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Mitte Warmbüchenviertel zeigt vielfältige Architektur
Hannover Aus den Stadtteilen Mitte Warmbüchenviertel zeigt vielfältige Architektur
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06:16 15.09.2012
Von Michael Zgoll
Die Renaissancefassade in der Lavesstraße beeindruckt noch heute. Quelle: Michael Zgoll
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Mitte

Wer mit einem Bus der Linie 121 die Lavesstraße entlangrollt, kann einen Blick auf das eine oder andere Kleinod werfen. Renaissance und Gründerjahre, Nachkriegswelt und moderne Zeiten - die Häuser, die im Warmbüchenviertel stehen, bilden Jahrhunderte ab. Doch erst wer in die Sträßchen links oder rechts eintaucht, bekommt einen nachhaltigen Eindruck von der architektonischen Vielfalt, die das oft unterschätzte Quartier zu bieten hat. Ein gutes Dutzend Teilnehmer fand sich in der Vorwoche anlässlich eines Fests des örtlichen Kaufleute-Vereins zu einer Stadtteilführung ein. Mit Esprit, einem Berg von Informationen und einer gehörigen Portion Lokalpatriotismus wartete HAZ-Redakteur Conrad von Meding auf - kein Wunder, wohnt er doch selbst im Warmbüchenviertel. Und so dauerte die auf anderthalb Stunden angesetzte Führung schließlich doppelt so lang wie geplant.

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Zu Beginn der Führung zeigt Conrad von Meding, wie der Lavesplatz vor 2007 aussah - wesentlich unattraktiver als heute.

Das Wetter - teils heiter, teils wolkig - ist den Fest-Initiatoren des Vereins „Profil Lavesstraße/Warmbüchenviertel“ freundlich gesonnen. Die Bänke am Lavesplatz sind den ganzen Nachmittag bis in den frühen Abend hinein gut besetzt, DJ-Musik ergänzt die gemütliche Plauderstimmung, Essen und Trinken gibt es reichlich. Wer eher darauf aus ist, Kalorien zu verbrennen - der ist beim Stadtteilrundgang richtig. Der Startpunkt ist gut gewählt: Schließlich hat sich der Lavesplatz nach der Umgestaltung vor fünf Jahren positiv verändert und ist viel wohnlicher geworden.

Früher war am Gutenberghof der Sanitär- und Schraubengroßhändler Schwemann&Stücke angesiedelt, seit 2011 residiert hier die Ärzteversorgung. Respektabel wirkt der Neubau aus Travertin, Basalt und Glas. Der linsenförmige Innenhof mit Beeten, Bäumen und farbigen Wandelementen imponiert den Teilnehmern des Rundgangs sichtlich - normalerweise darf man hier nicht so einfach hereinspazieren. Von Meding weiß einiges über die architektonischen Feinheiten des Verwaltungsgebäudes zu berichten und kennt als Zeitungsmann natürlich auch die „Aufreger“ der Baugeschichte. Ende 2009 war es, dass ein angeblicher Bombenfund für Trubel im Viertel sorgte: 12500 Hannoveraner sollten ihre Wohnungen verlassen, eine Evakuierung des Hauptbahnhofs war angekündigt, Gleise und Straßen standen vor der Sperrung. Dann die Entwarnung: Nur alte Tanks verrotteten im Erdreich. Der Oberbürgermeister soll gekocht haben ob des Fehlalarms und der - überflüssigen - Aufregung.

In den vergangenen Wochen hat das neueröffnete Design-Hotel am Thielenplatz viel von sich reden gemacht, doch auf dem Nachmittags-Rundgang steht ein anderes Vier-Sterne-Etablissement im Mittelpunkt: Das Grand Palace Hotel in der Lavesstraße. Früher war hier die Reichsbahnverwaltung untergebracht, bis zur Eröffnung vor zwei Jahren steckte ein Investor aus Aserbaidschan gut sechs Millionen Euro in den Umbau des Gebäudes zum Hotel. Die norddeutsche Backsteinfassade steht unter Denkmalschutz, die Hüter der historischen Häuser setzten sogar durch, dass der im Krieg weggebombte Mittelgiebel wieder nachgebildet wurde. Conrad von Meding macht die Zuhörer auf ein paar spannende Details aufmerksam: die andersfarbigen Ziegel im Mittelblock oder den kleinen Busch, der auf einer Zinne zur Rechten sprießt: „Der wird noch mal richtig Ärger machen da oben.“

Ein Teilnehmer hat ein gute Frage: „Aber sind wir hier überhaupt noch im Warmbüchenviertel?“ Nein, sind wir nicht, schließlich bildet der Schiffgraben die nordwestliche Grenze des Quartiers im Eck von Marienstraße und Berliner Allee. Aber der Rundreiseleiter gibt sich generös: Irgendwie gehöre dieses Stück Lavesstraße doch zum Quartier, und seit das Wasser des Schiffgrabens in ein mannshohes Rohr unterhalb der Ringstraße verbannt sei, kenne ja kaum noch jemand die Grenze zwischen dem frühen Hannover und der Gartenvorstadt. Auf dem Areal des „echten“ Warmbüchenviertels pflanzten die Bauern einst Gemüse für die Kernstadt an, und Mitte des 18. Jahrhunderts ließ die Stadt sogar eine Reihe von Schleusen bauen, um den Torf vom Altwarmbüchener Moor leichter in die Altstadt schippern zu können. Doch das Projekt war umstritten, wenig später verlandete der Schiffgraben.

Nur wenige Meter neben dem Grand Palace lotst von Meding die Gruppe zur ältesten Renaissancefassade Hannovers. Eigentlich passt das gelb-rote Häuschen mit seiner überbordenden Ornamentik nicht so recht in die Lavesstraße, doch die Alternative wäre ein Nimmerwiedersehen gewesen - der komplette Abriss des Hauses von Johann Overlach und Anna Kleinen, das nahe der Marktkirche in der allzu eng gewordenen Altstadt stand. Nur selten muss der Fremdenführer einen Blick in seine Aufzeichnungen werfen, hier tut er es: Die Renaissanceverblendung stammt aus dem Jahre 1663, den Umzug und den Wiederaufbau veranlasste der Rat 1884.

Weiter geht’s zum Finanzministerium. Bis 1945 hatte die Provinzial-Selbstverwaltung in dem Prachtbau am lärmgeplagten Schiffgraben ihren Sitz. Wenngleich die Gruppe an dem einen oder anderen Punkt öffentlichen Interesses stehenbleibt - der Redefluss des Mannes an der Spitze stockt nie. Selbst den Fußmarsch zur nächsten Sehenswürdigkeit nutzt von Meding im Rückwärtsgang aus, um Wissenswertes weiterzugeben. Doch auch die Teilnehmer erweisen sich als sachkundig, können so manches Detail aus der Lokalgeschichte des Warmbüchenviertels beisteuern. Hier sind Experten unter sich - und haben Spaß dabei.

Glück hat die Stadtteilrunde am VGH-Komplex links und rechts des Warmbüchenkamps. Einer der Anwesenden arbeitet bei der Versicherung - das öffnet Türen und verschafft unerwartete Einblicke. Nach heutigen Maßstäben viel zu tief gebaut, mit dunklen Ecken und zugiger Klimaanlagenluft gestraft war der Nachkriegsbau der VGH mit seinen Großraumbüros viele Jahre lang. Doch ein 300 Millionen Mark teurer Um- und Anbau veränderte die Szenerie Mitte der neunziger Jahre grundlegend: Seitdem spendet ein industriell gestylter Lichtschacht willkommene Helligkeit, seither beherbergt eine Rotunde einen Sitzungssaal mit schöner Aussicht, seit dieser Zeit verbinden verglaste Brücken Alt- und Neubau. Der endlose Treppenabgang neben mächtiger Stahlstreben-Front lässt den einen oder anderen Stadtteilforscher schwindeln - doch den Aufzug nimmt nur eine Dame.

Kunstwerke. Die VGH-Gebäude sind voll davon. Es gibt einen für die Mitarbeiter zugängliche Ausstellungsraum, in regelmäßigen Abständen dürfen sich die Versicherungsleute neue Kunst-Stücke für ihre Büros aussuchen. Der firmeninterne Fundus hat hier einiges zu bieten. Auch die drei „kristallinen“ Neubauten der Versicherungsgruppe auf der anderen Seite des Warmbüchenkamps, die 2009 vollendet wurden, protzen nicht nur mit farbenfrohen Fassaden. Knappe 90 Meter lang und fast vier Meter hoch ist das Timm-Ulrichs-Werk „Die Lieblingsfarben der Niedersachsen“. Hunderte von knallig getönten Kunststoffquadraten hat der Konzeptkünstler in der Wand eines Foyers verankert - von außen ansehbar.

Hinter den Bürohäusern, wo ein Edel-Steinhaus mit acht Luxuswohnungen das Ensemble abrundet, thront ein gewaltiges Kunstwerk in Rosa, das „Prosopagnostische Netz“ von Raimund Kummer. Prosopagnosie: Das bedeutet Gesichts- oder Seelenblindheit. Und die Gruppe macht sich Gedanken. Soll das Kunststoff-Knäuel Gehirnwindungen abbilden? Neuronale Netze? Ein Stadtteilspaziergänger kann sich nicht beherrschen: Ihn erinnerten die rosa Rundungen an „Ärsche“. Auch gut - Kunst liegt eben im Auge des Betrachters.

Mehr als zwei Stunden sind um, der Kreis der Wissbegierigen ist ein wenig geschrumpft. Doch was wäre das Warmbüchenviertel ohne Gartenfriedhof? Weil der Steinmetz im Jahre 1794 den Namen des toten „Heinrich Andreas Jacob Lutz“ nicht Wort für Wort auf den schmalen Obelisken meißeln konnte, griff er zum Mittel der Trennung - und kreierte unfreiwillig das „Menschenfressergrab“: „Hein-rich Andre as Jacob Lutz“. Auch die Geschichte des von einer Birke angehobenen Grabsteins, die die städtischen Gärtner vor zweieinhalb Jahren kaltblütig abholzten, erzählt Conrad von Meding gern. „Dieses auf ewig erkaufte Begräbnis darf nie geöffnet werden“ steht seit dem Ende des 18. Jahrhunderts auf dem Grabstein der Henriette von Rüling. So hatte die unbotmäßige Birke denn einige Berühmtheit erlangt, und ihr Fall rief Empörung im Quartier hervor. Immerhin: die Verwaltung hat nachgepflanzt. Ein Birklein. Auch das Grab von Goethes Jugendfreundin Charlotte Kestner beschäftigt die Hobby-Historiker an diesem Nachmittag - und die trinkfreudigen Gesellen, die dem lauschigen Stadtteilpark und den Anliegern der Gartenkirche immer wieder Kummer bereiten.

Das letzte Teilstück des Rundgangs verläuft auf der Warmbüchenstraße - und es gibt noch so viel zu sehen - etwa den vor einem Neubau aufgestellten Mauerbogen der historischen AOK-Zentrale (den man nicht schön finden muss), das Gebäude der ehemaligen Kestner-Gesellschaft (das eine mehrfache Umnutzung zwischen Kunst- und Wohnraum erfahren hat) oder die Gedenktafel für den Psychologen und Graphologen Ludwig Klages (der nichts mit dem Klagesmarkt zu tun hat). Der harte Kern der Stadtteil-Spaziergänger lässt keine Eile erkennen - allerdings hat auch niemand etwas dagegen, sich zum Abschluss in der „Bar Romantis“ ein Bier oder einen Pernod zu genehmigen. Selbstredend gibt es rund um die schlangenförmig verdrehten Gipssäulen des skurrilen Etablissements an der Lavesstraße wieder einiges zu palavern - über die putzigen Putten etwa, die geheimnisvoll strahlenden Aquarien oder die versteckten Fotos prominenter Politiker. Das Warmbüchenviertel, darin ist sich die Runde einig, hat eben mächtig viel zu bieten.

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