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„Vorbild für Schulgärten in der gesamten Bundesrepublik"
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Burg „Vorbild für Schulgärten in der gesamten Bundesrepublik"

Die Chronik des Schulbiologiezentrums ist jüngst erschienen. Der ehemalige Leiter Eberhard Reese erzählt im Interview aus der Geschichte der Institution in Burg.

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Die Apfelernte hat sich gelohnt. Das Bild, das aus der Chronik stammt, zeigt vier fleißige Jungen im Jahr 1964.

Burg. Herr Reese, Sie haben zusammen mit anderen Herausgebern eine Chronik des Schulbiologiezentrums veröffentlicht. Wie und wann fing denn die Geschichte dieser Institution an?

Vor 130 Jahren. Im Jahr 1883 wurde der erste Botanische Garten der Stadt eröffnet. Allerdings zunächst am Pferdeturm.

Wie kam es dazu?

Anlass war ein Erlass des preußischen Staates, genauer gesagt des Ministeriums für geistliche, unterrichtliche und Medizinalangelegenheiten. Demnach sollte der naturwissenschaftliche Unterricht gefördert werden. Insbesondere auf den naturbeschreibenden und pflanzenkundlichen Unterricht wurde nun Wert gelegt. Das veranlasste einen Lehrer des damaligen Lyzeums II, gemeinsam mit Lehrern und Fachbiologen eine Eingabe an die Stadt zu verfassen.

Mit welchem Ziel?

Das geschah mit dem Ziel, einen Liefergarten zu schaffen. Im Botanischen Garten sollten Pflanzen wachsen, die dann den Schulen als Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt wurden. Und so kam es dann auch. Der Botanische Garten wurde gegenüber dem Pferdeturm im damaligen Forstgarten eingerichtet. Ein Förster zog die Pflanzen. Das Schnittmaterial wurde regelmäßig mit einem Pferdewagen zum Aegidientorplatz gefahren, wo es sich die Schulen abholen konnten.

Zog der Botanische Garten von dort aus nach Burg?

Nein. Er musste tatsächlich umziehen, weil die Nachfrage der Schulen immer größer wurde. Aber es ging noch nicht nach Burg.

Sondern?

1892 zog der Botanische Garten an die Kirchröder Straße nach Kleefeld. Nachbar war die Hedwig-Heyl-Schule, die heutige Alice-Salomon-Schule. Dort konnte man auf einen sehr viel größeren Garten mit viel mehr Beeten zurückgreifen. In diese Zeit fällt übrigens auch die Gründung des Botanischen Gartens in Linden. Linden gehörte damals ja noch nicht zu Hannover, die Lehrer benötigten aber natürlich auch dort Unterrichtsmaterialien. So wurde 1892 der erste Garten am Fischerhof gebaut, dort, wo heute der Baumarkt „Obi“ ist. 1920 siedelte der Botanische Garten an den Lindener Berg um, wo er heute noch beheimatet ist.

Es gibt also heute noch zwei Schulgärten in der Stadt?

Ja. In Linden und in Burg.

Wann entstand der Botanische Schulgarten Burg?

Im Jahr 1923 wurde der Botanische Garten Burg am heutigen Standort eingerichtet. Zuvor war das Gelände des Ritterguts Burg der Stadt übergeben worden. In dieser Zeit änderte sich auch das Konzept der Institution. Denn aus einem reinen Liefergarten, der Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellt, wurde nun ein Garten für praktische Übungen.

Das heißt?

Dass viele kleine Gärten von den Schulen genutzt werden konnten. Die Schüler konnten praktische Gartenarbeit üben, und ihnen sollte die Gelegenheit gegeben werden, die wichtigsten Pflanzen der Heimat kennenzulernen. Und nicht zuletzt: Die Kinder der Großstadt sollten die Möglichkeit zur Beobachtung bekommen. Die Lehrer konnte dadurch den naturgeschichtlichen Unterricht anschaulich und lebensnah gestalten.

Hatte Hannover eine Vorreiterrolle inne, oder gab es in vielen Städten solche Schulungsgärten?

Nein. Fast jede große Stadt konnte seit Ende des 19. Jahrhunderts auf Schulgärten zurückgreifen. Eine Vorreiterrolle nahm Hannover tatsächlich ein, aber erst in den 1970er Jahren.

Was passierte da?

In den sechziger Jahren musste die Biologie um Anerkennung kämpfen. Diese Zeit war von der Physik geprägt. Das Ziel dieser Zeit hieß Mondlandung, die Zukunft richtete die Menschheit an physikalischen Fragen aus. Damals warb besonders mein Vorgänger als Leiter des Schulbiologiezentrums, Dr. Gerhard Winkel, intensiv für die Biologie.

Wann kam die Wende, die wieder mehr Beschäftigung mit der Biologie rechtfertigte?

Das begann Anfang der siebziger Jahre mit der grünen Bewegung. Diese Initiativen und Ideen gaben wichtige Impulse. Die Schulen wollten jetzt plötzlich wieder Schulgärten betreuen. 1973 wurde der Botanische Garten in Burg in die staatliche Lehrerausbildung eingebettet. Es passierte vieles unter der Leitung von Gerhard Winkel: Junge Studenten wurden in den Schulgarten eingeladen, sie waren schließlich die Lehrer der Zukunft. Als der Biologieunterricht wieder in den Vordergrund der Schulbildung rückte, öffnete Winkel den Botanischen Schulgarten für die Schulbiologie, und die Arbeit des Schulbiologiezentrums begann. Das Angebot galt nun nicht mehr nur für Gymnasien, sondern auch für Grund-, Haupt-, Realschulen und damals noch die Orientierungsstufe.

Verknüpften sich die Ideen der grünen Bewegung mit den Idealen des lebendigen Naturunterrichts aus den zwanziger Jahren?

Unbedingt. Wir sagten immer: Wir sind eine Brücke zwischen den Zwanzigern und den Siebzigern. Ich kam 1971 ans Schulbiologiezentrum und blieb dort bis zu meiner Pensionierung 2002. In den Siebzigern übernahm Hannover dann die Vorreiterrolle, von der ich bereits sprach. Zahlreiche politische Vertreter aus anderen Städten kamen zu uns und schauten sich das Schulbiologiezentrum an und ab. Wir unterrichteten sie in Seminaren und Fortbildungen. Hannover war in dieser Zeit Vorbild für Schulgärten in der gesamten Bundesrepublik.

Warum sollen denn Kinder heute noch in das Schulbiologiezentrum? Sie finden doch alles im Internet.

Sie wissen genauso gut wie ich, dass Menschen besser und intensiver lernen, wenn sie direkt mit dem Anschauungsmaterial konfrontiert sind. Nichts, auch keine Abbildung in einem Buch, geschweige denn das Internet, kann so nachhaltig auf die Kinder einwirken wie das originale Erlebnis in der Natur. Wir haben nicht nur die Hoffnung, dass die Kinder und Jugendlichen etwas über die Natur lernen, sondern dass sich das Erleben in der Natur auf das Verhalten dieser Schüler auswirkt.

Wie haben Sie versucht, das zu erreichen?

Wir haben immer ein ganzheitliches Konzept verfolgt. Wir setzen auf den fachlichen Umgang mit den Sachen, den künstlerischen Umgang, die Dokumentation und das Spiel. Nicht zuletzt geht es ja um gesellschaftliche Fragen, um die Fragen, was der Mensch hinterlassen hat. Ich hoffe, dass sich die Jungen und Mädchen, die das Schulbiologiezentrum besuchen und besucht haben und vieles über die Natur in der Natur lernen, später auch entsprechend in ihrer Umwelt bewegen und sie schützen.

Das Buch „Das Schulbiologiezentrum Hannover. Ursprünge, Geschichte, Wirklichkeit - eine Chronik der letzten 130 Jahre“ umfasst 196 Seiten und kostet 15 Euro. Es beschreibt in diversen Aufsätzen unterschiedliche Aspekte des Zentrums aus Geschichte und Gegenwart. Erhältlich ist die Schrift unter der Telefonnummer 0511/16849501.

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