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Eine Plastiktüte voller Heimat

Bothfeld-Vahrenheide Eine Plastiktüte voller Heimat

Eine Theaterveranstaltung der Kulturtreffs Hannover Nordost hat die Besucher auf eine Busreise an verschiedene Stationen in Bothfeld-Vahrenheide geschickt. Die Zuschauer sollten durch Spielszenen die gefahrvolle Reise von Flüchtlingen nachvollziehen.

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Der Flüchtlingschor Hannover erwartet die Theatergäste am Ende ihrer Bustour - und bekommt viel Applaus für seinen Auftritt.

Quelle: Germer

Hannover. Nur drei Stücke passen in den Beutel, der den Besuchern des Erlebnis-Theaterstücks „Reise ins Ungewisse“ zu Beginn ausgehändigt wird. Am Start der interaktiven Tour am Kulturtreff Vahrenheide müssen sich die Zuschauer entscheiden, was sie mitnehmen wollen: Geld, Schmuck, Essen oder doch lieber ein paar Kleidungsstücke und ein praktisches Feuerzeug? Die Entscheidung zwischen den bedruckten Plastikkarten, die für die einzelnen Gegenstände stehen sollen, fällt einigen Zuschauern sichtlich schwer. Die Spielsituation kann trotzdem nur sehr entfernt simulieren, wie sich die vielen Tausend Flüchtlinge fühlen müssen, die jeden Monat ihre Heimat verlassen und vor der nicht zu beantwortenden Frage stehen: „Was nehme ich mit? Was lasse ich zurück?“

Die Zuschauer des Theaterstücks „Reise ins Ungewisse“ sollen genau das in Ansätzen nachfühlen. Der Veranstalter Kultur Nord-Ost, ein Zusammenschluss von drei Kulturtreffs, schickt die Besucher auf eine Bustour durch die Stadtteile Vahrenheide, Bothfeld und Sahlkamp. An verschiedenen Stationen sollen sie sehen und ansatzweise spüren, was Flüchtlinge durchmachen, die Asyl in Deutschland beantragen möchten.

„Es wäre schön, wenn die Zuschauer einen Anflug einer Ahnung bekommen, wie sich Flüchtlinge fühlen, die ihre Heimat verlassen, um nach Europa aufzubrechen“, erläutert Regisseurin Ingeborg Hoffmann vor der Vorstellung. Für das Stück hat sie Asylbewerber in verschiedenen Flüchtlingsheimen in Hannover besucht und interviewt. Während der Busfahrt zu den einzelnen Spielorten in den Stadtteilen werden die Geschichten dieser Flüchtlinge und ihrer dramatischen Flucht aus Tunesien, Syrien oder Liberia nach Hannover erzählt. Es sind Odysseen voller Schmerz und Unsicherheit, die die Teilnehmer des Theaterstücks innehalten lassen.

Ein erster Stopp des Busses führt die Zuschauer zum alten Flughafengelände in Vahrenheide. Die Laiendarsteller, die die Bustour die gesamte Zeit über begleiten, spielen dort auf freiem Feld Schlepper, die den Flüchtlingen hochgefährliche Überfahrten quer durchs Mittelmeer für Wucherpreise anbieten. „Es ist schon deprimierend, wenn man die Situation dieser Menschen einmal vor Augen geführt bekommt“, sagt Teilnehmer Eberhard Luck. Seine Frau Ursula Luck hat vor allem beeindruckt, wie wenig Selbstständigkeit Asylbewerbern durch deutsche Behörden zugebilligt werde. Die Zuschauer erfahren auch das in einer Spielszene am eigenen Leib. Im Stadtteiltreff Sahlkamp müssen sie selbst in einem nachgestellten Bürgeramt antreten und ihre fiktiven Asylanträge einreichen - natürlich mit einem Fragenkatalog in einer fremden Sprache.

Es ist die vorerst letzte Station, die die Teilnehmer auf ihrer „Reise ins Ungewisse“ durchlaufen. Eine Antwort, ob ihr Antrag angenommen wurde, bekommen sie am Ende nicht. Dafür erwartet die Theaterbesucher im Stadtteiltreff Sahlkamp noch der Flüchtlingschor Hannover. Die Sänger sind tatsächlich irgendwann einmal aus ihrer Heimat geflohen, haben dort Freunde und Familie zurücklassen und sich bei der Flucht auf das Nötigste beschränken müssen. Ihre Zuhörer können nach dem Ende des Stückes nach Hause gehen. Aber vielleicht haben sie nun eine Idee davon, wie es sich anfühlt, seine Heimat in einen Plastikbeutel zu packen.

Von Ansgar Nehls

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