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Stadtteilgärten fördern Integration

Sahlkamp Stadtteilgärten fördern Integration

Wurzeln schlagen in der Fremde: Im Sahlkamp gärtnern Iraker, Syrer und Afghanen auf dem Dach einer Tiefgarage. Sie pflanzen, ernten und tauschen sich aus. Ein Besuch bei einem Integrationsprojekt der besonderen Art.

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Beim Komposttag kommen die Gärtner aus dem Sahlkamp noch einmal zusammen.

Quelle: Alexander Körner

Sahlkamp. Anwar Al-Schiki hat sich heute einen Tag frei genommen. Das macht er immer bei besonderen Anlässen. Und heute ist so ein besonderer Anlass. Anwar Al-Schiki wird in seinem Garten gebraucht. Es ist Komposttag.

Seit zehn Jahren lebt der 45-Jährige in Deutschland. Eigentlich kommt er aus Syrien. Aus dem Land, in dem seit dem Beginn des Aufstandes gegen Präsident Baschar al-Assad mehr als 30000 Menschen starben. Manche fürchten 19 Monate nach dem Beginn der Gefechte den Kollaps des Staates und ein neues Somalia auf dem afrikanischen Kontinent.

In einer kleinen Parzelle zwischen grauen Plattenbauten im Stadtteil Sahlkamp versucht Al-Schiki die Erinnerung an seine Heimat aufrecht zu erhalten. Hier pflanzt er Paprika, Tomaten, Auberginen und Zucchini an. Gemüsesorten, aus denen sich die traditionellen syrischen Gerichte herstellen lassen, die mit Kichererbsen, Aprikosen und Pflaumen verfeinert werden. Mangold mag Anwar Al-Shiki besonders gern. Seine Frau umwickelt damit das Hähnchenfleisch. Bald wird er ihn ernten können - den Mangold.

Vor zwei Jahren hat Al-Shiki die Parzelle bekommen. Er ist nun eingetragenes Mitglied im Verein Internationale Stadtteilgärten und Pächter dieses kleinen Stückes Land. 30 Euro kostet ihn das jährlich. Aber das Geld sei gut investiert, sagt Al-Shiki. Seine Beete hat er mit den Latten alter Bettgestelle umrahmt. „Ich gehe nicht mehr spazieren, ich gehe nicht in die Kneipe, ich sitze immer im Garten“, sagt er. „Ich sitze im Garten und schaue mich um.“

In den trüben Novemberwochen sitzt er freilich seltener im Garten. Da schaue er eher fern. Am Komposttag jedoch ist das anders. Da kommen sie alle noch einmal heraus aus ihren Wohnungen in den grauen, direkt an den Garten angrenzenden Hochhäusern. Die Gärtner aus dem Sahlkamp, die ursprünglich aus dem Irak, der Türkei, aus Afghanistan, Tunesien und Weißrussland kommen. Sie alle - Frauen, Kinder und Männer - haben Schaufeln, Schubkarren und Plastiktüten dabei. Gemeinsam verteilen sie den Kompost auf den Beeten. Die Erde soll sich über den Winter regenerieren und ihre Beete wieder fruchtbar machen für das kommende Jahr.

Vor fünf Jahren gründete sich der Verein Internationale Stadtteilgärten. Im Sahlkamp - einem Stadtteil mit Familien aus über 60 Ländern - legten die Initiatoren den ersten Garten auf dem Dach einer Tiefgarage an. Die Idee war so simpel wie genial. Menschen aus verschiedenen Kulturen sollten zusammenkommen, um im Garten gemeinsam zu säen, zu pflanzen und zu ernten. Über die gemeinsame Arbeit - so die Idee der Initiatoren - sollte auch das soziale Miteinander und der Austausch der Kulturen verbessert werden.

Die Initiatoren wollten der weit verbreiteten Perspektivlosigkeit im Stadtteil etwas entgegen stellen. Neben Arbeitslosigkeit gelten Jugendgewalt und Drogenmissbrauch als Problem. Viele der Anwohner im Quartier haben keine berufliche Perspektive oder eine gesicherte Aufenthaltssituation. „Zwei bis drei Jahre leben die Leute hier. Dann ziehen sie weiter, weil sie hier nichts hält“, sagt Eberhard Irion, Geschäftsführer des Vereins Internationale Stadtteilgärten. „Der Garten aber bindet. Das kleine Stück Land gibt vielen eine Identität. Sie schlagen Wurzeln in der Fremde.“

Der Internationalen Stadtteilgärten, von denen es bundesweit 105 gibt, hat sich bewährt. Der Gemeinschaftsgarten auf dem Dach der Tiefgarage in der Schwarzwaldstraße ist nicht der einzige geblieben. Im Sahlkamp gibt es mittlerweile drei Gärten, in denen Familien Gemüse, Obst und Blumen anpflanzen und sich austauschen können. Eine Imkergruppe kümmert sich im Bienengarten um insgesamt acht Bienenvölker. Der Teegarten Hainholz ist als Veranstaltungsort gedacht. Hier können Feste gefeiert werden. Aber auch hier besteht die Möglichkeit zu gärtnern. Und es gibt weitere Pläne: In Hainholz soll im kommenden Jahr ein Garten für sieben Familien entstehen. Auch aus dem Roderbruch und Mühlenberg haben sich Interessenten gemeldet. „Geeignete Flächen gibt es schier unendlich“, sagt Irion. „Man muss sie nur bewirtschaften.“

Was sich aus einem Stückchen Erde alles machen lässt, ist in einem Beet zu sehen, das sich vom trüben Novemberwetter scheinbar nicht beeindrucken lässt. Noch immer wachsen in der Parzelle Früchte und Gemüse, blühen die gelb-orangen Tagetes. Neben den Latten, die das Beet eingrenzen, liegen ein dicker Kohl und einige Knollen roter Beete. Das Beet gehört Alena Rasiner, der Expertin im Garten, die bei Problemen von den anderen Gärtnern stets konsultiert wird. Die Weißrussin hat den Kohl und die rote Beete beiseite gelegt für die Suppe, die sie abends kochen will. Das Geheimnis ihrer reichhaltigen Ernte, so sagt sie, sei die Bodenbeschaffenheit. Die Preiselbeeren wüchsen auf saurem Boden gut. Daher hat Alena Rasiner das kleine Beet mit Torf und Tannennadeln bedeckt. Cranberries und Zwergkirschen hingegen, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hat, benötigten neutralen Boden. Laubblätter sorgen dafür. „Ich lese eben gern mal etwas nach“, sagt sie. Aber Alena Rasiner will nicht nur ihr gärtnerisches Wissen teilen. Am 12. Dezember soll im Stadtteilgarten ein Liederabend mit russischen Volksliedern gefeiert werden.

Und dann wird wohl auch Anwar Al-Schiki wieder in den Garten kommen. Und sich einfach umschauen.

Stefanie Nickel

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