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Der Erfinder der Bücherschränke arbeitet beim Werkstatt-Treff

Hainholz Der Erfinder der Bücherschränke arbeitet beim Werkstatt-Treff

Von der Arbeitslosigkeit in den Traumberuf: Bernd Hemme ist der Erfinder der Bücherschränke. Er arbeitet im Werkstatt-Treff in Hainholz, der für ihn eigentlich nur eine Zwischenstation sein sollte. Doch der Werkstatt-Treff entwickelte sich zu einem Ort zum Bleiben.

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Aufklappen, auffüllen, zuklappen: Das Prinzip der kollektiven Mini-Bibliothek ist einfach. Peter Hemme ist ihr Erfinder.

Quelle: Dimi Anastassakis

Hainholz. Es gab eine Zeit im Leben von Bernd Hemme, da wusste er, dass es so, wie es war, nicht mehr weitergehen konnte. Zu viele Überstunden, zu wenig Ausgleich brachte seine Arbeit in einem kleinen Handwerksbetrieb mit sich. Als Tischler müsse man fähig sein, im Akkord zu arbeiten, sagt Hemme. „Und trotzdem war das, was ich geleistet habe, nie genug. Es musste immer noch mehr sein.“ Hemme sah keine Perspektive mehr. Und zog die Konsequenzen: Er reichte die Kündigung ein. „Es war eine gute Entscheidung“, sagt er rückblickend.

Das, was in seiner beruflichen Laufbahn folgte, sollte eigentlich nur eine Zwischenstation sein. Das Arbeitsamt hatte Hemme für den regulären Arbeitsmarkt gesperrt, weil er seinen Job nicht verloren, sondern eben selbst gekündigt hatte. Hemme, damals 38 Jahre alt, musste an einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme teilnehmen, wie die von der Arbeitsagentur bezuschusste Tätigkeit auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt in den neunziger Jahren hieß. Die Maßnahme führte ihn zum Werkstatt-Treff Mecklenheide (WTM) in Hainholz. Ein Ort zum Bleiben, wie sich herausstellte.

Der Werkstatt-Treff hat es sich als privater und gemeinnütziger Verein zum Ziel gesetzt, Menschen, die es ohne Hilfe kaum schaffen würden, wieder fit zu machen für den regulären Arbeitsmarkt. Gefördert wird er mit staatlichen Mitteln, der Verein erwirtschaftet aber auch selbst Geld – etwa aus dem Verkauf von Hausrat und Trödel im Stöber-Treff Am Rehagen 8. Vieles, was dort angeboten wird, wurde von den rund 150 sogenannten Maßnahmeteilnehmern vorher wieder instandgesetzt. Gebrauchte Kleidung wird von ihnen gewaschen und gebügelt, Möbel werden repariert, Bücher katalogisiert und alte Fahrräder wieder funktionstüchtig gemacht. Die Arbeitsfelder im WTM reichen von Büro, Garten, Haustechnik, Hauswirtschaft und Holzbearbeitung über Kantine, Recycling, Reinigung, Transport und Verkauf.

Sechs bis neun Monate sind die Ein-Euro-Jobber normalerweise im Werkstatt-Treff untergebracht. Bei Hemme wurde es mehr. Mittlerweile arbeitet er seit knapp 15 Jahren für den Verein. Er wurde als Leiter der Holzwerkstatt fest eingestellt. Das, was als Zwischenstation gedacht war, wurde zu einem „Traumjob“, wie Hemme heute sagt. „Ich kann handwerklich arbeiten und gleichzeitig Sozialarbeiter sein. Das ist eine tolle Kombination.“ Im Werkstatt-Treff müsse er mit Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus zusammenarbeiten. Manche wohnen seit Jahren in Deutschland und sprechen die Sprache dennoch nicht. Andere haben Alkohol- oder Drogenprobleme. Und wieder andere können aufgrund von geistigen oder körperlichen Behinderungen keiner regulären Arbeit nachgehen. „In den letzten Jahren sind auch immer mehr junge depressive Menschen hinzugekommen“, sagt Hemme. „Wir geben den Menschen hier einen Halt, einen strukturierten Tagesablauf und das Gefühl, gebraucht zu werden.“

Auch die offenen Bücherschränke, die in vielen Stadtteilen stehen und aus denen Lektüre kostenlos entnommen werden kann, passen zu der Philosophie des sozialen Miteinanders. „Sie funktionieren nach dem Prinzip des Gebens und Nehmens“, sagt WTM-Leiterin Astrid Schubert. Entwickelt und konzipiert hat sie Bernd Hemme – sie sind sein ganzer Stolz. Gerade hat er den 31. Bücherschrank fertiggestellt, rechnet man jene für die Region mit, wird es der 44. sein, der in der Holzwerkstatt in Hainholz gebaut wurde. Der neue Schrank soll bald im Zooviertel stehen. Seit 2005, als der erste Bücherschrank in der Ithstraße in Stöcken aufgestellt wurde, hat Hemme schon Anfragen aus mehreren Städten bekommen. In Bonn und Köln wurden die ersten Schränke bereits aufgestellt. Hier wie dort sorgen magnetisch schließende Klappen dafür, dass Nässe und Schmutz draußen bleiben. Immer häufiger werden Baupläne von Interessenten angefordert, und mancher erkundigt sich, ob der WTM ein Patent auf die Schränke hat. Doch das ist nicht der Fall. „Wir sind kein kommerzieller Fachbetrieb“, sagt Hemme. Der Bau eines jeden Schranks habe eine lange Vorlaufzeit. Schließlich gehe es darum, den Mitarbeitern eine sinnvolle und pädagogisch wertvolle Aufgabe zu geben. „Für sie ist es gut, etwas zu kreieren, dass wichtig ist für die Allgemeinheit“, sagt Hemme. Viele fühlten sich für „ihre“ Schränke verantwortlich. „Sie schauen in ihrem Viertel öfter danach und kümmern sich, wenn etwas daran kaputt ist.“

Auch Hüssyin Dursum geht gerne zum Werkstatt-Treff. Der 43-Jährige kam vor zehn Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Jobs hat er schon viele gehabt. Er arbeitete als Polsterer, als Tischler, als Hausmeister und als „Mädchen für alles“ in einem Frisiersalon. Es waren einfache Hilfsarbeiten, zu mehr reichten die Sprachkenntnisse einfach nicht. Hüssyin Dursum beherrscht nur ein paar Brocken Deutsch. Zum Small-Talk reicht es, einfache Arbeitsanweisungen kann er entgegennehmen. Aber differenzierte Unterhaltungen kann er nicht führen. Im Werkstatt-Treff arbeitet er gerade an Fußhockern. Er fertigt sie aus alten Kirchenbänken an - eine Spende der Melanchthon-Kirchengemeinde im Stadtteil Bult. „Das macht viel Spaß“, sagt Dursum.

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