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Neues Naturschutzgebiet für Hannover

Mergelgrube in Misburg Neues Naturschutzgebiet für Hannover

In der Misburger Mergelgrube ist ein Lebensraum entstanden, wie er dort schon einmal vorhanden war und zwischenzeitlich zerstört wurde. Das Kalkniedermoor mit 
seiner speziellen 
Tier- und Pflanzenwelt wird demnächst eins von nur drei Naturschutzgebieten in Hannover.

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Dieter Nußbaum, Landschaftspfleger der Stadt Hannover, führt durch die Mergelgrube in Misburg.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Früher am Morgen hat Dieter Nußbaum noch den Uhu gesehen, obwohl es schon hell war. Der Eulenvogel ist eigentlich ein Nachtjäger. Tagsüber ruht er an seinem Stammplatz im Strauchwerk am oberen Nordrand der Mergelgrube HPC I in Misburg. Wenn er seine großen Uhuaugen aufmacht, überblickt er von dort aus demnächst ein Naturschutzgebiet. „Im Sommer geht das Verfahren wohl zu Ende“, sagt Nußbaum.

Mergelgrube ist dann Rarität

Die Mergelgrube ist dann endgültig eine Rarität. Hannover nennt sich zwar gerne grünste Großstadt in Deutschland, aber der Platz für strengen Naturschutz ist im verstädterten, dichtbesiedelten Raum rar. Von den 38 Naturschutzgebieten in der Region liegen nur ganze zwei auf dem Gebiet der Landeshauptstadt, und die auch nur in Teilen: die beiden benachbarten Waldgürtel Gaim und Bockmerholz im Südosten des Stadtgebietes.

Misburgs Mergelgrube HPC I wird Naturschutzgebiet Nummer drei. „Damit soll den Anforderungen der Europäischen Union nachgekommen werden“, heißt es in einer Drucksache der Stadtverwaltung. Deutschland und auch das Land Niedersachsen hinken mit der Ausweisung von Naturschutzgebieten hinterher, findet die EU, und hat bereits Strafzahlungen angedroht.

"Ein Biotop von herausragender Bedeutung"

Die Grube erhält aber nicht nur deshalb den speziellen Status, damit die Umweltwächter in Brüssel die Füße still halten. „Es ist ein Kalkniedermoor, ein Biotop von herausragender Bedeutung“, sagt Nußbaum, der als Landschaftsplaner im Bereich Umwelt und Stadtgrün der Stadtverwaltung arbeitet.

Landschaftlich gehört die Mergelgrube zum sogenannten Seckbruch, der sich von Kirchrode bis zu den Autobahnen 2 und 7 erstreckt. Zur Kreidezeit vor über 60 Millionen Jahren befand sich hier ein Meer. Als es austrocknete, haben sich aus Sedimenten die Kalkmergelvorkommen gebildet, die wegen ihrer Nährstoffarmut einen Lebensraum für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten bieten. Dieser wurde schon durch die Landwirtschaft stark beeinträchtigt. Ende des 19. Jahrhunderts begann dann die Zementindustrie, den Kalkmergel als Rohstoff abzubauen. In der Grube HPC I war das bis 1962 der Fall; danach hat sich die Natur den Raum nach und nach wieder zurückerobert. „Wir finden dieselben Verhältnisse wie vor dem Abbau, nur eben 40 Meter tiefergelegt“, sagt Nußbaum. Das große Loch bei Misburg hat einen Durchmesser von etwa 500 Metern.

Dieter Nußbaum, Landschaftspfleger der Stadt Hannover, führt durch die Mergelgrube in Misburg, die neues Naturschutzgebiet werden soll.

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Von einer über den Portlandweg erreichbaren Aussichtskanzel kann man sich einen Überblick über das Gelände verschaffen. Das für den Mergel charakteristische schmutzige Weiß als Grundfarbe sticht ins Auge. Auf der Sohle befinden sich Moorflächen, Tümpel, Seen, Wasserläufe, Baumgruppen und Schilfgürtel. Eine weitere Eigenheit tritt in dieser Jahreszeit seltener auf. „Bei Sonneneinstrahlung wird es vor allem unten sehr heiß“, erklärt Nußbaum.

Wenn der Landschaftsplaner Besucher in die Grube führt, zeigt er ihnen gerne eine Wasserpflanze, die wegen ihrer Form Armleuchteralge heißt: „Sie kann nur in Kalkniedermooren leben. Seit 1897 galt sie in dieser Gegend als verschollen; wir haben sie im Jahr 2000 wiederentdeckt.“ Insgesamt kartierten Naturkundler 177 Pflanzenarten, darunter 45, die auf der Roten Liste für gefährdete Arten stehen. Sie tragen Namen wie Gefärbtes Laichkraut, Einspelzige Sumpfbinse, Kleines Tausendgüldenkraut oder Salz-Bunge - der Kenner wird mit der Zunge schnalzen. Wenn es wärmer wird, schwirren der Kleine Blaupfeil und der Frühe Schilfjäger durch die Gegend; es handelt sich um Libellen. Aus der Klasse der Amphibien tummeln sich Kammmolche und Zauneidechsen in dem Biotop.

Zwei Ziele

Vor 16 Jahren hat die Stadt in Misburg zwei stillgelegte Mergelgruben von der Firma HeidelbergCement gekauft und beide an die eigens gegründete „Gesellschaft zur Entwicklung des Naherholungsgebietes Misburg-Ost“ (Genamo) verpachtet. Die Idee dahinter: Die Mergelgrube HPC II (das Kürzel steht für „Hannover Portland Cement“) wird mit unbelastetem Boden verfüllt, den beispielsweise im Erdbau tätige Firmen anliefern können.

Aus den Einnahmen daraus bezahlt die Genamo die Pachten. Diese wiederum dienen der Stadt dazu, den Kaufpreis abzustottern und die Kosten zu tragen, die für den Unterhalt der Grube HPC I anfallen. Während die HPC I demnächst Naturschutzgebiet wird, dauert das Auffüllen der Nachbargrube bis etwa fünf Meter unter den oberen nach Einschätzung der Beteiligten noch bis Anfang des kommenden Jahrzehnts. Danach soll der Rest mit Grundwasser volllaufen und zu einem Naherholungsgebiet mit Badesee ausgestaltet werden.

Was sich nur in Ausnahmefällen in der Grube tummelt, ist die Spezies Mensch. Die Stadt hat das Areal für den allgemeinen Zugang gesperrt, sie bietet lediglich auf Anmeldung geführte Exkursionen an. „Wir riskieren sonst ein Müllproblem“, sagt Nußbaum. Ein Blick von der Aussichtskanzel in die Tiefe zeigt, dass diese Sorge begründet ist: Es gibt offensichtlich Zeitgenossen, die meinen, dort wäre ein idealer Platz, um Flaschen, Tüten oder anderen Dreck über die Brüstung zu werfen. Die empfindliche Naturwelt soll auch nicht von Grillfreunden, Anglern, Campern oder Geocachern gestört werden.

Spuren menschlichen Wirkens sind trotzdem zu finden. Alte Förderbänder hat man nicht abgebaut, weil das zu teuer wäre. Es gibt angelegte Wege für die Besuchergruppen. Und schließlich fällt ein Metallsteg ins Auge, der ein Stück in einen Teich mit blau-grünlich schimmerndem Wasser hineinreicht. Unter dem Steg führen Schläuche in das Gewässer, verbunden mit dem Ende eines aus dem Erdreich ragenden Rohres. „Wir müssen das Grundwasser- und das Niederschlagswasser nach oben pumpen und dann in den Misburger Stichkanal leiten. Sonst würde die Grube binnen wenigen Wochen bis an den Rand voll Wasser laufen“, erklärt Nußbaum. Das einzigartige Kalkniedermoor wäre dahin - wie schon einmal vor 100 Jahren.

Wer sich für Führungen durch die Mergelgrube interessiert, findet Informationen im Internet unter www.hannover.de, Suchwort „Grünes Hannover“. Telefonisch erteilt die Stadt unter (05 11) 16 84 38 01 Auskunft.

Schutzbedürftige
 Natur

Ziel des Naturschutzes ist es, Natur auf Grund ihres eigenen Wertes und als Lebensgrundlage des Menschen zu erhalten, heißt es in Paragraf 1 des Bundesnaturschutzgesetzes. Dafür gibt es mehrere Kategorien.

FFH-Gebiete: Das Kürzel steht für Flora (Pflanzenwelt), Fauna (Tierwelt) und Habitat (Lebensraum). Mit der FFH-Richtlinie hat die EU 1992 alle Mitgliedstaaten verpflichtet, ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten aufzubauen. Die Misburger Mergelgrube ist bereits FFH-Gebiet. Was derzeit passiert, ist der geforderte Schutz durch nationales Recht.

Naturschutzgebiete: Sie dienen der „Erhaltung, Entwicklung und Wiederherstellung von Lebensstätten, Biotopen oder Lebensgemeinschaften wild lebender Tier- und Pflanzenarten oder werden wegen ihrer Seltenheit, besonderen Eigenart oder hervorragenden Schönheit als solche ausgewiesen“ – Zerstörung, Beschädigung oder Veränderung verboten.

Landschaftsschutzgebiete: Sie zielen auf das Erscheinungsbild der Landschaft ab und können auch ausgewiesen werden, um sie für Tourismus und Erholung zu erhalten. Die Einschränkungen sind somit geringer.    

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Misburg in Zahlen
  • Stadtbezirk : Misburg-Anderten, 5. Stadtbezirk in Hannover
  • Einwohner: im Stadtbezirk ca. 32.300
  • Einwohner je Stadtteil: Anderten (ca. 7.600 Ew.), Misburg-Nord (ca. 21.900 Ew.) und Misburg-Süd (ca. 2.600)
  • Postleitzahl : 30559, 30627, 30629, 30655
  • Geschichte: Misburg wurde 1974 im Zuge der niedersächsischen Kommunalreform nach Hannover eingemeindet.
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