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Nord Schleiferei von Vincenzo Prioletta besteht seit 40 Jahren
Hannover Aus den Stadtteilen Nord Schleiferei von Vincenzo Prioletta besteht seit 40 Jahren
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08:30 05.01.2012
Vincenzo Prioletta kennt keinen Ruhestand. Immer noch schleift er täglich Messer in seiner Werkstatt in der Werderstraße. Quelle: Schmidt
Vahrenwald

Vincenzo Prioletta nimmt auf einem abgewetzten Polsterhocker vor einer Schleifmaschine Platz, stellt das Schleifband an und hält gekonnt die Schneide eines Messers daran. Erst eine Seite, dann die andere. Dann wird das grobe Schleifband mehrfach ausgewechselt, bis die Körnung ganz fein ist. „Fünf Arbeitsgänge mindestens sind es, bis ein Messer wieder schneidet“, erklärt der Messerschmiedemeister. Seit 40 Jahren arbeitet Vincenzo Prioletta in seiner Werkstatt in der Werderstraße 8 in Vahrenwald, auch manche Klinge hat er dort geschmiedet. Seine Haupttätigkeit ist es allerdings, die Schneidfähigkeit vieler Schneidwerkzeuge wieder herzustellen. Priolettas Betrieb ist einer der beiden letzten seiner Art in der Stadt.

„Als ich 1965 nach Hannover kam, gab es hier noch acht Schleifereien“, erzählt der 68-jährige Italiener aus dem 3500-Seelen-Dorf Frosolone in den Abruzzen. „Frosolone ist wie ein kleines Solingen“, fährt er fort. Es gebe dort viele kleine Familien-Schleiferei-Betriebe. In einem solchen hat Prioletta auch seinen Beruf gelernt. Er ist in vierter Generation Messerschmiedemeister, nachdem sein Urgroßvater Nicola Prioletta das Unternehmen gegründet hat. Weil Vincenzo Prioletta aber schon als junger Mensch andere Menschen und ihr Handwerk kennenlernen wollte, ging er weg aus seiner Heimat – erst in die Schweiz und dann nach Hannover.

„Das Hochdeutsch hat mich fasziniert“, sagt er – obwohl er sich seinen italienischen Akzent zeit seines Lebens in Hannover nicht abgewöhnen konnte. Nach ein paar Lehrjahren und der Meisterprüfung übernahm Prioletta als junger Mann eine ehemalige Schlosserei und richtete seine Schleiferei darin ein. Seither liegt über allen Maschinen und Tischen eine feine Schicht Staub. Das lässt sich nicht vermeiden. Jeder der fünf Arbeitsgänge erzeugt Abrieb.

Um ein Messer zu schleifen, wandert Meister Prioletta einmal in der Werkstatt herum von Maschine zu Maschine. Erst wird die Schneide in Form geschliffen, um kleine Macken zu beseitigen – „absetzen“ heißt das – dann wird mit Wasser vorgeschliffen, denn der Stahl darf nicht heiß werden, dann wird nachgeschliffen, poliert, und abschließend wird die Schneide per Hand auf einem Schleifstein mit 400er-Körnung abgezogen, damit sie stabiler wird. Stets betrachtet Prioletta die Klinge dann in der Flucht, ob sie auch schnurgerade ist. Gern fährt der Meister auch mit der glänzenden Schneide über seinen Handrücken und pustet eine kleine Wolke abgetrennter Härchen weg. „So muss es sein“, sagt er zufrieden. Vincenzo Prioletta ist keiner, der Kollegen anschwärzt. Aber er unterscheidet sehr genau zwischen Schneidwerkzeugen, die schneiden und solchen, die reißen. Bei ihm kann man nicht damit rechnen, dass eine Schere oder ein Messer mal eben mit einem Schliff geschärft werden, so wie es fahrende Handwerker oft auf die Schnelle anbieten. „Die müssen auch leben“, sagt er lakonisch, „aber es kann nicht funktionieren.“ Auf diese Weise behandelte Klingen könnten anschließend nur „reißen“. Aber im Prinzip könne man natürlich auch mit einer Säge Brot schneiden.

Sein Ziel ist das nicht. Klingen, die Prioletta schärft, gehen durch Fleisch und andere Materialien wie durch Butter. Seine Kunden schätzen das. Darunter sind Gastronomen, aber auch Krankenhäuser, die Rechtsmedizin, Zahnärzte, Fußpflegerinnen und andere Präzisionsarbeiter. Gerade hat Meister Prioletta eine ganze Partie Obduktionsmesser nachgeschliffen. Ordentlich aufgereiht liegen sie auf dem leicht verstaubten Tisch. Natürlich kommen auch viele Privatleute mit ihren Rasenmähern, Gartengeräten, mit Sägeketten und Schlittschuhen zu ihm.

Manchmal ist auch ein sehr exklusiver Auftrag darunter. Wie in den siebziger Jahren, als ein wohlhabender Mann mit einem wohlgeformten Schwertgriff vor ihm stand und ihn darum bat, eine neue Klinge zu schmieden. Der Preis sei unwichtig. Dieser Mann hatte das Prunkstück von König Ernst August von Hannover geschenkt bekommen, die Klinge nach dem Zweiten Weltkrieg aber abgeben müssen, weil damals auch „Blankwaffen“ verboten wurden. Er bekam seine neue Klinge von Meister Prioletta, war zufrieden und zahlte.

Obwohl der italienische Wahlhannoveraner seit drei Jahren im Ruhestand ist, trifft man ihn weiterhin täglich in seiner Werkstatt an. „Es bereitet mir Spaß, und es ist ein Unterschied, ob man weitermachen muss oder will“, sagt er. Nur einmal im Jahr – immer im August – ist Priolettas Werkstatt geschlossen. Dann fährt er nach Frosolone, stets eine große Portion selbstgemachtes Sauerkraut im Kofferraum. Das schätzen die Dorfbewohner in seiner Heimat sehr. Und Vincenzo Prioletta freut sich jedes Jahr wieder darauf, beim Dorffest die eine oder andere Klinge auf der Straße zu schmieden. Das ist dort Tradition.

Karin Vera Schmidt

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