Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
„Wir brauchen den Stress“

Stöcken „Wir brauchen den Stress“

Im Rahmen von „Gesund in Stöcken“ gibt Expertin Nanette Klieber einen Kurs zur Stressbewältigung. Im Interview erklärt sie, was Achtsamkeit mit dem Thema zu tun hat und was man mit ein wenig Distanz zu sich selbst erreichen kann.

Voriger Artikel
Schulstart in schwierigen Zeiten
Nächster Artikel
Stadt lädt zur vierten Familienkonferenz

Die Diplom-Gesundheitswirtin Nanette Klieber.

Quelle: HAZ

Stöcken. Immer mehr Deutsche empfinden ihr Leben als zu anstrengend. Nach einer Studie der Techniker Krankenkasse, die vergangene Woche veröffentlicht wurde, fühlen sich sechs von zehn Deutschen regelmäßig gestresst. Es bestehen viele Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Eine davon ist der Kurs „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“, den die Diplom-Gesundheitswirtin Nanette Klieber im kommenden Jahr vom 3. Februar bis 29. März in Stöcken geben wird. Eine einstündige Informationsveranstaltung beginnt am kommenden Mittwoch, 13. November, um 17 Uhr im Stadtteilladen Stöcken, Ithstraße 8. Um telefonische Anmeldung wird unter Telefon 85 00 23 81 oder (01 63) 4 58 11 55 gebeten. Mit dem Stadt-Anzeiger sprach Nanette Klieber im Vorfeld über Stress und dessen Bewältigung.

Frau Klieber, wie erkennt man, dass jemand nicht nur ein bisschen überarbeitet ist, sondern Stress als Problem oder sogar als krankhaft empfindet?

Zunächst einmal möchte ich vorwegschicken, dass Stress nichts ausschließlich Negatives ist. Wir brauchen den Stress zum Leben.

Inwiefern?

Stress ist ein Relikt aus der Urzeit. Er unterstützt uns, adäquat auf Gefahren zu reagieren. Er hilft, in besonderen Situationen besonders wach und konzentriert zu arbeiten. Das merken wir zum Beispiel in arbeitsreichen Stunden im Büro.

Wann wird Stress zum Problem?

Wenn der Mensch nicht mehr in Phasen der Entspannung wechseln kann. In Stresssituationen schüttet der menschliche Körper unter anderem das Hormon Cortisol aus. Normalerweiser reguliert der Körper diese Hormonausschüttung von allein. Bei dauerhafter Anspannung bleibt der Cortisolspiegel im Körper allerdings erhöht, und es kann zu Erkrankungen kommen. Bei chronischem Stress können wir Symptome beobachten, unter anderem Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Lustlosigkeit und eine erhöhte Reizbarkeit. Das Wochenende reicht bei vielen Menschen nicht mehr aus, um den Stress abzubauen. Und selbst im Urlaub bleiben viele im angespannten Modus.

Wieso können wir denn heute seltener abschalten als früher?

Das hat viele Gründe. Zum einen beobachten wir Verdichtungen, vor allem während der Arbeit: Wir müssen in kürzerer Zeit immer mehr leisten. Dazu kommen die neuen Medien wie Internet, E-Mail und Handy. Dadurch sind wir andauernd Reizen ausgesetzt, und auch in der Freizeit lassen viele von Internet und Smartphone nicht ab.

Was kann man denn ändern?

An der äußeren Situation nicht viel. Entscheidend ist vielmehr, wie der jeweilige Mensch auf die stressauslösenden Faktoren reagiert. Und daraus leitet sich ab, was jeder bei sich selbst ändern kann. In einem Schritt gilt es, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, also zu ermitteln, was einem gut tut und was man überhaupt nicht benötigt. So kann man prüfen, ob man wirklich den ganzen Tag über telefonisch erreichbar sein muss und ob man wirklich zehnmal am Tag in die Mails schauen muss oder ob nicht dreimal reicht. Und muss ich abends oder am Wochenende wirklich jede Freizeitveranstaltung mitnehmen oder ist Relaxen auf dem Sofa nicht auch einmal eine sinnvolle Alternative?

Sie unterrichten „Stressbewältigung nach Achtsamkeit“. Was bedeutet das genau?

Die Methode, die im englischen Original Mindfulness-Based Stress Reduction, kurz MBSR, heißt, legt das Augenmerk auf den gegenwärtigen Moment. Darauf soll sich unsere Achtsamkeit richten. Was spielt sich in diesem einen Augenblick in unserem Körper, unserem Geist, den Gedanken und Gefühlen ab? Wenn wir zum Beispiel Rückenschmerzen spüren, dann ist die normale Situation, dass wir sagen: Ich will, dass das jetzt aufhört. Im Rahmen der Achtsamkeitsmethode wird der Gedanke an den Schmerz zwar zugelassen - nichts soll verdrängt werden -, aber es soll bewusst werden, dass der schmerzende Rücken nur einen Teil des Augenblicks ausmacht. Wir lernen, den Schmerz so aus einer gewissen Distanz zu beobachten und ihm etwas von seiner Macht zu nehmen.

Was heißt das für die Stressbewältigung?

Dasselbe. Durch Abstand kann man etwa das Gedankenkarussell durchbrechen, aus dem viele nicht mehr herausfinden: Wie soll ich die beruflichen Anforderungen erfüllen? Was erwartet die Familie? Die Achtsamkeitsmethode sagt: Der Gedanke darf sein. Aber die Distanz zu ihm ermöglicht mehr Handlungsspielraum: Ich kann selbst mehr gestalten, der Stress hat nicht alles in der Hand. Das empfinden viele Kursteilnehmer als Befreiung. Allerdings muss klar sein, dass das alles nicht sofort glücken kann. Die Teilnehmer müssen dafür schon einen gewissen Weg zurücklegen. Und der ist manchmal auch sehr schwierig, weil viele erst in einem solchen Moment merken, wie erschöpft sie wirklich sind. Das löst bei manchen Ängste aus, weil sie das Gefühl haben, nicht mehr zu funktionieren.

Was passiert in dem achtwöchigen Kurs?

Der Kurs ist ausdrücklich kein Entspannungskurs, und ich biete auch keine Psychotherapie an. Um alle Voraussetzungen zu klären, gibt es Vorgespräche mit den Interessenten. Im Kurs selbst arbeite ich unter anderem mit Meditation, Yoga und dem sogenannten Bodyscan, einer angeleiteten Körperwahrnehmung. Der Kurs setzt aber vor allem voraus, dass die Teilnehmer zu Hause üben und die Einsicht mitbringen, dass sie etwas ändern wollen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nord
Von Redakteur Kristian Teetz