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Nordstadt Im Theaterwalk verschwimmen Realität und Inszenierung
Hannover Aus den Stadtteilen Nordstadt Im Theaterwalk verschwimmen Realität und Inszenierung
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02:15 10.09.2017
Verdrehte Realität: Das Video zeigt gestellte Szenen an wirklichen Orten, die die Zuschauer besuchen. Quelle: Nele Schröder
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Hannover

„Spielt ihr Pokémon Go oder was“?, fragt ein lachender Passant einen Mann, der mit einem grellgrün eingepackten iPad durch die Straße läuft. Der Mann ist Teil einer ganzen Gruppe, alle mit grünen Tablets. Die Frage scheint also angebracht. Aber auch wenn sich alle Mitglieder halb in der virtuellen Welt, halb in der realen fortbewegen, spielt keiner von ihnen das bekannte Smartphone-Spiel. Vielmehr sind sie Besucher eines Theaterprojektes mit dem Namen „Stadtschluchten – Nordstadt Walk“.

Info

Weitere Termine für die Aufführung sind der 8., 9. und 10. September. Treffpunkt ist die theater erlebnis Studiobühne in der Kornstraße 31. Karten kosten 15, ermäßigt 10 und für Schüler 6,50 Euro. Reservierungen unter 3 97 07 94 oder kontakt@theater-erlebnis.de.

Im Rahmen des Projektes bekommt jeder Besucher ein Tablet und Kopfhörer zur Verfügung gestellt. 29 sind verfügbar. Auf dem Tablet läuft dann ein Film ab, der einen wie ein Navi zu Stationen im ganzen Stadtteil führt. Die Besuchergruppen werden aufgeteilt und laufen unterschiedliche Routen ab, treffen zwischendurch jedoch immer wieder aufeinander. Inszeniert wurde das Projekt von Tim von Kietzell, Inka Grund und Serkan Lacin vom theater erlebnis in der Kornstraße. „Die Frage, die wir uns gestellt haben, war vor allem, wie weit man zwischen Wirklichkeit und Spiel gehen kann“, erklärt Tim von Kietzell die Idee der Inszenierungsform. Der Begriff „Stadtschluchten“ bezieht sich auf die Straßen und Bürgersteige als die wichtigsten Organe einer Stadt.

Inszeniert oder ungeplant?

Das Leben und vor allem die Erlebnisse auf den Straßen des Stadtteils sind der Inhalt des Stücks. Während man durch die Nordstadt läuft, werden mit verschiedenen Methoden Geschichten erzählt. Nordstädter Bürger, von alten Menschen bis hin zu Flüchtlingen, erzählen Anekdoten über Dinge, die ihnen in den Straßen des Stadtteils widerfahren sind oder von Assoziationen, die sie mit den besuchten Orten verbinden. Die Inhaber von lokalen Gewerben wie der Kaffeerösterei 24 Grad oder der Kleinen Bäckerei stellen diese über Kopfhörer vor und erzählen, warum sie glücklich mit der Wahl des Stadtteils sind. Teils im Video, teils in Wirklichkeit präsentieren sich den Zuschauern Szenen, die so alltäglich wirken, dass man bis zum Ende nicht sicher sein kann, ob sie nun inszeniert oder ungeplant sind. Im Außenbereich der Kneipe „Was Nun?“ beginnen zwei Frauen unvermittelt damit, einander anzuschreien.

Die Vorgeschichte dieses Vorfalls wird im Verlauf des Spaziergangs nach und nach, abwechselnd mit kurzen Szenen und Videoaufnahmen, klar. Durch das Stück hindurch versucht ein Liebespaar, sich in den Straßen der Nordstadt zu finden und tritt dabei sowohl im Film als auch persönlich in Erscheinung. Dabei verschwimmen die Grenzen von Realität und Inszenierung und man kann nicht sagen, ob der Punk, der anfängt, die Gruppe zu filmen und dabei mit ernster Stimme über Pokémon-Go-Spieler berichtet, Teil des Stücks oder doch einfach nur ein Nordstädter Urgestein ist.

Gemischte Reaktionen

Die Reaktionen der Passanten gegenüber dem Projekt sind gemischt. Viele ignorieren die Szene, die sich ihnen bietet. Auf einem Spielplatz lacht ein kleiner Junge schrill auf, als ein Gummistiefel auf einem ferngesteuerten Auto herumfährt und dabei Musik spielt. Dabei agieren die Akteure auch mit den Passanten und bleiben ganz in ihren jeweiligen Rollen. Als die Gruppe sich am Ende des Rundgangs wieder dem theater erlebnis nähert, wo der Spaziergang beginnt und endet, hört man in der Menge Gemurmel. „Man sieht die Welt jetzt mit ganz anderen Augen“, flüstert eine Besucherin. Das Projekt findet bereits zum zweiten Mal statt. „Dieses Jahr wollen wir das verbessern, was vergangenes Jahr noch nicht ganz so gut gelaufen ist. Außerdem erzählen wir ein paar der Geschichten weiter“, erklärt von Kietzell. Wenn man die Aufführung letztes Jahr verpasst hat, tut das der Faszination am Projekt jedoch keinen Abbruch.

Der Theaterwalk ist für jeden etwas, unabhängig vom Wohnort, ob man nun als Nordstädter den eigenen Stadtteil neu erleben oder als jemand „von außerhalb“ etwas lernen möchte. Eine außergewöhnliche Erfahrung ist es allemal. „Am liebsten würden wir das Projekt im nächsten Jahr auch in Linden machen. Oder am Bahnhof“, sagt von Kietzell. „Aber das ist bisher nur ein Traum.“

Von Nele Schröder

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