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Nord Kahnfahrt über die Ihme
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Kahnfahrt über die Ihme
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13:57 03.09.2010
An einem Drahtseil dirigierte der Fährmann das Boot bei "Justus Garten" über das Wasser. Die Fahrt dauerte nur zwei Minuten. Hier zu sehen auf einem Bild von 1937 von Wilhelm Hauschild. Quelle: Handout

Scharen von Radfahrern, Fußgänger, Eltern mit Kinderwagen und auch Vierbeiner überqueren auf ihr täglich die Ihme: Die Justus-Garten-Brücke ist ohne Frage eine bequeme Verbindung zwischen der Calenberger Neustadt und Linden-Nord. Doch einst gelangte man hier nur auf leicht schwankendem Boden über das Wasser. Mit einer kleinen Fähre schipperten früher die Fahrgäste vom Ausflugslokal „Justus Garten“ hinüber zur Stärkestraße.

Nahe dem Zusammenfluss von Ihme und Leine hatte ein gewisser Heinrich Justus schon vor 1870 eine Schankwirtschaft eröffnet. Bei dem Lokal handelte es sich um einen rustikalen Fachwerkbau; draußen in „Justus Garten“ konnten die Besucher im Grünen sitzen und den Klängen aus einem Musikpavillon lauschen. Drüben am Lindener Ufer wuchsen derweil immer mehr Fabrikschornsteine empor, und ehemaliges Bauernland wurde dicht an dicht mit Mietshäusern bebaut. Justus sah daher eine weitere Einnahmequelle und holte sich die Erlaubnis zum Betrieb einer Fähre. Auf dem knapp acht Meter langen Boot durften bis zu 30 Personen mitreisen; auch der Transport von Ziegen, Hühnern und Fahrrädern war genauestens geregelt.

Nach Justus’ Tod ließ einer seiner Nachfolger um 1900 ein stattliches Ausflugslokal errichten. Der dreigeschossige Neubau von „Justus Garten“ verfügte unter anderem über ein Restaurant, eine Veranda und eine Kegelbahn; über eine große Treppe ging es hinaus ins Freie, wo Platz für mehr als 500 Gäste war. Die ursprüngliche Gartenschänke blieb erhalten: Hier trafen sich oft die Beschäftigten der Üstra, die schon damals nebenan an der Glocksee ein Depot und Werkstätten hatte.

Das Grundstück befand sich in den Händen der Stadt, als 1919 ein Mann namens Karl Schmidt „Justus Garten“ pachtete. Mit dem Lokal war auch weiterhin der Fährverkehr verbunden. Vor allem für viele Arbeiter in den Lindener Fabriken war die Fähre unentbehrlich. Eine Zählung von 1921 ergab, dass täglich in beiden Richtungen fast 2500 Personen damit fuhren; der größte Andrang herrschte dabei morgens und am späten Nachmittag.

Auch Heinz Gremmler, der in der Kochstraße aufwuchs, ist gerne mit der Fähre gefahren. „Wenn ich als Junge die fünf Pfennig für die Kahnpartie hatte, kam ich schneller zum Rugby in der Steintormasch“, erzählt der heute 87-Jährige. Die nächste Brücke gab es erst in Höhe Küchengarten. An der Stärkestraße indes führte eine steile Treppe hinab zum Anleger; an einem Drahtseil dirigierte der Fährmann das motorlose Schiffchen über das Wasser, und schon nach zwei Minuten war das andere Ufer erreicht.

Aber mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten nahten dunkle Zeiten heran. In einer Akte des Stadtarchivs ist im März 1933 von einem „tödlichen Unglück“ mit der Fähre die Rede. Die näheren Umstände werden nicht genannt, doch der Gastwirt Karl Schmidt kündigte schließlich seinen Vertrag. Im Frühjahr 1934 verpachtete die Stadt Hannover das Lokal „Justus Garten“ dann an den SA-Marinesturm Hannover, der ehemalige Marine-Angehörige aus der Kaiserzeit in sich vereinte.

Mit der Fähre durften NSDAP-Funktionäre nun umsonst fahren. Das Hauptgebäude von „Justus Garten“ hingegen übernahm Ende 1939 die Üstra, um es als Übernachtungsheim für ihre Fahrer zu nutzen. Im Zweiten Weltkrieg wurde es später komplett zerstört. Der Fährverkehr lief noch eine Weile weiter, hat sich jedoch um 1950 nicht mehr rentiert.

An „Justus Garten“ erinnert heute nur noch der Name der Brücke. Das Lokal befand sich etwa dort, wo sich heute am rechten Ihme-Ufer eine mit Beton eingefasste Terrasse erhebt. Zu deren Füßen aber erwuchs eine andere Tradition, denn seit Mitte der achtziger Jahre wird hier jeden Sommer das Fährmannsfest gefeiert.

Gerda Valentin

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