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Misburg So war die Kindheit im kriegszerstörten Misburg
Hannover Aus den Stadtteilen Misburg So war die Kindheit im kriegszerstörten Misburg
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00:15 03.05.2017
Gebannt lauschen die Kinder Gisbert Selkes Erzählungen. Quelle: Johanna Stein
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Hannover

„Opa, erzähl’ doch mal!“ Mit diesem Satz seiner Enkelkinder habe es angefangen, sagt Gisbert Selke. Der ehemalige Schulleiter hat seinen Enkeln dann Geschichten aus seinen Erinnerungen aufgeschrieben - Erinnerungen an das zerbombte Misburg-Anderten des Zweiten Weltkriegs. Mittlerweile sind diese Geschichten nicht nur im Internet (unter www.nananet.de) nachzulesen; am Dienstag hat Selke Drittklässlern der Grundschule Mühlenweg davon erzählt.

Hannovers verlorene Orte: Viele Bauwerke in Hannover haben die Zeit nicht überdauert. Einige wurden während des Krieges zerstört, andere existieren aus anderen Gründen nicht mehr – und sind für immer verloren.

Zum Welttag des Buches am vergangenen Sonntag hat die Stadtbibliothek Misburg auch in diesem Jahr wieder zu einer Aktion eingeladen. 18 Grundschüler lauschen Selke, der von seiner Kindheit im Stadtbezirk erzählt. Er beginnt mit dem Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg: 1304 Fliegeralarme habe es gegeben. „1304 Male, wo es hieß: Ihr müsst in den Bunker“, sagt Selke und zeigt mit einem Beamer Schwarz-Weiß-Bilder. Darauf zu sehen sind Trümmer, Bunker, Ruinen in der Liebrechtstraße, die zerstörte Herz-Jesu-Kirche.

Die Drittklässler, die zu Beginn des Vortrags noch etwas desinteressiert in der Kinderbuchabteilung der Misburger Bibliothek sitzen und auf den Stühlen hin und her rutschen, schauen gebannt die alten Fotos an. Ein Raunen geht durch den Raum, wenn sie bekannte Straßennamen hören oder ihren Stadtteil sogar auf den Bildern erkennen. „Meine Oma hat da auch noch gelebt“, sagt ein Junge. Ein anderer fragt: „War das der Erste oder Zweite Weltkrieg?“ Auf Selkes Antwort erwidert ein Mitschüler: „Ich hoffe, es gibt keinen dritten.“

Kriegsende in Hannover

Mehr zu dem Thema finden Sie auf unserer Themenseite "Kriegsende in Hannover".

Klassenlehrerin Laura Kober macht sich zunächst Sorgen: „Ob das nicht zu viel ist?“ Doch nach kurzer Zeit merkt sie, wie interessiert die Kinder Selke zuhören. „Sie waren richtig gefesselt“, sagt Kober. Und zum Glück hat der ehemalige Direktor der Anderter Pestalozzischule nicht nur traurige Geschichten mitgebracht. Er zeigt Bilder von Hochzeiten, der Kommunion und seinen Brüdern, die mit neuen Fahrrädern stolz für die Kamera posieren. „Das Feiern ist den Leuten nicht verloren gegangen“, sagt der 76-Jährige. Auch lustige Anekdoten kann er erzählen. Als das Haus der Familie zerstört wurde, fuhren sie nach Celle zur Großmutter. „Sie hat erst einmal eine Steckrübensuppe gekocht“, erinnert sich Selke, „die beste, die ich je gegessen habe.“ Und weil Großmutter keine Zähne mehr hatte, durfte der Junge sogar die Kruste ihrer Brotscheibe haben - „die Rinde gehört dem Kinde“, sagt der Historiker und schmunzelt.

Zum Schluss flimmern noch ein paar aktuelle Bilder des Stadtbezirks über die Leinwand. „Wenn man da heute durchfährt, glaubt man gar nicht, dass man da so eine miserable, aber doch wunderbare Kindheit verbracht hat“, sagt Selke lächelnd.

Von Johanna Stein

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