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Der Bauzaun mit der Maus

Mitte Der Bauzaun mit der Maus

Von wegen hässliche Baustelle auf dem Klagesmarkt. Seit vergangener Woche schmückt eine bunte Collage den 800 Quadratmeter großen Holzzaun, der die offene Bunkergrube absperrt.

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 Die Graffiti-Künstler Patrik Wolters (links) und Kevin Lasner zeigten sich beeindruckt von den Einfällen der Workshop-Teilnehmer.

Quelle: Eberstein

Mitte. Bis 2016 sollen hier Wohnhäuser entstehen. Damit die Passanten bis dahin nicht an einer tristen Holzwand entlanggehen müssen, hat die hannoversche Wohnungsbaugesellschaft GBH einen Workshop für Jugendliche gestartet. Zusammen mit den erfahrenen Sprühern Patrick Wolters und Kevin Lasner gestalteten in der vergangenen Woche rund 40 Kinder zwischen zehn und 17 Jahren eine Collage aus legalem Graffiti.

Bei der Gestaltung des Zauns gaben Wolters und Lasner den Jugendlichen nur den farbigen Hintergrund vor. Zusammen strichen sie ihn am ersten Tag des Workshops in hellem Orange und Himmelblau und verzierten ihn mit roten Dreiecken und Quadraten. Dann war die Kreativität der Kinder gefragt. Die jungen Künstler überlegten sich Motive, die sich nur grob um das Thema Wohnen oder Hannover drehen sollten. Auf Papier skizziert, konnten sie bis zum zweiten Tag ihr Wunschmotiv entwerfen. „Wir haben den Kids relativ freie Hand gegeben, sie nochmal eine Nacht über ihren Entwurf schlafen lassen und waren überrascht, auf welche Ideen sie gekommen sind“, erzählt Wolters.

Kevin brauchte zwar ein bisschen Hilfe von seinem Vater, um den VW-Turm auf das Holz zu sprühen. Doch Spaß gemacht hat es ihm trotzdem. „Der Workshop war richtig cool und lustig, auch wenn es ganz schön schwierig war, den Turm so gerade hinzukriegen“, erzählt der zehnjährige Schüler.

Wie fast alle anderen Workshop-Teilnehmer hatte auch Kevin zuvor noch keine Erfahrungen mit der Sprühdose gemacht. „Bei einem oder zwei konnte man schon sehen, dass sie mal ein bisschen gesprüht hatten. Andere konnten dagegen schon richtig gut zeichnen. Aber die meisten Jugendlichen waren komplette Neulinge“, erzählt Kevin Lasner. Begeistert waren die beiden Künstler vor allem von der Zahl der weiblichen Teilnehmer. „Am ersten Tag bestand der Kurs komplett aus Mädels“, sagt Lasner, „dabei ist Graffiti-Sprühen sonst ja eher eine Männer-Domäne.“

Allen Teilnehmern brachten Wolters und Lasner aber nicht nur das Malen mit der Sprühdose bei. Denn bevor die Jugendlichen am Zaun loslegen durften, gab es am Vormittag erst einmal eine Theoriestunde. Dann erzählten die Künstler von den Ursprüngen der Hip Hop-Kultur, aus der das Sprayen kommt. „Each one teach one“ (Jeder bringt einem etwas bei) lautet dort das Motto und das nehmen Wolters und Lasner wortwörtlich. „Wir wollen mit dem Projekt auch das Image des Hip Hop ein bisschen verändern, der ja sonst häufig in eine Schmuddelecke gerückt wird“, erzählt Wolters, der unter dem Künstlernamen BeNeR1 bereits im vergangenen Jahr für die GBH in Eigenregie sechs Carport-Rückwände mit fotorealistischen Tiermotiven besprühte. Davon und von seinem Werdegang als Sprayer berichtet er den Kindern natürlich auch.

Denn bevor der Künstler ein eigenes Atelier für seine Sprüh-Kunst eröffnete, wurde er schon beim illegalen Besprühen eines Zuges erwischt. Kevin Lasner sogar schon zweimal. Vor den Kindern beziehen die beiden zum Thema illegale Grafittis ausdrücklich keine Stellung. Aber sie vermitteln den Jugendlichen die Konsequenzen, sollten sie die Spraydose mal verbotenerweise ansetzen: „Es ist fast zwangsläufig: Irgendwann wird jeder illegale Sprüher geschnappt“, sagt Wolters.

Dass die GBH nun einen solchen Workshop angestoßen hat, freut Wolters deswegen umso mehr: „Es ist die absolute Seltenheit und ein Glücksfall, dass ein Graffiti-Projekt ins Leben gerufen wird.“ Es habe riesigen Spaß gemacht, mit den Kids zusammenzuarbeiten und das Ergebnis könne sich sehen lassen.“

Die Idee kam von der Geschäftsstellenleiterin der GBH in Linden, Petra Bliwert, die bereits bei der Carport-Gestaltung mit Patrick Wolters zusammenarbeitete: „Uns war es wichtig, legale Graffitikunst zu unterstützen und damit gleichzeitig illegalen Schmierereien Einhalt zu gebieten“, sagt Bliwert.

Dank dieser Idee werden nun bis zum Ende der Baustelle im Jahr 2016 statt unansehnlicher Stahlträger und unverputzter Betonwände die Maus und der 96-Fan den Passanten auf dem Klagesmarkt ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

von Ansgar Nehls

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