Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Nordstadt Ein Rundgang über den jüdischen Friedhof
Hannover Aus den Stadtteilen Nordstadt Ein Rundgang über den jüdischen Friedhof
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 13.08.2016
Voraussetzung für den Rundgang auf dem Alten Jüdischen Friedhof: Männer tragen aus Respekt die Kippa. Quelle: Moers
Anzeige
Hannover

„Beth Olam“, Haus der Ewigkeit. So lautet im Judentum eine Bezeichnung der letzten Ruhestätte, des Friedhofs. In der Nordstadt befinden sich gleich zwei der drei jüdischen Friedhöfe Hannovers. Der markante Hügel in der Oberstraße ist der älteste in Norddeutschland. Nur wer an einer der seltenen Führungen teilnimmt, hat die Möglichkeit, einen der spannendsten und beeindruckendsten Kulturorte der Stadt aus der Nähe zu erleben. Kein Wunder also, dass auch der „Stattreisen“-Rundgang vor Kurzem mehr als gut besucht war. 60 Teilnehmer folgten aufmerksam den Ausführungen der Historikerin Else Hinze-Dückering.

Zur Galerie
Der jüdische Friehof in der Oberstraße ist der älteste Norddeutschlands. 60 Teilnehmer folgten aufmerksam den Ausführungen der Historikerin Else Hinze-Dückering.

Überwältigender Eindruck

Der Eindruck ist überwältigend. Wie eine Wand wachsen die hohen, schlichten Sandsteingräber beim steilen Aufstieg dicht an dicht vor den Augen empor. Ein ganz anderer Anblick als der, den man vom Vorbeispazieren an der Mauer kennt. „Hochinteressant, eine ganz andere Welt tut sich auf“, ist Teilnehmerin Eveline Hoffmeister begeistert. Ein wenig Achtsamkeit und Trittsicherheit sind notwendig, um den geschützten Ruheort sicheren Fußes zu erklimmen. Einige der 726 identifizierten Gräber ragen nur wenige Zentimeter aus dem Erdreich. „Auf den jüdischen Friedhöfen wurde auch übereinander bestattet“, erklärt Hinze-Dückering einen Unterschied zum vertrauten christlichen Ritus. Sechs Handbreit Erde waren als Mindestabstand zwischen den Toten festgelegt. Mit jeder neuen Schicht wurden die alten Gräber auf das neue Niveau hochgezogen. In den rund 500 Jahren seit der Anlage des Friedhofs um das Jahr 1550 sind manche Steine wieder versunken. Ihre Spitze, ein runder Bogen, symbolisiert das Tor zur Ewigkeit. „Es gilt ein ewiges Ruherecht“, schildert Hinze-Dückering die religiösen Hintergründe und Traditionen der jüdischen Sepulkralkultur.

Inschrift über dem Tor

Die Inschrift weist darauf hin, dass dieses Tor den Kohanim vorbehalten war. Die Kohanim übten im Judentum den Dienst am Altar aus, ihr Zeichen sind die betenden Hände. Diese sind über dem Tor zu sehen (Foto). Da der Friedhof als unreiner Ort gilt, gelten hier besondere Regeln für die Geistlichen:
„Die Pforte ist erneuert worden zum Betreten der Cohanim, um einzutreten und den Friedhof zu umgehen, im Jahre 5502.“ (1742)

Viele "prominente" Persönlichkeiten

Auffällig ist auch, dass jeder Tote ein eigenes Grab hat, Mehrfachgräber oder Familiengräber gibt es nicht. Dafür bieten die kunstvoll gemeißelten hebräischen Inschriften eine wahre Schatzkiste an Informationen über diejenigen, die hier begraben liegen. Diese Tatsache macht den Alten Jüdischen Friedhof zu einer wichtigen Quelle der Geschichtsforschung. Nicht zuletzt liegen hier viele „prominente“ Persönlichkeiten begraben.

Inschrift an der Mauer

Ursprünglich angebracht wurde die Inschrift an der Mauer 1661 auf zwei Holztafeln. Zehn Jahre später wurden sie ersetzt durch die heute noch vorhandenen Steintafeln. Der Text droht denjenigen „scharfe Strafe“ an, die den Friedhof schänden (fiolieren) oder beschädigen (turbiren). Es kam damals wohl häufig vor, dass der Sand der ehemaligen Düne illegal abtransportiert wurde, sodass die Leichen freigelegt wurden. Erst 1740 wurde eine Steinmauer gezogen. Die Bepflanzung erfolgte im 19. Jahrhundert.
Auf der Inschrift heißt es: „Der Juden Grabstadt und Schutzstein / Mit Verwahrung wer in künften dieselbe fiolieren oder mit Abführung des Sandes turbiren wirdt / Das derselbe ohn einzig ansehen sermo cetmo Hertzogen Johann Friedrich den Gnädigsten Landesfürsten in scharfer Straffe verfallen sein soll / Uhrkundlich Langenhagen D. 11. Septemb. Ao. 1671 / Amandat um sermi proprium Melchior Albrecht Reichard“

„Die Bedeutung jüdischer Bankiers und Bürger für die Entwicklung der frühen Industrialisierung wird in Hannover bislang nicht ausreichend betont“, ist eine Einschätzung, die Historikerin Hinze-Dückering bei ihrer langen Beschäftigung mit dem Friedhof gewonnen hat. Da wäre etwa das Grab mit der eingemeißelten Nummer 17a. Der Bankier Adolph Meyer wurde hier als Letzter, bereits nach der Schließung des Friedhofs, beerdigt. Meyer errichtete 1837 unter anderem die Mechanische Weberei in Linden, die erste Baumwollspinnerei im Königreich Hannover, die erste Zement-Fabrik in Hameln und die Arbeiterwohnkolonie Fannystraße in Linden. Neben Meyer sind auch die Vorfahren der berühmten Brüder Berliner (Erfinder des Grammofons und des Telefons) auf dem Friedhof bestattet. Der älteste erhaltene Grabstein, datiert auf das Jahr 1654, kennzeichnet das Grab des Ur-urururgroßvaters des Dichters Heinrich Heine. Salman Gans hieß der Kaufmann aus Hameln, von dem nach damaligem Brauch lediglich das Sterbedatum vermerkt ist.

Geschichte nicht abschließend erforscht

Else Hinze-Dückering kennt die Lebensgeschichten zu vielen Familien und Einzelpersonen, die hier ihre letzte Ruhe fanden. „Gibt es das auch alles als Buch zum Nachlesen?“, möchte eine Teilnehmerin nach mehr als zwei Stunden Rundgang wissen. Hier muss die Historikerin abwinken. „Die Geschichte dieses Ortes ist noch längst nicht abschließend erforscht“, muss sie die Besucher enttäuschen. Bis es so weit ist, sind die spannenden Rundgänge weiter die einzige Möglichkeit, mehr über die Geheimnisse dieses einzigartigen Orts zu erfahren.

Leffmann Behrens

Leffmann Behrens (1634–1714) war Hoffaktor der hannoverschen Welfenherzöge. Er gilt als Initiator des Landrabbinats (1687) und intervenierte bei seinem Landesherrn gegen judenfeindliche Schriften. Leffmann Behrens gelang es, trotz aller Repressalien, unter denen Juden damals litten, ein erfolgreiches Finanzunternehmen aufzubauen, das unter anderem als Hof- und Heereslieferant in Erscheinung trat. Gleichzeitig galt er als Wohltäter seiner Zeit. „Trotz aller Verdienste erfährt Leffmann Behrens bis heute in Hannover keine öffentliche Würdigung“, beklagt Else Hinze-Dückering.

Vorerst letzte Führung

Am Sonntag, 11. September, findet die letzte „Stattreisen“-Führung über den Alten Jüdischen Friedhof in 2016 statt. Der Rundgang beginnt um 11 Uhr vor der Mauer in der Oberstraße. Er dauert etwa zwei Stunden. Männer benötigen eine Kopfbedeckung. Eine vorherige Anmeldung ist nicht nötig. Die Teilnahme kostet 9 Euro.

Von Mario Moers

Nordstadt Projekt geht in die zweite Runde - "Dornröschen" soll zu neuem Leben erwachen

Das Projekt "Dornröschen" geht in die zweite Runde: Am 26. August wird im Kunstsalon Hannover eine Ausstellung mit Gemälden von Christa Reinhardt eröffnet. Der Erlös soll den Biergarten wiederbeleben – und damit Flüchtlingen Arbeit geben.

Juliane Kaune 12.08.2016

Zwei Unbekannte haben am Sonntagabend am Weidendamm (Nordstadt) einen 25-jährigen Skater mit einem Messer bedroht und ausgeraubt. Die Täter flohen mit Skateboard, Bose-Lautsprecher und dem iPod des Opfers.

08.08.2016

Kein Jubiläum im klassischen Sinne, aber doch eine runde Sache: Die Klangbüchse feiert in diesem Jahr ihr 40. Jubiläum. Der Verein schafft ein bemerkenswertes Kleinkunstangebot im Norden.

08.08.2016
Anzeige