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Nord 102-Jährige schwelgt in Erinnerungen 
Hannover Aus den Stadtteilen Nord 102-Jährige schwelgt in Erinnerungen 
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10:37 19.02.2018
Blickt auf 102 Lebensjahre zurück: Agnes Grevy. Quelle: Foto: Wiechers
Vahrenwald

Am liebsten erzählt Agnes Grevy von dem netten jungen Mann vom Deutschen Roten Kreuz. 19 Jahre ist er alt, ein Syrer, Physik will er einmal studieren. Jeden Sonnabend schaut er für eine Stunde bei ihr in der Seniorenresidenz in Vahrenwald vorbei; holt sie zu einem kleinen Spaziergang ab oder liest ihr, bei Tee und Kuchen, aus „Die Frauen des Hauses Wu“ von Pearl S. Buck vor. Vor 50 Jahren hatte sie den Roman zum ersten Mal gelesen. Heute ginge das nicht mehr; die Augen sind zu schwach; auch das Laufen klappt nicht mehr so gut. Kein Wunder! Ende Januar hat Agnes Grevy ihren 102. Geburtstag gefeiert. Es gab Sekt, und die Enkeltochter, gerade mal 48 Jahre alt, war da. Auch ein Vertreter der Stadt schaute mit Blumen vorbei. Nur ihr neuer Freund fehlte. „Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn so nennen darf“, sagt Agnes Grevy und lacht. Sie lacht gern. „Vom Jammern wird nichts besser“, lautet ihr Lebensmotto. Ein anderes: „Jeder Mensch, der anständig und ordentlich ist, ist mir willkommen! Egal, woher er kommt.“

Agnes Grevy ist in Westpreußen geboren, 1916; im Zuge des Versailler Vertrags mussten ihre Eltern die Heimat verlassen. Knapp zehn Jahre später endete die Wanderschaft der mittlerweile achtköpfigen Familie in Hannover. Der Vater fand in der Botenmeisterei im Rathaus einen Job. „Die Zwanzigerjahre waren keine einfache Zeit“, erinnert sich die 102-Jährige und seufzt. „Morgens wachte man mit einer Billion Reichsmark auf, für die man abends noch nicht einmal mehr ein Brot bekam.“ Und es wurde noch schlimmer. Nach der Schule – ihr Schulgeld zahlte der Patenonkel – begann sie in den Dreißigerjahren eine Lehre in der Schuhabteilung von Karstadt. Auf den Straßen lieferten sich Kommunisten, Sozialdemokraten und SS-Trupps Schlägereien. Den Anblick der zerstörten Geschäfte nach der Reichspogromnacht hat sie nie vergessen können. Ebenso wenig die Bombennächte im Schutzbunker. „Wir hatten alle schreckliche Angst.“ Es gab auch glückliche Momente. Zum Beispiel ihre Hochzeit 1937, die mit einem Kaninchenbraten im heimischen Wohnzimmer gefeiert wurde.

Ihre schönste Zeit? Keine Sekunde muss die zierliche Dame überlegen. „Als ich in Rente ging!“ 1976 war das. 14 Jahre lang hatte sie nach der Scheidung bei einer Verpackungsfirma im Büro gearbeitet. Sohn und Tochter waren bei der Trennung vom Vater schon erwachsen. Die ersten Jahre im Ruhestand ist sie viel gereist; hat sich die Kronjuwelen in London angeschaut und das Schafott, auf dem Maria Stuart geköpft wurde. 

Und wie wird man so alt? „Indem man alles tut, was verboten ist.“ Erst mit 80 Jahren hat sie das Rauchen aufgegeben. Und sie hat ihre Hobbys gepflegt. Noch heute hört sie sich die Fußballübertragungen im Fernsehen an; allerdings ist ihr Lieblingsverein nicht Hannover 96, sondern Werder Bremen. Hat wohl etwas mit Otto Rehhagel zu tun, für den sie noch heute schwärmt wie ein junges Mädchen.

Das schönste Geschenk sei ihr klarer Kopf, sagt sie. Die meisten ihrer durchweg jüngeren Mitbewohner in der Seniorenresidenz sind dement oder verwirrt. „Nur mit wenigen kann ich mich noch unterhalten.“ Es wird einsam im Alter. Wäre da nicht ihr junger Vorleser. Kürzlich hat er sie zur Karnelvalsfeier im Haus begleitet. „Er war der Star der Feier“, sagt sie und strahlt wie eine junge Mutter.

Von Gabi Stief undHans-Peter Wiechers

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