transportes, im Getto um. Mit viel Glück überlebte Helmut Fürst Getto und Zwangsarbeit. Er kehrte in das zerstörte Hannover zurück, wo er mit wenigen anderen die Jüdische Gemeinde neu gründete.

Heute ist sein Sohn, Michael Fürst, Vorsitzender dieser Gemeinde. Der Goldene Abiturient der Leibnizschule (Abitur 1966) ist außerdem Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen. Zwölftklässlerin Verena Tiedau bat ihn zum Abschluss der Gedenkstunde zum Interview auf die Bühne. Ob sein Vater viel über die Zeit im Lager gesprochen habe, war eine ihrer Fragen. Michael Fürst berichtete, dass sein Vater in der Familie anfangs kaum über die Deportation und die Lagererfahrung erzählt habe. Erst auf Drängen der Kinder habe er seine Erlebnisse mitgeteilt.

Auf Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland angesprochen, berichtete Michael Fürst von einer Episode bei der Bundeswehr, in die er als erster jüdischer Soldat nach dem Krieg eingetreten war. Ein Vorgesetzter hatte sich seinerzeit selbst als „Antisemit“ bezeichnet und war versetzt worden. „Heute würde man dafür aus dem Dienst entfernt“, sagte Fürst. Er berichtete auch von wiederholten Schändungen des jüdischen Friedhofs An der Strangriede in jüngster Zeit: „Das ist nicht mehr witzig.“ Antisemitismus sei gegenwärtig in rechtsradikalen Kreisen, aber auch bei vielen Einwanderern aus dem arabischen Raum verbreitet. Die gegenseitige Anerkennung des Lebensrechtes anderer sei aber eine wichtige Grundlage für ein gelingendes Zusammenleben. Fürst sucht daher als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde auch das Gespräch mit Muslimen und Palästinensern in Hannover. Es gehöre zur Demokratie, dass man auch einmal anderer Meinung sei. Andere aufgrund ihrer Religion oder Herkunft auszugrenzen oder abzuwerten, gefährde aber den Frieden in einer Gesellschaft. Einer solchen Haltung müsse deutlich widersprochen werden.

Fürst gab seinen nachdenklichen Zuhörern den Wunsch mit auf den Weg, dass sie sich aktiv in die demokratische Gesellschaft, in der sie leben, einbringen und sich für ein friedliches Zusammenleben aller Bürger einsetzen mögen. Ähnlich äußerte sich Schulleiter Kurt Veith: Ein gelingendes Zusammenleben hänge auch davon ab, nicht gleichgültig zu sein gegenüber der Not anderer. Veith betonte die Bedeutung der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, um die Werte der Demokratie zu schätzen und zu bewahren. Und den Zwöfltklässlern, die die Gedenkstunde gestaltet haben, dankte er für ihr Engagement.

Von Axel Ehlers

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus List
So schön ist Hannover-List
List in Zahlen
  • Stadtbezirk : Vahrenwald-List, 2. Stadtbezirk in Hannover
  • Einwohner: im Stadtbezirk ca. 67.620
  • Einwohner je Stadtteil: Vahrenwald (24.036) und List (43.584)
  • Bevölkerungsdichte : 8.216 Einwohner/km² im Bezirk
  • Postleitzahlen : 30161, 30163, 30165, 30177, 30655
  • Markantes aus der Geschichte: 2004 feierte die List ihr 700-jähriges Bestehen. Das älteste noch vorhandene Fachwerkhaus ist eine frühere Einsiedlerkate in der Waldstraße.
Ein Hauch von Venedig an der Leine

Für die Schönheit seiner Architektur ist Hannover nicht gerade berühmt. Doch wer genauer hinschaut, der wird staunen. Bilder aus dem Archiv des HAZ-Fotoreporters Wilhelm Hauschild (1902-1983).

Hätten Sie die Promis erkannt?

Teil 1: Wie gut kennen Sie sich mit Niedersachsens Promis aus? Raten Sie doch einfach mit.