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Jugendzentrum Kornstraße in Hannover wird erweitert

Nordstadt Jugendzentrum Kornstraße in Hannover wird erweitert

Nutzer des Unabhängigen Jugendzentrums Kornstraße in der Nordstadt von Hannover wollen unter dem Arbeitstitel „Doppelkorn“ binnen eines Jahres das bewährte Domizil erweitern. Das leer stehende Gebäude, das sich direkt an das bereits genutzte UJZ-Haus anschließt, soll saniert und umgebaut werden, weitgehend in Eigenarbeit.

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Zuwachs für das UJZ: Das neu erworbene Haus (vorne) grenzt direkt an das bereits genutzte rote Gebäude.

Quelle: Kris Finn

Hannover. Zum Anstoßen gibt es Bier, wahlweise Sekt. Auch Hochprozentiges kommt zum Einsatz: Eine Flasche Doppelkorn lassen die Nutzer und Förderer des Unabhängigen Jugendzentrums (UJZ) Kornstraße an der Fassade von Haus Nummer 32 zerschellen. Der am Montagabend auf diese Weise geopferte Schnaps wurde aus programmatischen Gründen gewählt. Schließlich haben die Leute aus der Kornstraße ihr neues Projekt genauso genannt – unter dem Arbeitstitel „Doppelkorn“ wollen sie binnen eines Jahres das bewährte Domizil erweitern. Das leer stehende Gebäude, das sich direkt an das bereits genutzte UJZ-Haus anschließt, soll saniert und umgebaut werden, weitgehend in Eigenarbeit. Wenn alles fertig ist, stehen dem Zentrum, das rund 30.000 Besucher im Jahr zählt, rund 800 Quadratmeter zur Verfügung – das sind 300 mehr als bisher.

An die Immobilie sind die Linksalternativen aus der Nordstadt auf ganz bürgerlichem Wege gekommen – durch einen Kaufvertrag mit der Stadt und einen Kredit bei der Sparkasse. Um Kaufpreis und Baukosten von 200.000 Euro aufzubringen, haben sie zugleich aber auch einen unkonventionellen Weg gewählt: Allein 80.000 Euro sind durch eine Aktion in die Kasse gekommen, bei der 16 private Geldgeber, die der Kornstraße wohlgesonnen sind, zinsfreie Darlehen von jeweils 5000 Euro bereitgestellt haben. Auch bei den Rückzahlungsmodalitäten war man kreativ. Wer sich dem Projekt verbunden fühlt, soll monatlich mindestens fünf Euro spenden. Das hat funktioniert: „Wir haben sichergestellt, dass wir Monat für Monat mehr als 1000 Euro überweisen können“, sagt Dirk Wittenberg, Sprecher des UJZ-Trägervereins. Durch Vermietungen will man weitere Einnahmen erzielen, auch eine Erbschaft hat es gegeben. Bis der Bankkredit getilgt ist, sind 17 Jahre veranschlagt – ein guter Schnitt, findet Wittenberg.

Wenn der UJZ-Sprecher beim Rundgang durch das neu erworbene Gebäude die Finanzierungspläne erläutert, wirkt das ganz so wie bei einem Häuslebauer. Ein Problem hat er damit nicht. Es sei blauäugig zu glauben, dass man ein solches Projekt ausschließlich in Eigenregie stemmen könne. „Ohne ein solides Konzept hätten wir keinen Kredit bekommen.“ Das sagt Wittenberg in einer Woche, in der zuvor in der Limmerstraße 98 in Linden-Nord ein besetztes Haus geräumt wurde, das junge Leute mit Beschlag belegt hatten, die genauso gut in der Kornstraße ein- und ausgehen könnten (und das teilweise auch tun). Ob er die Besetzung für richtig hält, darauf will sich der Mann mit der Jeansjacke nicht festlegen. Er formuliert es wie folgt: „Die Aktion zeigt, dass es nicht nur in der Nordstadt ein Interesse an selbst verwalteten Räumen gibt.“

Die Realität hat die Leute aus der Kornstraße längst eingeholt. Dass das UJZ anno 1971 selbst aus einer Besetzung hervorgegangen ist, gehört zur bewegten Geschichte der Einrichtung. Seinerzeit quartierten sich 300 Jugendliche in einem leer stehenden Bürogebäude in der Arndtstraße ein. Nach der Räumung entstanden ein Jahr später zwei unabhängige Jugendzentren – eines in der Glocksee und eines in der Kornstraße. Das Nordstädter Gebäude wurde zwangsversteigert, eine Berliner Stiftung gab Finanzhilfe, und bereits seit 1988 befindet sich das Gebäude in der Kornstraße 28–30 im Besitz des Trägervereins, der sich aus Spenden, Einnahmen aus Veranstaltungen und vermieteten Räumen finanziert. „Wir haben also schon sehr früh schon einmal ein Haus gekauft“, sagt Wittenberg schmunzelnd – auch wenn sich bei manchen hartnäckig das Vorurteil gehalten habe, das UJZ befinde sich im permanenten Besetzungsstatus.

Das Angebot hat sich im Stadtteil etabliert: Neben Konzerten gibt es die „Volxküche“ mit vegetarischem Essen für wenig Geld, Lesungen, Theater, einen Infoladen, eine internationale Bibliothek – und natürlich politische Arbeitsgruppen. Alle sollen bald mehr Platz haben. Auch das ist gut geplant: Die Bauanträge für die Wanddurchbrüche sind gestellt, befreundete Fachfirmen sollen den Nutzern Hilfestellung bei der Handarbeit geben. Die Bauleitung aber bleibt autonom. Die 19-jährige Maja, die gerade ihr Abi hinter sich hat, gehört dazu. Und sie stellt klar: „Hier geht es um Qualität, geschludert wird nicht.“

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