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Kultgaststätte Vater&Sohn schließt

Nach zehn Jahren Kultgaststätte Vater&Sohn schließt

Im Warmbüchenviertel war die Traditionsgaststätte Vater&Sohn eine Institution. Nach zehn Jahren hören Irina Krauskopf-Engel und Axel Krauskopf auf. Ein Verlust für die Stadt, ein Neuanfang für Familie Krauskopf.

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Die Traditionsgaststätte Vater&Sohn schließt zum 31. Januar.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Mitte. Einen Monat lang noch wird Irina Krauskopf-Engel hinten in der Küche stehen, und einen Monat noch zapft Axel Krauskopf Bier um Bier hinter der schweren rustikalen Theke. Dann hat es keinen Sinn mehr, die Verhältnisse sind nicht mehr so, das Ehepaar hört auf. Was es dann nicht mehr gibt: Salatpokal, Spiegelei, Schnitzel mit Bratkartoffeln, Sauerfleisch vom Schweinenacken, Brot mit harter Mettwurst, Brathering süßsauer eingelegt, Ölsardine mit zwei Scheiben Toast. Und Krüge würzig schäumenden Bieres, von Axels Mutter Anne Krauskopf seit drei Jahrzehnten an die Tische getragen.

Vater&Sohn, die Traditionsgaststätte im Warmbüchenviertel, schließt zum 31. Januar. Es ist ein Verlust und zugleich ein Neubeginn. Irina Krauskopf-Engel wird wieder in einer Bank arbeiten, Axel Krauskopf wohl im Außendienst Medientechnik verkaufen. Sie hatten das alles hingeworfen vor zehn Jahren, voller Optimismus, um das Restaurant zu führen. Nun kehren sie zurück in ihre bisherigen Berufe. War es das mit der Gastronomie, oder denken sie an einen zweiten Versuch, irgendwann einmal? „Nein“, sagt Irina Krauskopf-Engel, „ich würde es nicht wieder machen, zu viel vom eigenen Leben geht verloren.“ Axel Krauskopf ergänzt: „Es darf nicht alles andere auf der Strecke bleiben.“

Auf eine Currywurst ins „Plümecke“ oder zum Konzert ins „Tante Minchen“ - Hannovers Kultkneipen haben viel zu bieten.

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Das Ehepaar übernahm eine bestens eingeführte Gaststätte, ein Lokal, in das Männer und Frauen gehen, die gerne das Wort „urig“ benutzen, um die Atmosphäre zu beschreiben. Hölzerne Hocker vorm hölzernen Tresen, holzvertäfelte Wände, tief hängende Lampen, Silberteller, Wimpel, getrennt von der Gaststube ein Raucherabteil. Unpolierter Charme, so hätte es 1900 aussehen können, als im Erdgeschoss die ersten Gäste bewirtet wurden, in einem Lokal, das manche eine Eckkneipe nennen, obwohl es in einer Geraden liegt. Eine Patina aus Skatrunden, Zigaretten und Deftigkeit setzte sich in Jahrzehnten fest.

Erst hieß es Herrenhäuser Stuben

Von 1962 an führte Guido Krüger das Geschäft unter dem Namen Herrenhäuser Stuben, 1977 übernahm dessen Sohn Aribert die Gaststätte und nannte sie fortan Vater&Sohn. Dann kam 2005 das Ehepaar Krauskopf, und man kann vermuten, dass Anne Krauskopf daran ihren Anteil hatte: Axels Mutter bediente hier. Vater&Sohn blieb, was es war: ein besonderer Bratkartoffel-Eintrag im Restaurantführer, hervorstechend unter Dutzenden Griechen, Italienern und Chinesen.

Nur hat sich die Branche in den vergangenen Jahren gewandelt. Ab Herbst waren die Plätze immer gut besetzt, aber im Sommer wurde es übersichtlich an den Tischen. Der Sommer kann Gastronomen ohne Plätze im Freien zu schaffen machen, alle Welt will plötzlich hinaus, da genügen schon ein paar Grad über null und ein schwacher Sonnenstrahl, der einen Plastikstuhl touchiert.

Der Biergarten fehlt

Das Vater&Sohn hat keinen Biergarten. Der Versuch, vorm Lokal eine Plattform mit Tischen anzubieten, brachte nicht die erhoffte Umsatzsteigerung. Der persönliche Einsatz der Familie blieb, der Gewinn nicht. Irina Krauskopf-Engel erzählt, wie sie schon morgens in der Küche steht, kiloweise Kartoffeln schält, Fleisch plattklopft und Remoulade selber herstellt. Zum Glück waren sie nie krank geworden, denn auch drei Kinder wollten umsorgt werden, von denen das Paar sowieso glaubt, dass sie zu kurz gekommen seien. „Die Leute denken, man kann das ganze Jahr vom Winter leben. Aber so einfach ist das leider nicht.“ Kosten laufen weiter, und das Leben fürs Lokal zehrt an den Kräften.

Auch traditionelle Geschäfte, über Jahrzehnte sichere Umsatzbringer, brachen ein. Messegäste müssen inzwischen mit knapperem Spesenbudget wirtschaften, Familienfeiern gibt es immer seltener, weil Vater, Mutter, Kind seltener zusammen ausgehen und es sie als Familie häufig nicht mehr gibt. Dafür sind Kettenläden voll, um genormte Pizzen und Burger zu verkaufen. Und die treue Kundschaft, die immer noch kommt, geht nicht selten früher. Axel Krauskopf erinnert sich, dass früher oft bis nach Mitternacht Betrieb herrschte, „heute ist es so, als würde um halb elf der letzte Bus vor der Tür stehen“.

Am Wochenende ist geschlossen

Ein kühler Unternehmensberater hätte an Vater&Sohn wohl manches auszusetzen. Wer sich einer Tradition verpflichtet fühlt, läuft auch Gefahr, Entwicklungen zu verpassen. Die Buntglasfenster, die kaum einen Blick ins Innere zulassen, die Backsteinmauer, der winterschwere Vorhang hinter der Eingangstür, wo doch heute jede neue Restaurantfassade verglast ist. „Will ja jeder beim Essen gesehen werden“, sagt Irina Krauskopf-Engel.

Kein Mittagstisch, Sonnabend und Sonntag ist das Lokal geschlossen. Die Karte so bürgerlich wie eh und je. Keine Nudeln mit Lachs und Spinat, keine Ziegenkäse-Honig-Kreation, kein Tofu, kein Rucola. Das Paar ist stolz darauf, dass in der Küche nie Fritteuse und Mikrowelle standen. „Aber schnell und billig, das wollen die Leute“, glaubt Irina Krauskopf-Engel. Bei Vater&Sohn war es nie teuer, aber schnell und billig gab es auch nie. Und was man früher einmal versucht habe, sei nicht eingeschlagen, Sonnabendöffnung zum Beispiel. Was zudem fehlte, war Laufkundschaft. Wenn man den Krauskopfs länger zuhört, war es am Ende wie auf der „Titanic“. Das Ende nahe, nicht aufzuhalten.

Als der Hauseigentümer wechselte, entschloss sich das Paar, das Geschäft zu schließen. Stammtische, die seit Jahrzehnten kommen, suchen neue Heimaten. Dass es Spaß gemacht habe, man tolle Gäste kennen gelernt habe, sagt Axel Krauskopf noch. Der letzte Tag soll kein besonderer Tag werden. Familie Krauskopf hört auf. Eine Tradition endet. Es gibt nichts zu feiern.

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