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Ausstellung erinnert an Garnisonkirche

Calenberger Neustadt Ausstellung erinnert an Garnisonkirche

Eine beeindruckende Ausstellung im Landeskirchenamt in der Calenberger Neustadt erzählt die Geschichte der Garnisonkirche. Dabei sind zahlreiche alte Fotos sowie Gegenstände aus dem Gotteshaus zu sehen.

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Der Goetheplatz mit der Garnisonkirche im Jahr 1959, kurz vor dem Abriss des Gebäudes.

Quelle: Historisches Museum Hannover

Calenberger Neustadt. Der letzte Turm der Garnisonkirche fiel am 15. August 1960. „Das über 50 Meter hohe Mauerwerk fiel nach den Berechnungen des Sprengmeisters Jander aus Braunschweig in sich zusammen und kippte dann in den Raum des Mittelschiffes“, vermeldete die Hannoversche Allgemeine Zeitung am Tag darauf. Wenige Tage danach beendeten die Arbeiter die Abbrucharbeiten an dem Gotteshaus am Goetheplatz, die Garnisonkirche war Geschichte. Eine beeindruckende kleine Ausstellung im Landeskirchenamt in der Roten Reihe erinnert zurzeit an die nahezu vergessene, einstmals ungeliebte Kirche in der Calenberger Neustadt, zu der die Hannoveraner erst sehr spät eine Beziehung aufbauten.

Dort, wo heute das Grundstück des Friederikenstifts auf den Goethekreisel zuläuft, wurde am 5. April 1892 der Grundstein für eine neue Wehrkirche gelegt. Eine eigene Garnisongemeinde lebte ihren Glauben in der Stadt bereits seit Mitte des 17. Jahrhunderts, seit der Zeit also, in der sich Hannover zur Residenz- und Garnisonsstadt wandelte. 200 Jahre lang diente die ehemalige Kirche des Heilig-Geist-Hospitals als Garnisonkirche, doch Ende des 19. Jahrhunderts reichte deren Größe nicht mehr aus. Dafür sorgte vor allem die Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen 1866. Dadurch ergab sich nämlich „ein starker Zuzug von preußischen Beamten und Militärangehörigen“, wie es auf einer der acht Schautafeln in der Ausstellung heißt. „Zur Garnisongemeinde, der sich auch zahlreiche preußische Beamte mit ihren Familien anschlossen, gehörten Anfang der 1890er Jahre bereits rund 9000 Menschen.“

Von 1896 bis zu ihrem Abriss im Jahr 1960 stand die Garnisonkirche auf dem Goetheplatz in der Calenberger Neustadt. Jetzt erinnert das Landeskirchliche Archiv mit einer Ausstellung an das Gotteshaus.

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Zwei Faktoren sorgten dafür, dass die Garnisonkirche lange Zeit ein Fremdkörper im hannoverschen Stadt- und Gemeindeleben blieb: Zum einen wurde sie als Symbol der preußischen Fremdherrschaft angesehen. Zum anderen hatte Preußen die Vereinigung von Lutheranern und Reformierten vollzogen. „Die 1832 erlassene Militärkirchenverordnung schrieb den Militärkirchengemeinden die Zugehörigkeit zur unierten Landeskirche vor“, erklärt der Ausstellungstext, den Florian Hoffmann vom Landeskirchlichen Archiv verfasst hat. Hannovers Lutheraner sahen in den Unierten unliebsame Konkurrenz.

Der neue Bau wurde am 7. Juni 1896 eingeweiht. Die Exposition gibt einen Eindruck von dem Gebäude, das der Architekt und Schüler Conrad Wilhelm Hases, Christoph Hehl, entwarf: „Die Garnisonkirche entstand ganz im Geist des Historismus: eine dreischiffige, neoromanische Basilika mit Querhaus, oktogonalem Vierungsturm und Westwerk mit Doppelturmanlage. Sie galt zu ihrer Zeit als einer der schönsten Kirchenneubauten Deutschland.“

Zur Einweihung der Kirche schickte der deutsche Kaiser Wilhelm II., der als preußischer König Oberhaupt der preußischen (Staats-)Kirche war, seinen Schwager Prinz Friedrich Leopold. Der Kaiser besuchte aber noch im Dezember des Jahres die neue Kirche und kam noch zweimal, 1902 und 1907, in die Leinestadt. Zwei Unterschriften aus diesen Jahren im Gästebuch, die in der Ausstellung zu sehen sind, zeugen von diesen Stippvisiten.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, den die Garnisonkirche vergleichsweise unbeschadet überstanden hatte, begann das letzte Kapitel in der Geschichte des Gotteshauses. Nachdem die Wehrmacht aufgelöst worden war, hatte die Kirche keinerlei gottesdienstliche Zwecke mehr zu erfüllen. Sie verfiel, wurde geplündert und nach und nach zerstört. „Eine lebendige Kirchengemeinde, die sich der Wiederherstellung angenommen hätte, gab es nicht mehr. Schon bald nach den Bombennächten wurde die Kirche als Steinbruch missbraucht“, lernt der Ausstellungsbesucher. „Ziegel und Mauersteine fanden bei der Ausbesserung umliegender Häuser Verwendung. Metalldiebe entwendeten die kupfernen Dachrinnen. Die Türen und das hölzerne Inventar wurden verheizt.“

Mehrere Versuche, die Kirche für andere Zwecke zu nutzen - etwa als Gedenkstätte für die Toten der beiden Weltkriege oder als ökumenische Kulturstätte mit Vortrags-, Kino-, Theatersaal und einer Bücherei - scheiterten. „1953 interessierte sich ein katholischer Orden für die Übernahme, doch das Vorhaben wurde als Gefahr einer Rekatholisierung Hannovers gesehen und strikt abgelehnt.“ Seit 1956 warb das Friederikenstift um das Gelände, wo ein Schwesternwohnheim gebaut werden sollte. Am 29. Oktober begann der Abbruch der entwidmeten Kirche.

Erst spät erwachte die hannoversche Stadtgesellschaft. Protestanten protestierten, der Landtag debattierte, der „Ausschuss zur Erhaltung der Garnisonkirche“ strengte eine Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht an - doch all die Rettungsversuche kamen zu spät. Das Archiv der Landeskirche will mit der Ausstellung an die Kirche in der Calenberger Neustadt erinnern. Sie versucht ausdrücklich, „die Zeugnisse ihrer Existenz zu retten, ehe die Garnisonkirche ganz aus dem Gedächtnis der Stadt Hannover verschwunden ist“.

Einzelne Überbleibsel wie Säulenreste und eine Löwenstatue stehen vor einem Haus an der Lindemannallee 19. „Ein Stiertorso aus Stein und vielleicht sogar noch einige Kapitelle liegen zudem auf einem Bauhof in Hildesheim“, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Manuela Nordmeyer-Fiege vom Landeskirchlichen Archiv. Sie will nun gemeinsam mit ihren Kollegen versuchen, am Standort der früheren Kirche an das Gotteshaus zu erinnern. „Wir können uns eine Informationstafel vorstellen, aber auch Originalgegenstände wie den Stiertorso.“ Sie sieht keine Schwierigkeiten, dies umzusetzen. „Die Sachen liegen in Hildesheim, es ist eine reine Transportfrage.“ Allerdings müssten noch Gespräche mit dem Friederikenstift geführt werden, dem das Grundstück am Goetheplatz gehört.

Ferner sucht das Landeskirchliche Archiv alte Dokumente zur Geschichte der Garnisonkirche. „Wer Fotos in einem Nachlass findet, alte Taufurkunden oder ähnliches, wird gebeten, sich bei uns zu melden“, sagt Nordmeyer-Fiege. Das Landeskirchliche Archiv ist unter der Telefonnummer 1241983 zu erreichen.

Die Ausstellung „Ungeliebt und gern zerstört?! Die Garnisonkirche Hannover“ ist noch bis zum 1. März im Landeskirchenamt, Rote Reihe 6, zu sehen. Geöffnet ist sie werktags zwischen 9 und 16 Uhr. Sie zeigt Fotos und andere Exponate aus der Geschichte des Gotteshauses. Der Eintritt ist frei.

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