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Nord Acht neue Stolpersteine gegen das Vergessen
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Acht neue Stolpersteine gegen das Vergessen
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15:22 08.10.2014
Hartmut Schmidt (Bild oben) erinnert in der Hinüberstraße 19 an Hilde Schneider: „Sie war eine sehr zurückhaltende und bescheidene Frau.“ Quelle: Jan Philipp Eberstein
Hannover

Am Montag wurden gleich 15 neue Stolpersteine in der Stadt verlegt - acht davon in den nördlichen Stadtteilen. Künstler Gunter Demnig bringt die kleinen Betonklötze mit Messingplatte in die Städte. Sie sollen an die Opfer des NS-Regimes erinnern und zum Nachdenken anregen. In weniger als zehn Minuten lässt Demnig die Steine in den Asphalt ein. Zuvor zeichnet er den Umriss mit roter Kreide ein und sägt den Asphalt auf. Am Ende sehen Passanten nur noch die beschriftete Messingplatte, der Demnig den letzten Schliff mit einem Lappen verleiht. Jeder Stolperstein findet seinen Platz am letzten selbst gewählten Wohnort des jeweiligen Opfers. Auf Hannovers Straßen gibt es seit dieser Woche schon 297 solcher Stolpersteine. Bei den Verlegungen am Montag bildeten sich um die Steine Menschentrauben aus Angehörigen oder Bekannten der Opfer. Viele legten Blumen um die Stolpersteine herum auf den Boden - ähnlich wie an einem Grab.

Schon am frühen Morgen um neun Uhr ließ Künstler Demnig den Stolperstein für Friedrich Klug in den Asphalt in der Sommerfeldstraße 25 in Ledeburg ein. Darauf steht: „Hier wohnte Friedrich Klug (JG. 1908) im Widerstand verhaftet 1936.“ Klug gehörte als einziger der Menschen, an die am Montag erinnert wurde, zur Gruppe der politisch Verfolgten des NS-Regimes. Er schloss sich schon früh der Widerstandsorganisation „Sozialistische Front“ an, verteilte Flugblätter und warb neue Anhänger. Dazu getrieben hatte ihn vor allem die Zerstörung des Sportvereins „TUS Mecklenheide“, dessen Vorsitzender er war, indem der Verein gleichgeschaltet und enteignet wurde. Am 22. September 1936, mit 28 Jahren, wurde Klug wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ verhaftet. Nachdem er seine Strafe im Zuchthaus Hameln 1939 abgesessen hatte, galt er deshalb als „wehrunwürdig“. 1943 wurde Klug dann aber doch zum Militär berufen und in Griechenland stationiert. Dort starb er mit nur 35 Jahren an der Darmerkrankung Bakterienruhr. Im heutigen Stadtteil Stöcken erinnert seit 1986 die Friedrich-Klug-Straße an den Widerstandskämpfer.

Auch nach Hilde Schneider wird demnächst eine Straße benannt: Die Elkartallee in der Südstadt heißt bald Hilde-Schneider-Allee. Schneiders Stolperstein liegt in der Hinüberstraße 19. Dort lebte die Krankenschwester ein Jahr in einem Mägdeheim, bis sie ins Ghetto Riga deportiert wurde, weil sie wegen ihrer Großeltern als sogenannte „Volljüdin“ galt. Das Ghetto und auch das Konzentrationslager Kaiserwald überlebte die christliche Hannoveranerin. Die gesamte Zeit der Gefangenschaft über rettete sie ihre Bibel. „Die hat sie nie hergegeben. Aus ihr schöpfte sie Kraft. Und heute ist diese Bibel eine Art Biografie von Hilde Schneider, weil sie so viele Bemerkungen an den Rand geschrieben hat“, sagt Dieter Zinßer. Er war Vorsteher der Henriettenstiftung, in der Schneider ihre Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hatte, und kannte die 2008 Verstorbene persönlich. Zinßer bewahrt Schneiders Bibel auf, bis sie im Hilde-Schneider-Haus ausgestellt wird.

15 neue Stolpersteine sind am Montag in Hannover verlegt worden. Insgesamt sind nun 297 Steine in der Stadt zu finden.

Ganz in der Nähe der Hinüberstraße, in der Königstraße 50 A, platzierte Künstler Demnig gleich fünf Stolpersteine. Sie liegen nun dort zum Gedenken an das Ehepaar Salomon und an das Ehepaar Badt sowie deren Sohn Emil. Beide Familien wurden ermordet, weil sie Juden waren. Dr. Carl Salomon war Arzt, durfte aber nur als sogenannter „Krankenbehandler“ an jüdischen Patienten praktizieren. Im September 1939 zogen die Eheleute Salomon nach München, von wo aus sie 1942 in das Ghetto Piaski deportiert und ermordet wurden. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, die die Verfolgungen überlebten. Familie Badt zog 1911 von Alzey im heutigen Rheinland-Pfalz nach Hannover. Hier war die Versorgung ihres behinderten Sohnes Emil einfacher. Seit 1941 lebte das Ehepaar unfreiwillig in verschiedenen für Juden bestimmten Massenquartieren. Emil Badt war in unterschiedlichen Kliniken untergebracht. Dr. Adolf Badt wurde 1943 im Ghetto Theresienstadt ermordet - seine Frau ein Jahr später in Auschwitz. Emil Badt und mit ihm andere Patienten der Anstalt Sayn wurden 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Heinrich Börner zu Ehren verlegte Demnig einen Stolperstein in Mitte. Am Bohlendamm 4 wird ab sofort an den Melker aus Linden erinnert. Er wurde 1940 Opfer der Militärjustiz und auf einem Schießstand in der Emmich-Cambrai-Kaserne erschossen.

Nach den am Montag verlegten 15 Stolpersteinen soll Hannover noch in diesem Jahr um weitere fünf Steine reicher werden, so Yvonne Sowa vom städtischen Projekt „Erinnerungskultur“.

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