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Nord Erinnerungen an die Sprengel-Schokoladenfabrik
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Erinnerungen an die Sprengel-Schokoladenfabrik
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10:35 11.03.2011
Ein Anblick aus ferner Vergangenheit: Sprengel-Mitarbeiter verpacken Schoko-Pralinen. Quelle: Handout

Wenn Helmut Blaser vor dem imposanten weißen Grabstein auf dem Nikolaifriedhof steht, steigen ihm Tränen in die Augen. Dort ruht Bernhard Sprengel, Kunstmäzen, hannoverscher Ehrenbürger, Schokoladenfabrikant – und Helmut Blasers früherer Arbeitgeber. 25 Jahre hat Blaser in der Schokoladenfabrik in der Schaufelder Straße gearbeitet. „Es waren die schönsten Jahre meines Lebens. Wer für Doktor Sprengel gearbeitet hat, der war Teil einer Großfamilie“, sagt Blaser. Doch in die süßen Erinnerungen mischt sich auch Bitterkeit. Denn als das Werk in der Nordstadt im März 1980 geschlossen wurde, verloren 400 Angestellte ihren Arbeitsplatz. Seitdem blickt Blaser mit gemischten Gefühlen zurück. Und damit steht er nicht alleine da: Als das „Kino im Sprengel“ kürzlich einen Film über das Ende des Schokoladenwerks zeigte, waren zehn weitere ehemalige „Sprengelaner“ gekommen, die ihre Vergangenheit nicht loslässt.

Wenn Menschen wie Helmut Blaser von Sprengel schwärmen, dann hat das handfeste Gründe. Der Familienbetrieb zeigte sich gegenüber seinen Angestellten gerne von seiner Schokoladenseite: Mütter konnten ihre Kinder im Betriebskindergarten „Sprengelein“ abgeben, ein Freizeitprogramm mit Sprachkursen und Betriebssportarten stand den Mitarbeitern offen, ebenso wie das firmeneigene Ferienheim im Harz. „Dass ein Unternehmen so sozial eingestellt war, ohne dass man es erkämpfen musste, war ein Novum“, meint Blaser rückblickend. „Heute klingt das ein bisschen wie im Märchen. Aber natürlich wurde trotzdem hart gearbeitet.“

Oder vielleicht gerade deshalb? Sicher ist, dass die Familie Sprengel mit ihrer Unternehmensphilosophie Erfolg hatte. Nach der Gründung 1895 wurde Sprengel zu einem der führenden Süßwarenhersteller des Landes. Pralinenmischungen mit Namen wie „India“ oder „Maria-Theresia“ wurden aus der Nordstadt in die ganze Welt verschickt. In den frühen siebziger Jahren beschäftigte der Konzern knapp 3000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Jahresgewinn von 200 Millionen Mark. An den Schokoladentöpfen in der Schaufelder Straße wurde auch die materielle Basis für Bernhard Sprengels persönliche Leidenschaft geschaffen: seine üppige Kunstsammlung mit Werken von Chagall bis Picasso. 1969 stiftete der Mäzen diesen Schatz der Stadt Hannover, welche eigens dafür das Sprengel Museum errichtete.

Erst als der alternde Bernhard Sprengel das Unternehmen 1973 an den Großkonzern Nabisco verkaufte, begann der Abstieg. Die US-Amerikaner änderten das Konzept und setzten fortan auf die Produktion billiger Massenware. Doch der Plan ging nicht auf. Sprengel schrieb erstmals rote Zahlen. Wenige Jahre später übernahm Hans Imhoff, Großaktionär des Hamburger Süßwarenherstellers Stollwerk, die Firma. Ihr Renommee als Produzent edler Schokolade hatte Sprengel da aber bereits verspielt. Imhoff machte das Werk in der Nordstadt dicht und konzentrierte die Produktion auf die Zweigstelle in Vinnhorst. Die Belegschaft verlieh ihm dafür den fragwürdigen Titel „Hecht im Schokoladenteich“.

„Wer wirklich Schuld an dem Desaster hat, lässt sich heute nicht mehr klären“, meint Karl-Heinz Brede, ehemaliger Betriebsrat bei Sprengel. „Klar ist aber, dass sich viele Mitarbeiter betrogen fühlen.“ Erst habe Nabisco den Angestellten eine rosige Zukunft versprochen, dann habe Imhoff allen garantiert, dass sie ein Teil von Sprengel blieben. „Doch dann wurde der Laden abrupt dicht gemacht“, sagt Brede. Nur wenige Mitarbeiter konnten ihren Job an einem anderen Standort fortsetzen; 400 Sprengelaner mussten den Konzern verlassen. Wirtschaftliches Kalkül hatte der Sozialromantik der Aufstiegsjahre ein Ende gesetzt.

So groß ihre Wut über das jähe Ende der Ära Sprengel auch ist – untereinander fühlen sich die Sprengelaner noch immer verbunden. So kommt etwa die 15-köpfige Werksfeuerwehr noch heute zusammen. Und auch Helmut Blaser trifft sich regelmäßig mit 20 ehemaligen Kollegen aus der Produktion zum Kegeln – und um bittere und süße Erinnerungen an die Zeit im Schokoladenwerk auszutauschen.

Michael Soboll

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