Mehr Senioren, mehr Pflegefälle, mehr Heimbewohner – das ist die einfache Rechnung, nach der in Hannover und der Region innerhalb der vergangenen Jahre ein neues Altenheim nach dem anderen entstanden ist. Privatfirmen, Kirchen und die Stadt bauen, weil sie sich auf die Bevölkerungsprognosen für die nächsten Jahrzehnte vertrauen. In 20 Jahren, so die demografische Voraussage des statistischen Bundesamtes, wird die Zahl der heute rund 16,5 Millionen in Deutschland lebenden über 65-Jährigen auf rund 22,1 Millionen angestiegen sein.
Viele Investoren wittern in dem wachsenden Pflegemarkt ein großes Geschäft und bauen schon heute Heimplätze für die Pflegebedürftigen der Zukunft. Das hat fatale Folgen: Die Auslastung vieler Pflegeheime geht stetig zurück. Immer wieder müssen Häuser aufgrund zu geringer Auslastungszahlen schließen. Auch in den nördlichen Stadtteilen Hannovers wird der Konkurrenzkampf härter.
„Im gesamten Stadtgebiet Hannover gibt es zur Zeit rund 1000 Pflegebetten zu viel“, sagt Rosemarie Hochhut, Vorsitzende des Seniorenbeirats Hannover. Rechnerisch gesehen stehen damit zehn mittelgroße Heime leer. Der Kampf um die gewinnbringenden Senioren wird für die Heimbetreiber zunehmend härter. Viele der älteren Häuser können mit der modernen Ausstattung der neu erbauten Heime nicht mehr mithalten.
Um dennoch auf dem Markt präsent zu sein und Interessenten für sich zu gewinnen, senken sie die Preise. „Der Verdrängungswettbewerb hat in den vergangenen drei bis vier Jahren dazu geführt, dass der Kunde heute für den Preis eines Doppelzimmers ein Einzelzimmer erhält“, sagt Manfred Krüger vom Verein „Umsorgt im Alter“.
So ist das Altenpflegeheim Vahrenheide in der Dunantstraße vor zwei Jahren nur knapp der Schließung aufgrund einer finanziellen Schieflage entgangen. Als der neue Betreiber „Senioren in Hannover GmbH“ das Heim vom bisherigen Betreiber Deutsches Rotes Kreuz übernahm, waren von den 127 Zimmern nur noch 41 belegt. Genau wie viele andere in die Jahre gekommene Altenpflegeheime ist das Gebäude inzwischen saniert und modernisiert worden, um auf dem Markt noch bestehen zu können. Mit einer Belegungsquote von 92,7 Prozent schneidet diese Einrichtung unter den Pflegeheimen der nördlichen Stadtteile trotzdem am schlechtesten ab.
Aber auch bei der Konkurrenz sieht es nicht so rosig aus, wie die einzelnen Betreiber gern behaupten. Zwar geben die Verantwortlichen der einzelnen freien Träger auf Nachfrage des Stadt-Anzeigers im Schnitt eine Auslastung von rund 95 Prozent an – Spitzenreiter ist das AWO-Seniorenzentrum in Vahrenwald mit einer angeblichen Komplettauslastung –, doch der immer größer werdende Druck durch die Konkurrenz ist auch hier zu spüren. „Die Kunden vergleichen stärker als früher und entscheiden sich deutlich langsamer für einen Platz“, sagt Peter Voss, Geschäftsführer der Senioren-Residenz Vahrenwald.
Genau wie Hans-Joachim Scharping vom Nikolai-Stift Herrenhausen folgt auch Voss dem Trend, potenzielle Kunden mit Zusatzleistungen zu ködern. So können bettlägrige Patienten der Senioren-Residenz Vahrenwald dank einer Kooperation mit der Vahrenwalder Kirche die Gottesdienste live auf ihren Fernsehern mitverfolgen. Sie werden vom Pastor sogar gezielt begrüßt. „In der heutigen Zeit muss man viel Service für möglichst wenig Geld anbieten, um auf dem wachsenden Pflegemarkt mithalten zu können“, bekräftigt Scharping. Eine Zusatzleistung des Nikolai-Stifts Herrenhausen ist daher einmal wöchentlich eine kostenlose Taxenfahrt in die Innenstadt.
Einen Grund dafür, dass trotz einer Verbesserung der Serviceangebote immer mehr Pflegebetten leer bleiben, sehen Hochhuth und Krüger darin, dass die Senioren einen Pflegeheimaufenthalt so lange wie möglich hinauszögern – auch aus Kostengründen. „Die Pflegeheime bekommen heute deutlich pflegebedürftigere Kunden als früher“, sagt Krüger. „In den meisten Fällen sind es die Angehörigen, die ihre Verwandten schließlich ins Pflegeheim bringen, weil diese professionelle Hilfe benötigen.“ Waren die Senioren früher zwischen 65 und 70 Jahre alt, wenn sie ins Heim kamen, sind sie heute 80 Jahre und älter, so Hochhuth. Hinzu komme der Trend, Wohnungen seniorengerecht umbauen zu lassen. So biete beispielsweise der Haus- und Grundbesitzerverein eine Wohnberatung für Senioren an, die gerne genutzt werde.
Trotz der Überversorgung an Pflegeheimplätzen, die inzwischen auch von Fachleuten des kommunalen Pflegeservices eingestanden wird, baut man in Hannovers Norden fleißig weiter. Demnächst werden in Stöcken zwei neue Pflegeheime entstehen – der Kampf um die Senioren geht also weiter.
von Gesa Lehrmann
Kommentare
Senioren xxx – 26.03.09
es ist wirklich schwer für die Heimbetreiber.Da vergleichen doch plötzlich die Kunden die Preise und Leistungen. Und erwarten doch tatsächlich Service. Wie schön waren doch die Zeiten als die Senioren all ihr Geld abgeben durften und im Gegenzug einfach verwahrt wurden.
.... tiktaktüx – 15.03.09
es istdoch nun wirklich nicht verwunderlich, wenn häuser probleme haben - pflegerische minimalversorgung zur kostenoptimierung, essen, das den namen nicht unbedingt so verdient hat, kaum "aktivierung" zum aufrechterhalten der eigenständigkeit ... altenheime sind schließlich keine strafanstalten!Preis Hubert Lenzing – 13.03.09
Ich zitiere:"für den Preis eines Doppelzimmers ein Einzelzimmer erhält". Passt!