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Mühlenberger Mütter kämpfen gegen die Vermüllung

Canarisweg Mühlenberger Mütter kämpfen gegen die Vermüllung

Das Außengelände der Kita am Canarisweg 21 ist gesperrt. Obwohl die Balkone über dem Außengelände mit Taubennetzen abgesichert sind, fliegt immer wieder Müll über die Brüstungen auf das Kita-Gelände. Auch Scherben und andere gefährliche Gegenstände. Jetzt haben die Mütter vom Canarisweg genug.

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Wie in einem Käfig: Samira Banars Balkon über dem Innenhof der Kita am Canarisweg ist mit einem Taubennetz gesichert.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Samira Banar ist zornig. Zornig, weil die Stadt Hannover nicht mehr Kita-Plätze für die Kinder vom Mühlenberg schafft: für die „vielen Kinder hier, die so dringend Hilfe brauchen“. Zornig, weil auch sie ihren gerade einmal zehn Monate alten Sohn schon bei der Geburt im Kindergarten angemeldet hat und sich trotzdem nicht sicher sein kann, dass er irgendwann vor der Schule einmal einen Platz bekommt, „um gut Deutsch zu lernen“. Zornig ist sie auch, weil sie in einem tristen Hochhausblock in Mühlenberg Seite an Seite mit Nachbarn leben muss, die ihren Müll einfach so von den Balkonen werfen.

Viel Müll liegt am Canarisweg auf den Straßen und Wegen.

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Samira Banar ist die Mutter eines Kindes aus der Kita am Canarisweg 21. Jener Kita, deren Außengelände vor drei Wochen von der Stadt gesperrt werden musste, weil so viel Müll von den darüberliegenden Balkonen der Anwohner flog, dass Gefahr für Erzieherinnen und Kinder bestand. Vier Jahre ist die Frau aus dem Iran jetzt mit ihrer Familie in Deutschland, vier Jahre wohnt sie auf dem Mühlenberg, in jenem Stadtteil Hannovers, den die Bornumer Straße in zwei Hälften teilt. Nüchtern, kalt, wirken die bis zu 14-stöckigen Betonburgen auf der Seite am Canarisweg, die einmal das Wahrzeichen Mühlenbergs werden sollten. Mehr als 1000 Menschen aus mehr als 50 Nationen leben hier, viele von Hartz IV. Für Zuwanderer ist der Canarisweg oft die erste Adresse. Dass viele dem Wohnquartier so schnell wie möglich wieder den Rücken kehren, ist bekannt.

Windeln fliegen vom Balkon

Samira Banar wirkt zurückhaltend, fast scheu, wenn man mit ihr spricht. An diesem Tag hat sie sich mit ein paar anderen Müttern in der Kita im Elterncafé getroffen - und ist mit ihnen danach zum Reden in ihre höher liegende Wohnung gegangen. Irgendwann sprudelt der ganze Frust nur so aus ihr heraus. Dass ein Nachbar einige Stockwerke über ihr unlängst eine Flasche an der Brüstung aufschlug und die Scherben auch auf ihren Balkon flogen, erzählt sie. Dass es Menschen am Canarisweg 21 gibt, die dreckige Windeln, ja manchmal sogar den gesamten Inhalt eines Mülleimers über den Balkon werfen, sagt eine andere Mutter, Dalal Rashow. Sie lebt ebenfalls in dem Haus, hatte auch ein Kind in Kita und Hort im Canarisweg 21.

Rashow erinnert sich auch noch an jenen Vorfall, mit dem die Sache mit dem Müll, der Kita und den Taubennetzen begann. Alle Balkone im Canarisweg 21 sind von Taubennetzen eingefasst. Aus Sicherheitsgründen, damit kein Müll mehr nach unten geworfen werden kann. Wenn Samira Banar mit ihrem Sohn auf dem Arm auf ihrem Balkon steht, wirkt es, als stehe sie in einen Käfig. Die 36-Jährige ist so gewöhnt daran, sie merkt nicht, wie befremdlich das ist. „Ich fühle mich sicherer“, sagt sie. „Meine Kinder kann so auch hier oben kein herunterfliegender Müll treffen.“

Drei, vier Jahre ist es her, da warf ein Anwohner einen Kinderhochstuhl vom Balkon, während Kita-Kinder unten im Garten spielten, erzählt Dalal Rashow. Der Hochstuhl zerschellte. Es war pures Glück, dass niemand getroffen wurde. Anzeige wurde erstattet, danach wurden in allen Stockwerken erstmals aus Sicherheitsgründen Netze gespannt. Die Stadt bestätigte den Vorfall.

"Wir haben Angst"

Mittlerweile sind sie wieder undicht geworden. Scherben, Nägel, Tacker, selbst Stühle fanden sich morgens im Garten, sagen die Mütter. Vor drei Wochen flog ein Aschenbecher, verfehlte eine Erzieherin knapp. Die Stadt sperrte das Außengelände. Aber auch die Mütter vom Mühlenberg schlugen endlich Alarm, informierten Politik und Presse, protestierten mit Plakaten bei Oberbürgermeister Stefan Schostok. Seit 2015 warten sie darauf, dass die Kita in andere Räume umzieht, immer wieder wurden sie vertröstet. „Jetzt machen wir weiter, bis wir umziehen - und wenn wir alle zwei Wochen beim Bürgermeister vorsprechen“, sagen sie. „Dieses Gebäude ist kein Ort für eine Kita. Wir haben Angst.“

Warum benehmen sich manche Hausbewohner so? Schließlich sind es Nachbarn. Von Alkohol, von Jugendlichen, die Partys feiern, erzählen die Mütter. Von Frauen, die einfach weggucken, wenn man sie anspricht, von Männern, die so aggressiv auf ihre eigenen Frauen und Kinder reagieren, dass die Mütter nicht wagen, sie anzusprechen. Warum haben sie so lange gewartet, die Missstände öffentlich zu machen? „Jeder sagt, die Leute vom Mühlenberg sind asozial. Deshalb hat sich niemand getraut“, sagt Selvane Gasi, und Freundin Nilüfer Tunc nickt. „Wir hatten keine Hoffnung, dass uns jemand glaubt“, sagt sie. Es seien im Übrigen nicht nur Ausländer, die die Gegend vermüllten, sondern auch Deutsche. „Wir Ausländer sind nicht alle schlecht.“

Ein wenig haben die Mütter mit ihren Protesten schon bewirkt. An diesem Tag sieht man Mitarbeiter der Wohnungsbaugesellschaft Vonovia neue Netze spannen. Das Außengelände ist zwar noch gesperrt, aber von Scherben und Nägeln befreit. Der gesamte Innenhof der Wohnanlage, die so sehr wie ein Getto wirkt, ist sauber.

Jetzt werden die Netze erneuert

Man muss ihn allerdings nur verlassen, um zu sehen, wie viel Müll hier herumliegt, wenn nicht ständig jemand sauber macht. Eine Tischtennisplatte auf einem nahe gelegen Spielplatz ist übersät mit Essensresten. Zigaretten sieht man, Sperrmüll, überall stehen Einkaufswagen herum. Die Mütter vom Mühlenberg werden für eine bessere Welt ihrer Kinder noch eine Weile kämpfen müssen.

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Mühlenberg in Zahlen
  • Stadtbezirk : Ricklingen, 9. Stadtbezirk von Hannover
  • Einwohner: im Stadtbezirk ca. 43.422
  • Einwohner je Stadtteil: Bornum (1.363), Mühlenberg (6.582), Oberricklingen (10.327), Ricklingen (12.685) und Wettbergen (12.465)
  • Bevölkerungsdichte : 2.948 Einwohner/km² im Bezirk
  • Postleitzahlen : 30453, 30457, 30459
  • Markantes aus der Geschichte: Die Mühle, die dem Stadtteil seinen Namen gab, steht auf der Südseite des Hügels, gehört allerdings schon zu Wettbergen. 1945 errichteten die Nazis auf dem Mühlenberg ein KZ-Außenlager, das in der Nachkriegszeit zum Obdachlosenlager umfunktioniert wurde.
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