Hannover. Goldene Säulen, purpurne Vorhänge, Kronleuchter, kitschig-griechische Wandreliefs – und kaum Gäste an den Tischen. So sieht es derzeit aus im Café „Caldo“. Die Betreiber haben keine Hoffnung mehr, dass sich die Zeiten noch mal bessern, und geben auf. Am 1. September schließt das Café – und damit geht ein Stück Gesellschaftsgeschichte verloren. Denn das „Caldo“ (italienisch für warm) steht seit den achtziger Jahren für das steigende Selbstbewusstsein der Schwulen und Lesben in Deutschland.
Klar gab es schon früher Schwulenkneipen, sagt Geschäftsführer Christian Möhlmann, der mit einem der Betreiber verheiratet ist. „Aber die waren in Hinterhöfen und hatten verdunkelte Scheiben. Das „Caldo“ war einer der ersten Schwulenläden, die sich nicht mehr hinter Fensterfolie versteckten.“ Damals habe das kleine Café zwischen Langer Laube und Brühlstraße in der Szene bundesweit Aufsehen erregt, sagt er. „Das Konzept des Cafés hat sofort funktioniert, die Szene und die Zeit waren reif für so etwas.“
Es klingt Wehmut mit, wenn Möhlmann das erzählt, draußen vor dem Café, unter dem großen Ahornbaum, der gepflanzt wurde, als das „Caldo“ 1985 öffnete, wie Möhlmann zu wissen meint. Ganz sicher ist er nicht. Schließlich war er damals gerade zwei Jahre alt.
In den kommenden Jahren wurde die Schwulenszene immer selbstbewusster, Clubs wie die „Men’s Factory“ in der Nordstadt hatten ihre große Zeit. Man tanzte in Lack und Leder auf der Theke, der Sekt floss in Strömen, gefeiert wurde bis zum Morgengrauen. „Es war auch für Heterosexuelle schick, mit Schwulen und Lesben auszugehen“, sagt Möhlmann. Daran erinnert sich auch Bernd Weste von der hannoverschen Aids-Hilfe: „Das ,Caldo‘ hatte eine offene Kultur – man wusste nie genau, wer eigentlich schwul war und wer nicht – das hatte Charme.“
Mittlerweile aber scheint die Zeit der Schwulen-Klubs vorbei zu sein. „Die Szene ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Möhlmann. Inzwischen gingen Homosexuelle in jede Bar und fühlen sich in jedem Klub zu Hause und willkommen, sagt er. Und es gibt das Internet. „Wenn man sich für ein Date verabreden will, dann macht man das heute in einem Gay-Forum im Netz“, sagt Weste. Früher seien Schwule auf Treffpunkte wie das „Caldo“ angewiesen gewesen, um jemanden kennenzulernen.
Unter dem Ahornbaum vor dem „Caldo“ nippt Christian Möhlmann an seiner Fassbrause und sagt: „Wir dachten vor einem Jahr, dass es trotzdem zu schaffen ist, wenn wir investieren, das Café renovieren und hart arbeiten, aber wir lagen falsch.“ Am Wochenende sei der Laden zwar regelmäßig voll, die Partys seien beliebt und ausgelassen: Silvester, Eurovision Song Contest, Rosenmontag, Halloween, Weihnachten – feste Termine im „Caldo“-Kalender. „Aber in der Woche sind nie mehr als ein paar Tische belegt. Das reicht einfach nicht zum Überleben“, sagt er. Da hilft auch viel Lob für die „spaßigen Nächte“ und die „berühmte Cocktailbar“ in Schwulen-Internetforen nicht. Am Wochenende und am Mittwoch, 31. August, feiert das „Caldo“ Abschied. Es sei denn, es findet sich bis dahin noch ein neuer Betreiber.
Die Pioniere des „Caldo“ – Jochen Lessmann und Walter Krieger – wollten sich 1985 einfach nicht mehr verstecken, sagt Möhlmann. Das müssen sie heute nicht mehr. So gesehen hat das „Café Warm“ seinen Zweck erfüllt.
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