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Hainholz

Die Kleingärtner und die Punks


Die Kleingartenkolonie im Badenstedter Karl-Thürmer-Weg trägt den stolzen Namen „Neues Leben“. So steht es in großen Buchstaben aus Metall über dem Haupteingangstor des Geländes.
Foto: Der Umzug von Bauwagenbewohnern aus Hainholz nach Badenstedt bewegt den Stadtteil

Der Umzug von Bauwagenbewohnern aus Hainholz nach Badenstedt bewegt den Stadtteil

© Rainer Surrey

Hainholz. Seit 1937 hegen und pflegen die Laubenpieper ihre Parzellen zwischen dem Bahndamm und dem ehemaligen Zentralinstitut für Versuchstierzucht an der Hermann-Ehlers-Allee. Ein neues Leben soll auch bald für zwölf Bauwagenbewohner aus Hainholz in unmittelbarer Nachbarschaft der Gärten beginnen. Die Stadt hat ihnen einen Teil ihres Geländes jenseits des Bahndamms, das dennoch direkt an die Kolonie grenzt, zur Verfügung gestellt.

Ein Zaun markiert bereits die Fläche, auf der die Bauwagen und Zugfahrzeuge der neuen Nachbarn abgestellt werden sollen. Damit sich der Platz bei Regen nicht in eine Schlammwiese verwandelt, hat die Stadtverwaltung ihn mit Mineralgemisch befestigen lassen. Ein Wasseranschluss und Toiletten sollen im Frühjahr bereitgestellt werden, die Stadt spendiert dafür einen ausrangierten Wagen der Stadtentwässerung. Die Gesamtkosten für all das sollen 20 000 Euro nicht übersteigen, ist aus dem Bauamt zu hören. Die Unterhaltskosten für Strom und Wasser sollen die Punks selbst zahlen.

Der Platz ist von allen Seiten von Bahntrassen umgeben. Nachmittags rasen dort durchschnittlich alle zwei Minuten endlos lange Güterzüge ihren Zielbahnhöfen entgegen. Auch nachts werden nahezu pausenlos Waren über die Schienen in alle Himmelsrichtungen transportiert. „Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass dort Menschen leben sollen“, sagt Laubenpieper Daniel Neumann. Der Vorsitzende des Kleingärtnervereins Badenstedt fürchtet zudem, dass die Laubenpieper der Kolonie „Neues Leben“ wegen der neuen Nachbarn den Rücken kehren könnten. Beim Bezirksrat erkundigte er sich nach möglichen Entschädigungen für diesen Fall: „Wir werden die Parzellen sicher nicht wieder verpachten können.“

Die Kleingärtner sind nicht die einzigen in Badenstedt, die sich Gedanken über die Umsiedlung der Bauwagengruppe in den Stadtteil macht. Seitdem Ende Januar die Pläne der Verwaltung an die Öffentlichkeit gekommen waren, gibt es in dem Stadtteil wenig andere Gesprächsthemen. Unter den Bewohnern des sogenannten Afrikaviertels, dem Bereich zwischen dem Savannenweg und der Ostafrikastraße also, der nur durch die Hermann-Ehlers-Allee und einer massiven Schallschutzmauer von der Gartenkolonie getrennt ist, schüren die Umsiedlungspläne der Stadt zahlreiche Ängste. Die einen befürchten, die angeblich wilden Hunde der Bauwagenleute könnten den anderen Gassigehern rund um die Kleingärten Probleme bereiten. Die anderen treibt vor allem die Lärmbelästigung durch laute Musik und Partygeräusche um, die vom Gelände herüberschallen könnten. Wieder andere haben Sorge, dass die Kriminalität, besonders die Zahl der Einbrüche, durch die Anwesenheit der neuen Nachbarn ansteigen könnte. Eltern zeigen sich besorgt, dass ihren Kindern, deren Schulweg an dem Platz vorbeiführt, „schlechte Vorbilder vorgelebt werden“.

Wenn er bei Diskussionen frage, ob denn einer der Kritiker schon mal mit diesen Leuten Kontakt gehabt habe, laute die Antwort immer nein, sagt Horst Ehlers, der Vorsitzende des Badenstedter Bürgervereins. Auch dort war die Umsiedlung der Bauwagenbewohner bereits Thema. In einer seiner letzten Sitzungen hat der Verein einen einstimmigen Beschluss gefasst: Wegen der Emotionalität des Themas will sich der Bürgerverein zunächst mit weiteren Informationen versorgen, bevor er sich öffentlich zu dem Umzug positioniert. Mit dieser Einstellung steht der Verein in Badenstedt   ziemlich allein da.

Die Bewohner der Bauwagen, die seit Mai 2010 auf einer Lagerfläche des städtischen Bauhofs am Hainhölzer Burgweg kampieren, haben sich zurückgezogen und weisen Besucher schroff am Tor ihrer Siedlung ab. Der Wirbel, der um die zwölf Aussteiger und ihre fünf Hunde gemacht wird, ist den Betroffenen offensichtlich zu viel geworden. Dabei sind sie es gewesen, die mit ihren Problemen direkt an Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD) herangetreten waren und die Geschichte ins Rollen gebracht hatten. Der Platz in Hainholz sei inzwischen zu klein für die Gruppe, hatten sie dem Verwaltungschef während einer Bürgersprechstunde berichtet. Außerdem sei der Untergrund nicht befestigt – bei jedem heftigen Regen gebe es Probleme. Weil sagte seine Hilfe zu und wies die Fachleute an, nach geeigneten Standplätzen Ausschau zu halten. Schließlich kam die Stadt auf die Brache am Karl-Thürmer-Weg.

„Wir sind ja nicht grundsätzlich gegen Leute, die anders leben in unserem Stadtteil, aber die Informationspolitik der Verwaltung ist ein Skandal“, empört sich Rainer Göbel. Er ist der Fraktionsvorsitzende der SPD im Badenstedter Bezirksrat. „Alles was ich zu dem Thema weiß, habe ich aus der Zeitung, denn offiziell sind von der Verwaltung, unserem Ansprechpartner, noch keine Informationen gekommen“, sagt der Fraktionschef. Offenbar war bei einer Begehung Ende 2011 kein Mitglied der SPD-Fraktion des Bezirksrats zugegen, und auch der CDU-Fraktion war nicht bewusst, wie schnell der Umzug umgesetzt werden soll.

Jetzt will die Verwaltung so schnell wie möglich ein Treffen organisieren: Vertreter des Bezirksrats, der Verwaltung, der Kleingärtner und natürlich der Bauwagenpunks sollen sich gegenseitig kennenlernen. Bislang haben die Hainhölzer Bauwagenleute nicht zugesagt. Ihre innere Einstellung lässt sich indes bereits am Eingangstor zu ihrer Siedlung ablesen. „Scheißegalien“ steht dort in großen Buchstaben, so haben sie ihren derzeitigen Lebensraum getauft. Das Treffen dürfte spannend werden.

Von Tobias Morchner und Rüdiger Meise

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