Zum ersten Mal in Hannover wird ein gesonderter Pflegebereich für Menschen mit starkem Übergewicht eingerichtet. Die Goslarer Firma Gesellschaft für soziale Aufgaben (GesA) will ein vierstöckiges Gebäude mit insgesamt hundert Pflegeplätzen errichten. Laut Geschäftsführer Kenneth Woods schließt die GesA damit auch auf Wunsch der Krankenhäuser eine Angebotslücke in der Stadt. Denn die Zahl krankheitsbedingt fettleibiger Menschen steige insbesondere in Großstädten immer mehr an. Im August 2012 soll das Pflegezentrum eröffnet werden und neben bis zu 88 Senioren auch zwölf adipöse Menschen aus allen Altersgruppen aufnehmen.
Das 3500 Quadratmeter große Pflegezentrum entsteht in der Baulücke neben dem Autohaus Hentschel an der Einmündung der Bugenhagenstraße. Die Firma Kontur Bau Vision aus Hameln hat das Grundstück von der Stadt gekauft und errichtet das Gebäude im Auftrag der GesA. Diese tritt dann als Betreiber des Pflegezentrums auf. Noch im Januar soll die Baugenehmigung beantragt werden.
Bauherr Woods rechnet damit, dass dem Antrag innerhalb weniger Wochen stattgegeben wird. Denn erst vor wenigen Jahren hatte Kontur bereits eine Genehmigung zur Errichtung eines Pflegeheims für das Deutsche Rote Kreuz an derselben Stelle erhalten. Das Bauvorhaben wurde aber nicht umgesetzt; da jetzt eine ähnliche Einrichtung entstehen solle, müsse der Bauantrag nicht grundsätzlich neu geprüft werden, sagt Kontur-Geschäftsführer Walter Greve.
Der Sonderbereich Adipositas soll den Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner entsprechend ausgestattet werden: Breite Türen, spezielle Betten und Toiletten sollen den Übergewichtigen das Leben erleichtern. „So etwas gibt es in Hannover bislang nur in Krankenhäusern, nicht jedoch in einem privat getragenen Pflegeheim“, erklärt GesA-Chef Woods. Damit sich in dem Zentrum auch jüngere Patienten wohlfühlen, soll der Adipositas-Bereich von den Seniorenwohnungen baulich getrennt werden. Dieses Konzept sei bereits in Rinteln erfolgreich, wo die GesA seit längerem eine solche Einrichtung betreibt, berichtet Woods. Zwar sei das dortige Heim nicht ausgelastet, doch in Ballungsgebieten sei der Bedarf deutlich höher.
Oberärztin Andrea Schneider, Spezialistin für Adipositas in der Medizinischen Hochschule Hannover, bestätigt diese Entwicklung: „Der Bedarf nach solchen Einrichtungen in Hannover ist enorm.“ Krankenhäuser und ambulante Dienste seien mit der Pflege adipöser Patienten völlig überfordert. „Es müsste viele solcher privaten Einrichtungen geben, insbesondere weil es in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Übergewichtige geben wird“, sagt Schneider.
Mit dem Adipositas-Angebot folge die GesA einem allgemeinen Trend zur Spezialisierung von Pflegezentren, meint Woods. Eigentlich gebe es in Niedersachsen genug Pflegeplätze, doch die meisten Heime seien baulich veraltet, glichen Krankenhäusern und böten wenig Wohnkomfort. „Die Menschen und ihre Erkrankungen sind verschieden. Darauf müssen wir beim Bau von Pflegeheimen eingehen“, sagt Woods.
Es gebe viele Anfragen nach Plätzen mit einem speziellen Pflegeangebot, etwa im Bereich von Demenzerkrankungen. Sollte die Nachfrage nach Adipositas-Plätzen das Angebot in Vahrenwald übersteigen, könne aufgestockt werden, sagt Woods. Die Vermarktung soll mit dem Baubeginn im Mai losgehen.
Michael Soboll
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